Startnachtrag

Wie schon hier beschrieben, ist der Start für SoBos komplizierter als für NoBos. Ich will Euch dann mal kurz darüber berichten, wie das bei mir funktioniert hat und inwieweit ich das nochmal so machen würde.

Wir hatten uns vor allem aufgrund der Tatsache, dass die Straße zum Harts Pass wegen Erdrutschen zum damaligen Zeitpunkt gesperrt war, für die Alternative über den Pacific Northwest Trail (PNT) ab dem Ross Lake entschieden (ich habe aber im weiteren Verlauf auch noch einige getroffen, die den „Klassiker“ vom Harts Pass gewählt haben als dies wieder möglich war). Wir haben zudem am Ross Lake die Möglichkeit einer Bootsfahrt zur Devil´s Junction genutzt, das macht Sinn wenn man zu mehreren ist und sich den Preis teilen kann.

  1. Vom Ross Lake zum Holman Pass und weiter zum Monument

Vorteile:

  • Der Abschnitt auf dem PNT zum Holman Pass ist direkt sehr beeindruckend, ein wunderbarer Hinweis darauf, was einen in Washington erwartet.

Nachteile:

  • Letzteres gilt auch für die Schwierigkeiten: die rund 50 Km zum Holman Pass sind brutal. Steiler Anstieg, viele Blow Downs, teilweise recht problematische Navigation (der PNT ist weit weniger frequentiert und damit schlechter instandgehalten als der PCT) plus eine tricky Flußüberquerung. Aber hey, man weiß dann schon mal, auf was man sich freuen kann😉
  • Wir haben den Transfer innerhalb der teilweise ortsansässigen Gruppe organisiert, deshalb war das kein großes Problem. Ich denke, dass die Organisation ohne einen solchen Hintergrund schwierig ist.

2. Harts Pass-Monument-Harts Pass

Vorteile:

  • Deutlich einfacher zu organisieren (ich kenne einen Trailangel, der Hiker für einen kleinen Obolus dorthin fährt, wer daran Interesse hat, kann sich hier gerne melden).
  • Der Weg bis zum Woody Pass ist einfacher (auch kein Spaziergang, aber das ist in Washington sowieso nichts).

Nachteile:

  • Eben eine deutlich längere Strecke, die man doppelt läuft.

 

Fazit: So hart der Einstieg war (schon am zweiten Tag auf dem PNT hatte ich meinen What-the-fuck-am-I-doing-Moment), ich denke ich würde es nochmal so machen, vorausgesetzt man ist nicht alleine (ich würds nur in einer Gruppe machen, ansonsten den Harts Pass nehmen).

The Great American Novel – Lesetipps zum (Wieder-)Entdecken (und nicht nur) für den PCT

Wie schon einmal gesagt, ist die Frage nach Unterhaltung auf dem PCT eine Abwägfrage zwischen Komfort und Gewichtseinsparung. Ich hatte bereits erwähnt, dass ich persönlich trotz einiger Bücher auf dem Smartphone, genau keine einzige Seite gelesen habe, ich denke das man abends schlicht zu müde ist und in den Städten in der Regel besseres zu tun hat (manche Wanderer schwören auch auf Hörbücher). Wer doch Angst hat, einen absoluten Langeweilekoller zu bekommen, dem würde ich hier eine kleine Auswahl so genannter Great American Novels – also quasi des amerikanischen Äquivalents zu den Buddenbrooks – empfehlen, die ich selbst großartig finde und die einen dieses Land, wenn man auf dem PCT unterwegs ist, noch besser verstehen lernen (die Auswahl ist dementsprechend auch recht speziell; die folgenden Romane spielen fast alle mit den Topoi Bewegung, Dynamik, Frontier, dem Westen – Großstadtklassiker wie Fitzgeralds The Great Gatsby, dos Passos´ Manhattan Transfer oder Roths The Bonfire of the Vanities, Faulkners Südstaatenepen und Steinbecks Sozialkritik, fehlen deshalb, was nicht heißen soll, dass man diese Dinge nicht alle auch mal wieder lesen könnte). Die meisten davon dürften bekannt sein, aber möglicherweise kann das hier als Anregung dienen, diese Bücher nochmals wiederzuentdecken – das gilt selbstverständlich nicht nur für potentielle Langstreckenwanderer, sondern auch für lange Abende im Dezembergrau. Ich persönlich bin ja ein Freund davon sowas im Original zu lesen, ich habe mich aber bemüht Werke auszuwählen, von denen es eine gute, möglichst neue Übersetzung gibt.

  1. Herman Melville – Moby-Dick, 1851 (dt. Moby-Dick, neu übersetzt von Matthias Jendis, 2001)

Viel zu sagen gibt es zu diesem Buch wohl nicht mehr. Kapitän Ahabs hasserfüllte Jagd auf den Weißen Wal, der als Symbol für so vieles herhalten kann, der tiefgründige Ich-Erzähler Ishmael und dessen Freundschaft mit Queequeg, ist eines der bedeutendsten Stücke der Weltliteratur und nach J.F. Coopers Last of the Mohicans eine DER Great American Novels des 19. Jahrhunderts.

2. Mark Twain, The Adventures of Tom Sawyer, 1876 & The Adventures of Huckleberry Finn, 1884 (dt. Tom Sawyer & Huckleberry Finn, neu übersetzt von Andreas Nohl, 2010).

Viel mehr als ein Jugendbuch: ein Sozialporträt der ländlichen USA im 19. Jahrhundert, alltäglicher Rassismus im amerikanischen Süden, der Mississippi als Mutter aller Ströme, bissig, sarkastisch, großartig.

3. Jack London – Call of the Wild, 1903 (dt. Der Ruf der Wildnis, 2013)

Die Härten der letzten Frontier in Alaska, aus der Perspektive des Schlittenhundes Buck und passend zum gerade begangenen 100. Todestag von Jack London. Definitiv ein Roman, den man mal wieder zur Hand nehmen kann, wenn man die amerikanische Obsession mit Wildnis nachvollziehen will.

4. Jack Kerouac, On the Road : The Original Scroll, 1957/2007 (dt. On the Road: Die Urfassung, 2010).

Eines der bis heute am häufigsten gestohlenen Bücher in Amerikas Buchläden, need I say more? Wer bislang nur die Originalversion kennt, unbedingt die Urfassung lesen. Nicht nur taucht darin der „reale“ Neal Cassady und nicht das Pseudonym Dean Moriarty auf, auch die Sprache ist roher, expliziter- dieses Buch groovt auch heute noch.

5. Cormac McCarthy – Blood Meridian or the Evening Redness in the West, 1985 (dt. Die Abendröte im Westen, 1996).

Der amerikanische Westen als ein Delirium aus Gewalt, quasi ein Apocalypse Now der Frontier, unerreicht sprachgewaltig, Sätze die sich ins Hirn meißeln: „War was always here. Before man was, war waited for him.“ Ein Must-Read.

6. Larry McMurtry, Lonesome Dove, 1985 (dt. Weg in die Wildnis, 1990).

Ein Epos der Frontier, eine Liebesgeschichte und der nostalgische Blick zurück auf eine Welt, die es nicht mehr gibt. Konventionell und trotzdem fesselnd, einer der wenigen Western mit literarischem Anspruch.

7. E.L. Doctorow, The March, 1995 (dt. der Marsch, 1997)

Der amerikanische Bürgerkrieg als alles umfassende Gewalt, Shermans Marsch an den Atlantik als unerbittlicher Rhythmus des Lebens, der alles durchdringt und mit sich reißt.

8. Don deLillo – Underworld, 1997 (dt. Unterwelt, 1998).

Ein Baseball der Brooklyn Dodgers und die Atombombe als shot heard around the world, Müll als Kunstprojekt in der Wüste Arizonas – kurz ein fantastisches Panorama des Kalten Krieges in den USA, von einem der ganz Großen der amerikanischen Literatur, der längst dieses Ding in Stockholm verdient hätte.

9. Thomas Pynchon, Mason & Dixon, 1997 (dt. Mason & Dixon, 1999).

Die Landvermesser der symbolträchtigsten Grenzlinie Amerikas, die Schattenseiten der Aufklärung, eingebettet in das überbordende Universum der Pynchon´schen Postmoderne – dennoch einer seiner zugänglichsten Romane (also zugänglicher als Gravity´s Rainbow oder Against the Day).

10. Denis Johnson, Tree of Smoke, 2007 (dt. Ein gerader Rauch, 2008).

Ein postmodernes Herz der Finsternis, der amerikanische Albtraum in Vietnam und wie er die Mythen der Vereinigten Staaten durchdringt und zerstört. Für mich das beste Werk des großartigen Denis Johnson (auch wenn Fiskadoro ebenfalls sehr zu empfehlen ist) und einer der besten Romane über Vietnam, DEN amerikanischen Schock des 20. Jahrhunderts.

11. Philip Meyer, The Son, 2013 (dt. Der erste Sohn, 2014)

Das unzerstörbare Vermächtnis der Westward Expansion als texanische Familiensaga, das Vermischen der (Gewalt-)Kulturen, eine Art literarisches „Legacy of Conquest“.

Ich hoffe damit einige von Euch dazu inspiriert zu haben, diese Bücher (neu- oder wieder) zu entdecken, das ein oder andere Lagerfeuer könnte damit noch stimmungsvoller werden. Viel Spaß beim Schmökern.

Der Burger

Ein Burger ist ganz klar der absolute Klassiker der Stadternährung auf dem Trail und gleichzeitig wohl DAS archetypische amerikanische Gericht, welches spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen weltweiten Siegeszug antrat und zu einem Signum des so genannten American Empire wurde. Der Historiker Josh Ozersky hat das in seiner Geschichte des Hamburgers so beschrieben: „Even before the hamburger became a universal signifier of imperialism abroad, and unwholesomeness at home, it had a special semiotic power…At the end of the day, nothing says America like a hamburger.“

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Over the Top Pulled Pork Burger, yeah!

Es ist recht umstritten wann der Burger genau das Licht der Welt erblickte. Manche Historiker sehen bereits das Rezept einer gewissen Hannah Glasse aus ihrem Kochalmanach Art of Cookery, Made Plain and Easy des Jahres 1763 als eine Art Burger-Prototyp, allerdings ging es hier, wie auch bei den um 1800 nach deutschen Einwanderern benannten, hamburger steaks, noch nicht darum, das Ganze zwischen zwei Brötchenhälften zu stecken. Diese Urheberschaft beanspruchen gemeinhin 3 unterschiedliche Leute und Örtlichkeiten zwischen den Jahren 1885-1892 für sich: Charles Nagreen aus Seymour/Wisconsin, Frank Mensches aus Akron/Ohio oder Louis Lassen aus New Haven/Connecticut. Manchmal werden auch noch Texas und Oklahoma zu einer ähnlichen Zeit als  Ursprungsorte genannt, wirklich auflösen lässt sich das vermutlich nie und braucht uns auch nicht weiter zu interessieren. Was in jüngerer Vergangenheit jedoch auffällt und auch von den Feuilletons hierzulande unter halb-witzigen Titeln wie „Die neue Burgerlichkeit“ aufgegriffen wurde, ist die Emanzipation des Burgers von einem klassischen Fast Food Gericht á la McDonalds oder Burger King. Stattdessen werde der Burger neuerdings zu einem „hochwertigen“ gastronomischen Gericht – und das lässt sich an der wachsenden Zahl von Burgerangeboten in Kneipen und Restaurants durchaus auch empirisch nachvollziehen. Umso erstaunlicher, dass es in Deutschland nach wie vor extrem schwierig ist, einen Burger zu bekommen, der den Namen auch verdient – ich kenne in ganz Deutschland genau einen einzigen Laden, der einen wirklich guten Burger macht und der wird von Amerikanern betrieben. Aus diesem Grunde möchte ich Euch erstens gerne einige Grundsätze eines guten Burgers vorstellen und zweitens 2 Burgerrezepte aus God´s own Country an die Hand geben (eines ein Klassiker, eines etwas fancier), damit ihr nachvollziehen könnt, wie genial ein guter Burger nach einer langen PCT-Woche schmeckt.

Zu den Grundsätzen:

  • Der Burger ist ein Fleischgericht, deshalb sollte das Fleisch auch im Mittelpunkt stehen. Aus diesem Grund wird ein Burger NIEMALS durchgebraten sondern medium oder rare gegessen – deshalb ist es wichtig für die Patties kein normales Rinderhack sondern Hackfleisch aus der Hüfte oder noch besser vom Rumpsteak (weil höherer Fettgehalt) zu verwenden und auch mit der Menge nicht zu sparen (ein Burger besteht mindestens aus 200-250 Gramm Fleisch).
  • Um den Fleischgeschmack nicht zu stark zu übertünchen, gehören auf einen Burger auch nicht zig unterschiedliche Saucen, sondern maximal 2 – klassisch Ketchup (und bitte, bitte von Heinz oder selber gemacht) und Senf, oder eine Burgersauce bestehend aus Ketchup (60%) und Mayonnaise (40%), die man miteinander verrührt.
  • In die Burgermasse kommt ausschließlich Salz und Pfeffer und evt. ein wenig Parmesan für die Bindung, aber kein Ei, Semmelbrösel oder sonstiges. Dann ist es wichtig die Masse nicht zu stark „durchzuwalken“, wie einen Teig, sondern mit angefeuchteten Händen, sanft die Patties zu formen – seid lieb zu dem Fleisch, streichelt es😉
  • In der – immer vorgeheizten – Pfanne, in der sich dann etwas Sonnenblumenöl befindet, oder auf dem Grill, wird der Burger dann nicht zig-mal gewendet, sondern in der Regel genau einmal. Ca. 5 Minuten auf jeder Seite braten (auf dem Holzkohlegrill entsprechend weniger, ca. 2-3 Minuten).
  • Wenn irgend möglich, benutzt keine fertigen Burgerbrötchen (buns), sondern macht diese selber, Rezept gibts am Ende.
  • Ein Burger wird NIEMALS mit Messer und Gabel gegessen, sondern, sollte er zu dick sein, mit der flachen Hand zusammengedrückt.

Die Rezepte:

Bacon-Cheese-Burger:

Zutaten für 4 Stück: 800 Gramm Rinderhack, 4 Scheiben Cheddar, 4 Scheiben Bacon, 4 Kopfsalatblätter, 4 dünne Tomatenscheiben, Senf, Ketchup.

Zubereitung: Bacon knusprig braten und zur Seite stellen, im Baconfett die Patties medium garen, eine halbe Minute vor dem Ende der Bratzeit die Cheddarscheiben auf den Patties anschmelzen lassen. Ketchup, Senf auf die Unterseite der Buns streichen, Pattie, Bacon, Salat, Tomaten, in dieser Reihenfolge da drauf, fertig.

Blue Cheese Burger mit Feigen-Relish und karamellisierten Zwiebeln:

Zutaten für 4 Stück: 800 Gramm Rinderhack, 70-80 Gramm Gorgonzola (oder einen anderen Blauschimmelkäse), 4 Kopfsalatscheiben, 4 dünne Tomatenscheiben, wer mag einige rote Zwiebelringe.

Für die karamellisierten Zwiebeln: 1 rote Zwiebel in Streifen geschnitten, 1 EL Olivenöl, 1/2 TL Kräuter der Provence, 1 EL Balsamico, Salz, Pfeffer.

Für das Feigenrelish: 75 (5-6 EL) Gramm Feigenmarmelade, 1 EL Balsamico, 1 EL Sojasauce, 1 EL Worcestersauce, Pfeffer.

Zubereitung:

Die Patties zunächst sanft relativ flach drücken und dann eine kleine Kugel Gorgonzola in die Mitte setzen und in das Pattie „einarbeiten“, möglichst vorsichtig und versuchen so zu verschließen, dass nichts rausläuft beim Späteren, üblichen, Mediumgaren.

Die Zwiebelstreifen im Olivenöl bei mittlerer Hitze zunächst 3 Minuten bräunen, dann die Kräuter zufügen und unter Rühren weitere 10-12 Minuten braten. Dann salzen und pfeffern, sowie den Balsamico zufügen und nochmal 8-10 Minuten weiterbraten, bis sie ganz weich sind. Zur Seite stellen.

Alle Zutaten für das Relish verrühren und samt den karamellisierten Zwiebeln in einem Topf 1-2 Minuten kochen, bis ein dickflüssiges Relish entsteht. Etwas Relish auf die Unterseite der Buns, Patties, darauf dann den Rest Relish, Salat, Tomaten, evt. Zwiebeln (dieser Burger schmeckt übrigens auch als so genannter Pretzl Burger, also mit einem Laugenbrötchen).

Burger Buns:

Zutaten für 6-8 Stück (je nachdem wie groß man sie formt): 450 Gramm Mehl Typ 550, 1,5 TL Salz, 2 TL Zucker, halbes Päckchen Trockenhefe, 150ml lauwarmes Wasser, 150ml lauwarme Milch, etwas Sonnenblumenöl, wer möchte Sesamsamen zum Bestreuen.

Zubereitung: Mehl in eine Schüssel sieben, Salz, Zucker und Hefe unterrühren. In der Mitte eine Vertiefung hineindrücken und Wasser und Milch da hinein. Dann zunächst mit einem Kochlöffel, danach mit den – gut bemehlten – Händen einen Teig kneten, bis er sich vom Schüsselrand löst. Nochmal ca. 10 Minuten weiterkneten. Den Teig mit etwas Öl bestreichen und an einem warmen Ort, zugedeckt ca. 1 Stunde gehen lassen, bis er sich verdoppelt hat. Daraus 6-8 Kugeln formen und diese dann mit der flachen Hand zu Brötchen formen und drücken und auf ein mit Backpapier ausgelegtes Blech legen. Diese mit einem feuchten Tuch abdecken und nochmal 30 Minuten gehen lassen. Mit etwas Öl bestreichen, wer mag mit den Sesamsamen bestreuen und im vorgeheizten Ofen bei 200 Grad 15-20 Minuten goldbraun backen.

So folks, try this stuff, you´ll dig it!

 

 

 

 

Populismus – eine amerikanische Tradition

Man kann diesen Beitrag auch als Fortsetzung der großen Warum-Frage lesen, es wird sich im Folgenden darum drehen, deutlich zu machen, dass populistische Bewegungen in den USA nichts Neues sind. Nun soll hier weder einer historischen Zwangsläufigkeit das Wort geredet werden – derlei teleologische Interpretationen sind oft genug nur unzulässige Vereinfachungen und nachträglich vorgenommene Versuche vergangenem Geschehen eine retrospektive Rationalisierung zuzuschreiben, die es nicht immer zwingend gegeben hat – noch soll das hier ein Xanax in Blogform sein. Jede der unten vorgestellten populistischen Strömungen hatte ihren je eigenen historischen Kontext und ich halte Herrn Trump auch nach wie vor für außerordentlich gefährlich weil unberechenbar. Es soll aber darum gehen aufzuzeigen, dass das Phänomen Trump nicht vom Himmel gefallen ist und die hier aufgeführten Beispiele (die ich der Anschaulichkeit halber auch einmal recht zitatlastig vorstellen will) einige Topoi miteinander gemeinsam haben, die man auch heute wiederfindet. Dazu gehört erstens eine ausgeprägte Eliten- und Establishmentablehnung – häufig auch verbunden mit Kritik am Zweiparteiensystem – sowie ein konstruierter Antagonismus zwischen Stadt und Land (deswegen bezeichnen manche Historiker spezifische populistische Bewegungen auch als Rural Radicals).

  1. Old Hickory – Andrew Jackson als Präsident des common man

Bis zur Präsidentschaft Andrew Jacksons von 1829-1837 wurden die USA entweder von Repräsentanten der südstaatlichen Pflanzerelite wie Thomas Jefferson oder James Monroe (Virginia Aristocracy) regiert, oder aber ein Vertreter des Bostoner Großbürgertums stellte das Regierungsoberhaupt (Adams Dynasty). Gegen diese vermeintlich elitäre, nur eine gehobene Schicht repräsentierende, Politikerkaste trat 1828 Andrew Jackson an, ein Mann mit gefürchtetem Temperament, der ungezählte Duelle zur Verteidigung seiner Ehre, oder die seiner Frau, ausfocht (und dabei mindestens einen Gegner tötete und selbst zahlreiche Schußwunden davontrug). Er tat dies mit einem Programm, das sich dezidiert an das „gemeine Volk“ richtete, die Probleme der Farmer an der Frontier ansprach und eine radikale Ablehnung der Zentralbank beinhaltete. Er selbst drückte das so aus: „It is to be regretted that the rich and powerful too often bend the acts of government to their own selfish purposes…The planter, the farmer, the mechanic, and the laborer… form the great body of the people of the United States, they are the bone and sinew of the country men who love liberty and desire nothing but equal rights and equal laws.“ Die meisten Historiker sehen in der Phase des Jacksonian America überhaupt erst den Durchbruch der modernen Massendemokratie (und dafür spricht auch vieles), allerdings wurden die Erfolge in dieser Hinsicht von einer beispiellos rücksichtslosen Vertreibungspolitik (Trail of Tears) bestimmter Native Americans und einem erbittert geführten Streit um die Rolle der Zentralbank begleitet, der schwere Zerwürfnisse zur Folge hatte. Festhalten kann man aber, dass Jackson der erste Populist im Weißen Haus gewesen ist.

2. The Peoples´s Party – der Populismus der 1890er

Eine der wirkmächtigsten Drittparteien in der Geschichte der USA war die so genannte People´s Party der 1890er Jahre, die sich für die Präsidentschaftswahl von 1896 mit der Demokratischen Partei zusammentat und einen Erfolg nur relativ knapp verpasste. Diese Partei hatte es sich auf die Fahnen geschrieben, eine Politik für die vergessenen Farmer und Rancher des ländlichen Amerika zu betreiben und wetterte gegen das Großkapital und die Morallosigkeit in den rasant wachsenden Städten. Im Grundsatzprogramm der People´s Party von 1892 steht geschrieben: „We have witnessed for more than a quarter of a century the struggles of the two great political parties for power and plunder, while grievous wrongs have been inflicted upon the suffering people.“ Die Populisten stellten zwar nie den Präsidenten, aber mit William Jennings Bryan in der Folge einen Politiker, der das Programm der Demokratischen Partei für eine lange Phase massgeblich mitprägte.

3. Every Man a King – Huey Long

„I’d rather violate every one of the damn conventions and see my bills passed, than sit back in my office, all nice and proper, and watch ‚em die.“ Huey Long – Gouverneur und Senator von Louisiana von 1928-1935, wo er an den Folgen eines Attentats starb – gehört zu den schillernderen Figuren der jüngeren amerikanischen Geschichte. Long war ein Linkspopulist, der eine Umverteilung des Reichtums forderte und sich damit gegen den seiner Ansicht nach viel zu moderaten New Deal F.D. Roosevelts wandte. Er war für seine radikalen Methoden bekannt, wenn es um die Durchsetzung von Gesetzen ging („I used to get things done by saying please. Now I dynamite ‚em out of my path.“) und ein erbitterter Streiter für die seiner Ansicht nach zurückgelassenen Armen des Landes („All I care is what the boys at the forks of the creek think of me.“). Er wollte 1936 gegen Roosevelt um die Kandidatur der Demokratischen Partei antreten, dies wurde dann durch erwähntes Attentat verhindert, es ist umstritten – und letztlich auch müßig – welche Chancen er gegen den populären Roosevelt gehabt hätte.

4. The Politics of Rage – George Wallace

Der Segregationist George Wallace, langjähriger Gouverneur von Alabama, besitzt möglicherweise die größte Ähnlichkeit mit Trump – das fiel auch der  NY Times auf. Ein unberechenbares Temperament (Wallace versuchte höchstpersönlich afro-amerikanische Studenten daran zu hindern, durch die Eingangstür einer jüngst desegrierten Universität zu gehen) und die rücksichtslose Nutzung rassistischer und anti-elitärer Ressentiments waren die Basis von Wallace Erfolg, zudem galt er als mitreißender Redner (berühmt seine infame Segregations-Rede). Die Politik in Washington werde von einem „Eastern establishment“ kontrolliert und bestehe aus „Pointy-head intellectuals and bearded professors who can’t even park a bicycle straight“, immer wieder donnerte er gegen „welfare mothers who breed children like a cash crop, hippies and demonstrators, that despicable scum.“ 1968 trat Wallace als unabhängiger Kandidat für die Präsidentschaft an (genau wie 1964, 1972 und 1976) und schaffte es in diesem Jahr 5 Staaten des tiefen Südens und insgesamt 13,5% der Stimmen zu gewinnen – eine der erfolgreichsten Kampagnen einer Drittpartei in der Geschichte der USA.

5. Theres a Crowd: Ross Perot

Auch mit dem Milliardär Ross Perot verbindet Trump so einiges. Perot trat 1992 als Unabhängiger an und erreichte über 18% der Gesamtstimmen (im Unterschied zu Wallace aber keine Wahlmänner). Damit war er nach Theodore Roosevelt 1912 der erfolgreichste Drittparteienkandidat in der Popular Vote. Er trat mit einem Programm an, dass den Kongress als untätig denunzierte, wetterte gegen illegale Einwanderung („We must make sure illegal immigrants stop storming our borders. We must establish the correct criteria, such as our need for certain job skills or education, for granting the right to immigrate into the United States.“) und inszenierte sich als erfolgreicher Unternehmer, der sehr viel besser die Probleme des Landes in den Griff bekäme als die Berufspolitiker in Washington („In business, people are held accountable. In Washington, nobody is held accountable. In business, people are judged on results. In Washington, people are measured by their ability to get reelected.“). Sounds familiar?

Man kann also sehen, dass Populismus eine lange Tradition in den USA hat, aber selten war er so erfolgreich. Deshalb muss man hoffen, dass Trump jetzt ernst meint, das er eigentlich vieles nicht ernstgemeint hat, möglich ist das, aber ich habe meine Zweifel.

 

 

 

Schneenachtrag

So nach der ganzen Trump-Aufregung (wobei ich dazu auf Dauer noch einen Beitrag in petto habe…) gibts jetzt zur Abwechslung mal wieder was für die Wander-Freunde:

Wie bereits hier und hier beschrieben, sollte man als Sobo in Washington grundsätzlich mit Schnee rechnen. Hier ein paar Eindrücke wie das tatsächlich ausgesehen hat und einige Tipps, wie man da gut durchkommt. Wir haben uns nun grundsätzlich an besagte Faustregel gehalten und das würde ich auch auf jeden Fall so machen. Ungefähr 7-10 Tage warten, nachdem das Schneelevel am Harts Pass 0 inches erreicht hat. Dann wird an den Nordhängen ziemlich sicher zwar immer noch Schnee liegen und einige Traversen können durchaus furchteinflössend sein, aber alles in allem ist der Schnee dann bewältigbar.

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Was man an zusätzlicher Ausrüstung für Navigation und Schneewandern mitnimmt, hängt natürlich stark vom individuellen Sicherheitsbedürfnis und der Erfahrung mit derlei Bedingungen ab. Ich hatte einen kleinen Kompass, aber kein „richtiges“ GPS dabei (es gab aber insgesamt 2 davon in unserer Gruppe, gebraucht wurden sie nicht). Hier kann es dann wieder sinnvoll sein, zunächst mit ein paar Leuten zusammen zu gehen, um sich diese Ausrüstungsdinge zu teilen. Was die meisten Wanderer dabeihaben (ich zugegebenermassen nicht, würde das aber für einen kompletten SoBo-Thru Hike ändern), ist ein so genannter Personal Locator Beacon (Spot Device) oder Satellite Communicator (letzterer dient dann gleichzeitig auch als GPS). Diese Teile erlauben einem erstens Freunde und Familie daheim über den derzeitigen Aufenthaltsort zu informieren und damit auch zugleich mitzuteilen, dass man noch nicht in die Schlucht gestürzt ist und zweitens im Fall der Fälle einen Notruf abzusetzen, um dann ggf. ausgeflogen werden zu können.

Ich hatte mir dann vor Ort tatsächlich noch folgende Microspikes und diesen Eispickel zugelegt. Die Spikes kann ich wärmstens empfehlen, funktionieren sehr gut, bieten genügend Halt und lassen sich auch sehr einfach an- und ausziehen. Zum Pickel kann ich nichts sagen, weil ich das Ding nie benutzt habe (und ich würde auch sagen, dass man bei ähnlichen Bedingungen wie in diesem Jahr, sehr gut ohne klarkommt). Von den Rahmendaten bzgl. des Gewichts ist der Grivel aber im ganz guten Bereich, es gibt leichtere, aber auch deutlich schwerere Modelle.

Zusammenfassend würde ich sagen, dass man sich in einem Jahr wie diesem vor dem Schnee nicht grundsätzlich zu fürchten braucht, das ist machbar, wenn man eine gewisse Vorsicht walten lässt, möglichst nicht alleine unterwegs ist und als Ausrüstungszusatz die Spikes dabeihat. Um das Ganze etwas zu Visualisieren und Euch auch nochmal einen Eindruck davon zu verschaffen, was einen als SoBo in Washington erwartet und was für eine großartige soziale Erfahrung der PCT ist, gibts hier das wunderbar gemachte Video einer meiner PCT-Buddies (fast alles auf koreanisch, das tut dem Ganzen aber keinen Abbruch), in dem ich zumindest eine Teilrolle spiele (ich hasse blow-downs ;)) und das bei mir vor allem so ab Minute 13 dann doch wieder große Wehmut aufkommen lässt – the Dirty Dozen, I miss all of them:

 

Warum?

Ein bescheidener Versuch das scheinbar unerklärliche erklärbarer zu machen, mehr kann das hier nicht sein und dieser Versuch wird notwendigerweise auch sehr lückenhaft und unvollständig sein. Es ist zudem ein Analyseexperiment, das sich dem Ganzen zunächst aus einer klassischen Historikerperspektive nähert und trotzdem versucht, Ursachen aus unterschiedlichen Perspektiven und auf verschiedenen Ebenen zu finden.

  1. Perzipiertes Außenseitertum
  • „I am already a revolutionary against the present liberal order…Liberals claim to want to give a hearing to other views, but then are shocked and offended to discover that there are other views (William F. Buckley, 1958).“ Buckley gehört ohne jeden Zweifel zu den wichtigsten Exponenten einer konservativen Bewegung, die im Laufe der 1950er Jahre und mit zunehmender Intensität während der vermeintlich „linken“ 1960er Jahre Gestalt annahm und sich zunächst hauptsächlich als eine rechtsintellektuelle Sammlungsbewegung in Organisationen wie den Young Americans for Freedom und der Bewegung, die Barry Goldwater 1964 zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten nominierte, institutionalisierte. Sie vereinte zeitweise traditionalistischen Konservatismus im Stile Buckleys und später Phyllis Schlaflys, radikal-libertäre Marktanarchisten wie Ayn Rand, teilweise auch rassistische Segregationisten aus dem Süden um George Wallace und ab den 1970er Jahren zudem den immer wichtiger werdenden Neo-Fundamentalismus der evangelikalen Rechten um Leute wie Jerry Falwell und seine Moral Majority. Auch wenn ideologisch außerordentlich heterogen, so gab es hauptsächlich zwei Dinge, die diesen grass-roots Conservatism zusammenhielten: einen radikalen Anti-Kommunismus und die Ablehnung des sich seit dem New Deal herausgebildeten, keynesianischen Steuerungsstaats, den man als bevormundend und illegitim dirigistisch wahrnahm. Gemeinsam war diesen Leuten auch das machtvolle Gefühl, von einem liberalen Hegemoniediskurs in Medien und Universitäten umzingelt zu sein, der keine andere Wahrheit als die des liberalen Konsenses mehr zuließ. Dies wurde durch die großangelegten Sozialstaatsprogramme unter Lyndon B. Johnson, wie die Great Society oder den War on Poverty (und man kann diese Ablehnung bis zu Projekten wie Obamacare weiterverfolgen) und von einem liberal dominierten Supreme Court aus dieser Warte bestätigt, der mit Entscheidungen zur Abtreibung (Roe vs. Wade, 1973) oder zur Todesstrafe (Furman vs. Georgia, 1972) diese liberale Weltsicht scheinbar zementierte. Nun war es der Anti-Kommunismus, der es mit Mühe und Not schaffte als Brückenideologie zwischen Liberalen und Neo-Konservativen zu dienen, dieser fiel mit dem Ende des Kalten Krieges weg. Damit war der Weg dann frei, die im Prinzip schon lange unüberbrückbaren Differenzen eruptierten in den Culture Wars und der „konservativen Revolution“ der 1990er Jahre unter Newt Gingrich. Auch ein epochaler Einschnitt wie 9/11 vermochte die Gräben nicht mehr – oder wenn dann nur extrem kurzfristig – wieder zuzuschütten. In diesem Sinne kann man die Wahl von vorgestern auch als endgültigen Abschluß des amerikanischen Kalten Krieges interpretieren, in dem sich ein, seit Jahrzehnten als marginalisiert wahrgenommener Gesellschaftsteil, mit Wucht Gehör verschafft hat – und die Persona Trump mit ihrem zelebrierten Außenseitertum genau diese Klaviatur zu spielen verstand. Wer sich für diesen Themenkomplex näher interessiert, dem sei wärmstens Grace Elisabeth Hale, A Nation of Outsiders: How the White Middle Class Fell in Love with Rebellion in Postwar America, ans Herz gelegt.

2. Die Wiederkehr des Marktes

  • Der oben angesprochene, keynesianische Konsens wurde mit den Wirtschaftskrisen der 1970er Jahre, dem „Ende der Zuversicht“, zunächst unter Ronald Reagan durch eine monetaristische, mit Namen wie Friedrich August von Hayek oder Milton Friedman verbundene (man könnte es auch neoliberale nennen), Wirtschaftsdoktrin ersetzt. Dieser Neoliberalismus wurde dann in Teilen auch von den – und hier nimmt das Ganze dann auch eine internationale Dimension an – so genannten New Labour Regierungen um Bill Clinton, Tony Blair und auch Gerhard Schröder fortgeführt, was die Krise der sich ohnehin seit den 1970er Jahren im Niedergang befindlichen, klassischen Industrien der Hochmoderne (Stahl, Kohle, etc.) noch beschleunigte. Auch das führte zu dem Gefühl vieler Menschen, einem vermeintlich naturgesetzlichen Wandel (subsumiert unter dem, nicht zufällig genau in diesem Zeitraum aufkommenden Modewort, Globalisierung) schutz- und hilflos ausgesetzt zu sein und vor allem von den  eigentlich ihre Interessen vertretenden, sozialdemokratischen Regierungen, im Stich gelassen zu werden. Diese Wähler wendeten sich in den USA zunehmend von der Demokratischen Partei ab und konnten bislang nicht wieder zurückgewonnen werden. Hier versammelte sich dann die, vor allem, weiße Arbeiterschicht und Mittelklasse des „Rust Belt“, mit ihren Abstiegs- und Verlustängsten, einer fundamentalen Verunsicherung in vielen Lebensbereichen, die zur Basis von Trumps Wählerschaft wurde ( zu diesem Thema empfiehlt sich Daniel T. Rodgers, Age of Fracture).

3. Medien

  • Als Reaktion auf die vermeintlich liberal dominierte Medien- und Intellektuellenlandschaft – und vor allem im Printmedien- und TV-Bereich ist eine liberale Grundausrichtung in den USA auch nicht zu leugnen, das gilt ebenso für die elitären Bildungsinstitutionen der beiden Küsten – formierte sich zunehmend ein konservatives Medien – und Think Tank-Lager, das sich als Sprachrohr für die Unverstandenen und Zurückgelassenen begriff; Feminismus, Bürgerrechte, Multikulturalismus, Internationalismus (es sei darauf hingewiesen, dass viele Trump-Wähler auch starke Gegner des hierzulande so gern geschmähten Interventionismus und Nation Building mit militärischen Mitteln eines George W. Bush sind) und Sozialprogramme als Teil eines allumfassenden political correctness-Diskurses diffamierend. Das fängt mit der von Buckley 1955 gegründeten Zeitung National Review an, setzt sich mit radikal-konservativen Radiomoderatoren wie Rush Limbaugh ab 1988 fort und gipfelte dann in der Gründung von Fox News 1996. Extrem verstärkt wurde dann, die sich zunehmend abkapselnde, sich nur noch um ihren eigenen Diskurs drehende, konservativ-populistische Meinungsmaschine von den neuen Medien im Internet (Breitbart News, aber auch social media wie FB oder Twitter). Nun muss man hier mit dem Vorwurf sehr vorsichtig sein, konservative und rechtspopulistische Medien reproduzierten nur noch ihr eigenes, „postfaktisches“ (Un-)Wahrheitsuniversum. Denn dieser Vorwurf- das ist für mich eine Lehre aus dieser Wahl – gilt im Prinzip genauso für viele liberale Medien und Intellektuelle, die es nicht vermocht haben zu erkennen, wie groß und tiefsitzend Wut und Unverstandensein auf „der anderen Seite“ sind. Wie es gestern der Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt in der SZ formulierte: „In seinem Elend lamentiert Shakespeare´s König Lear, als er begreift, dass er jeden Bezug zu seinem Volk verloren hat ´O daran dachte ich zu wenig sonst`, der Vorwurf…richtet sich gegen mich selbst“, auch Jürgen Kaube ist in der FAZ dazu ein sehr gelungener Kommentar geglückt.

4. Tagespolitik

  • Hier ist zunächst die in sich zerstrittene Republikanische Partei zu nennen, die mit ihren Flügelkämpfen und der unverantwortlichen Blockadepolitik im Kongress unter Mitch McConnell genau das Bild des unfähigen, nurmehr Eigeninteressen verpflichteten, Washingtoner Establishments selbst hervorbrachte (erster sichtbarer Protestausdruck war hier das Aufkommen der Tea Party ab 2009), das Trump nun so stark zu nutzen wußte. Über die, vor allem hierzulande häufig unterschätzte, massive und oft überparteilich geteilte, Abneigung gegenüber der Kandidatin Hillary Clinton wurde bereits alles gesagt, aber es ist ein weiterer, nicht zu vernachlässigender Grund (inwieweit hier auch die generelle Ablehnung ihres Frauseins eine Rolle spielt, ist schwer zu sagen, ich würde es aber nicht allzuhoch hängen, da spricht doch die große Anzahl weißer Trumpwählerinnen dagegen). Die meisten Beobachter sind sich einig, dass ein anderer Demokrat sehr sehr sicher diese Wahl gewonnen hätte. Hier kommen dann noch strategische Fehler innerhalb der Clinton-Kampagne hinzu, wie der Versuch sich, statt auf zwar umkämpfte, aber tendenziell den Demokraten zuneigende Staaten wie Wisconsin zu konzentrieren, den Versuch zu wagen, ihm klassische republikanische Hochburgen wie Arizona zu entreißen (Clinton war z.B. in ersterem zu keinem einzigen Wahlkampfauftritt, während Obama 2012 dort 4 Mal auftrat) – eine Selbstüberschätzung mit fatalen Folgen.

Ich habe gestern dann eine sehr lange, durchaus differenzierte Mail, von einer bekennenden Trumpwählerin (die einzige Frau in der Hinsicht, die ich auf dem PCT getroffen habe, man muss hier dann schon auch nochmal kurz festhalten, dass ihn eine Mehrheit in den USA nicht gewählt hat) erhalten, der ich gerne das Schlußwort entnehmen würde (denn es muss die Hoffnung bleiben und die Lehre, Leute ernster zu nehmen, so gut das eben geht): „I truly hope that although we have different understandings in many venue’s that we can always agree to disagree without losing faith in one another as a human being.“

Der Tag danach…

Es wird in Bälde auch mal wieder Beiträge für die Freunde des PCT und die historisch interessierten Leser geben, momentan brennt mir dann aber doch diese welthistorische Zäsur auf den Nägeln, auch zahlreiche amerikanische PCT-Freunde sind vollkommen konsterniert. Ich glaube, dass der gestrige Tag irgendwann einer der Momente sein wird, von denen man dann irgendwann immer noch genau weiß, wo man da gerade gewesen ist, was man gemacht hat. Für ältere Generationen war so etwas die Ermordung John F. Kennedys, der Fall der Mauer (welch Ironie der Geschichte im Übrigen) oder für jüngere Menschen 9/11. Erstens würde ich hier mal gerne ein kurzes, kontrafaktisches best-case/worst-case Szenario durchspielen und zweitens doch noch einmal einige historisch grundierte Begründungen suchen (Eure Meinungen dazu sind übrigens herzlich willkommen).

Best case:

  • Es wird im Senat einige moderate republikanische Senatoren geben, die Trump von Anfang an kritisch gegenüberstanden (Ben Sasse aus Nebraska wäre so ein Beispiel), die die radikaleren Vorstellungen, wie Neuverhandlung des NATO-Vertrags, den Mauerbau, zu hohe Staatsausgaben im Verbund mit starken Steuersenkungen zu verhindern wissen.
  • Da Melania Trump und auch die Tochter Ivanka in gesellschaftspolitischen Fragen als sehr liberal gelten, schaffen sie es, einen mäßigenden Einfluß bei Dingen wie Homoehe und dem Minderheitenschutz auf ihn auszuüben.
  • Für Trump war das ganze Wahlkampfgetöse, die Lügen und Hassbotschaften nur der notwendige, skrupellos genutzte Teil, zur Erreichung des Ziels. Viele seiner Ankündigungen will er gar nicht mehr umsetzen, er versucht stattdessen ein durchaus moderater Staatsmann zu sein, der Brücken baut.
  • Vor allem in außenpolitischen Fragen stellt Trump schnell fest, dass viele Dinge sehr viel komplexer sind als er das zunächst dachte und auch die erfahrenen Berater, die er um sich versammelt, konfrontieren ihn ständig mit der Komplexität der internationalen Beziehungen und den Folgen bestimmter außenpolitischer Entscheidungen für die USA. Da es Trump von Anfang an ohnehin nur darum ging, zu beweisen, dass er der mächtigste Mann der Welt werden kann und auf die arbeitsreichen Niederungen der politischen Arbeit kaum Lust verspürt, wirft er nach einem halben Jahr entnervt hin und sein Vize Pence übernimmt.

Worst-case:

  • Von Tag 1 nutzt Trump radikal seine Möglichkeiten mit Hilfe der Kongressmehrheit aus, stoppt Obamacare, setzt massive Steuersenkungen durch und legt ein gigantisches Infrastrukturprojekt – zu dem auch die Mauer zu Mexiko gehört – auf Kiel. Zudem beginnt er mit der Ausarbeitung von Plänen zur Abschiebung der 11 Millionen illegalen Immigranten, auch den Klimaschutz legt er ad acta und steigt aus den internationalen Verpflichtungen hierzu aus, was mittelfristig zu einer ökologischen Katastrophe führt. Die Republikanische Pertei ist bemüht ihn nicht zu verprellen, da man fürchtet ansonsten seine Wähler endgültig zu verlieren und für das Scheitern seiner Politik verantwortlich gemacht zu werden.
  • Trump ernennt zwei erzkonservative Richter für den Supreme Court, die die Rechtsprechung vor allem in gesellschftspolitischen Fragen auf Jahrzehnte prägen.
  • In einem nächsten Schritt erhöht Trump die Einfuhrzölle für chinesische, mexikanische und europäische Waren. Damit hält er erstens sein Versprechen, das Mexiko für die Mauer bezahlen wird und in einer ersten Phase sorgt der wirtschaftspolitische Protektionismus tatsächlich für einen Jobboom in den USA. Vor allem in Deutschland sorgt dies indes dafür, dass die Arbeitslosenzahlen stark steigen, weil man von den Exporten abhängt. Dies sorgt wiederum für ein weiteres Erstarken der AfD, die in der Trump´schen Politik eine Bestätigung sieht und es dadurch schafft bei der Bundestagswahl zweitstärkste Kraft zu werden. Auch in den Niederlanden und Frankreich hat die Wahl Trumps eine derart hohe symbolische Strahlkraft, dass Marine Le Pen und Geert Wilders die dortigen Wahlen gewinnen – mit dramatischen Folgen für die EU.
  • Trumps Absage an die NATO-Beistandsverpflichtung führt zu einer weiteren Aggression Putins in Osteuropa, unter dem Vorwand des Minderheitenschutzes marschieren russische Truppen im Baltikum ein, die Nachkriegsordnung ist endgültig zerstört. Der Handelskrieg mit China, weitet sich auch auf geopolitische Konflikte aus, es kommt immer wieder zu Zusammenstößen im südchinesischen Meer, die an den Rand eines Krieges führen. Der Friedensprozess im Nahen Osten ist endgültig erledigt, da Trump Netanjahu freie Hand beim Siedlungsbau lässt, in Syrien wird Assad gestärkt.

Genug der Spielerei, ich gebe zu, dass ich zumindest in einigen Punkten, eher der worst-case-Variante zuneige. Wie konnte es soweit kommen?  Dazu gibt es demnächst einen etwas ent-emotionalisierten Versuch meinerseits, brauche aber noch etwas Zeit dafür.