„Entfernte Verwandtschaft?“ – Amerikanische Blicke auf Europa

Zwar hat es der Schneesturm nochmal verschoben, aber er steht ja nun unmittelbar bevor, Muttis erster Besuch bei Donald. Zeit einmal einen allgemeineren Blick auf die amerikanische Wahrnehmung Europas zu werfen, wie sehen die USA die EU und Europa, was für Eindrücke habe ich vor Ort gewonnen?

Die Wahrnehmung Europas war in den USA immer schon in hohem Maße ambivalent. Einerseits sah man sich von Beginn an in der Tradition vor allem der griechischen und römischen Antike. Dies spiegelt sich am markantesten in der klassizistischen Architektur der wichtigen Repräsentationsgebäude in der Hauptstadt Washington wieder, auch viele der Plantagenanwesen im tiefen Süden, sind nach antiken Vorbildern modelliert. Auch intellektuell wurde häufig auf die Römische Republik Bezug genommen, John Jay, Alexander Hamilton und James Madison warben in den Federalist Papers unter dem Pseudonym Publius für die Ratifizierung der Verfassung, im zurückliegenden Wahlkampf firmierte einer der wichtigsten Unterstützer Donald Trumps unter dem Decknamen Publius Decius Mus, heute ist Michael Anton Mitarbeiter im Nationalen Sicherheitsrat. Lange Zeit gehörte es zudem zum großbürgerlichen Standard europäische Möbel zu besitzen und europäische Hochkultur wie Opern, Theaterstücke und Balletts zu konsumieren.

Andererseits brachte man mit Europa auch schon immer alles das in Verbindung, was man nicht sein wollte. Im 18. und 19. Jahrhundert waren das Ständestaat, Autokratie, Absolutismus und Rückständigkeit, im 20. Jahrhundert, die als un-amerikanisch wahrgenommenen Großideologien Faschismus und Kommunismus. Auch auf der politischen Ebene nahm man nach dem 2. Weltkrieg eine Organisation wie die EG/EU selten enthusiastisch auf (hier bildet Barack Obama eher eine Ausnahme), sondern mit einer Mischung aus wohlwollender Skepsis hin zu offener Ablehnung, da man den europäischen Zusammenschluß auch als ökonomische Konkurrenz wahrnahm, der zudem als langsam, statisch oder utopisch und damit als wenig dynamisch oder gar verträumter Idealismus galt – Donald Rumsfelds Einlassungen zum „Old Europe“ oder Victoria Nulands „Fuck the EU“ können als beredte Beispiele dieser ablehnenden Haltung dienen.

Unterhält man sich heute mit Amerikanern über Europa, dann fallen zwei Dinge auf. Erstens hat sich in gewisser Hinsicht diese Ambivalenz erhalten. Einerseits gehört ein ausgiebiger Europaaufenthalt mit klassischen Zielen wie Venedig, Florenz oder Paris zum guten Ton und hat sich eine Stadt wie Berlin zu einer preisgünstigen Hipsteralternative zu Brooklyn oder Portland gemausert. German Bratwurst, Pasta, Baguette und französische Hochküche gehören zu bestimmten positiv besetzten Klischeebildern von Europa, die auch heute noch überall verbreitet sind. Andererseits ist es selbst in liberalen Kreisen  – in konservativen oder trumpistischen Zirkeln gelten viele europäische Ordnungsmodelle ohnehin als das schlechthinniglich Böse – nicht unüblich, viele europäische Länder als „sozialistisch“ zu begreifen. Insbesondere die sozialdemokratisch geprägten Wirtschaftsordnungen der skandinavischen Länder, der französische Zentralismus, aber auch der ausgeprägte deutsche Sozialstaat sind hier dann Beispiele für Dinge, die man als un-amerikanisch ablehnt.

Die zweite Auffälligkeit fand ich die stark nationale Wahrnehmung von Europa. Die EU spielt hier so gut wie keine Rolle (und wenn überhaupt dann meistens mit eher skeptischem Unterton), man spricht fast immer über einzelne Länder und deren vermeintliche Besonderheiten: Deutschland – zuverlässig, pünktlich, awesome products, neben Großbritannien das einzige politisch ernstzunehmende Land, aber auch angsterfüllt und zögerlich; Frankreich – Wein, Weib und Gesang, Schweden – mehr oder weniger kommunistisch, Niederlande – soccer und sonst nicht so viel, Italien – amazing landscapes, cities and food, aber auch wie die ganzen anderen südeuropäischen Länder so eine Art failed state. Die europäische Einigung – oder vielmehr was davon übrig ist – spielt also in den USA keine große Rolle, auf der gesellschaftlichen Wahrnehmungsebene ist Europa hier eine Ansammlung von Nationalstaaten geblieben.

American Salads

Der Frühling naht, es wird wärmer und damit Zeit die fetten Braten und heißen Suppen mal wieder durch was frisches Grünes zu ersetzen. Amerikanische Küche ist nun nicht unbedingt für ihre Gesundheit bekannt, was zum Teil nicht ganz fair ist, denn ganz grundsätzlich ist Amerika kulinarisch vor allem durch eines gekennzeichnet: Vielfalt. In einer unregelmäßigen Reihe will ich Euch als leidenschaftlicher Hobbykoch immer mal wieder einige amerikanische Gerichte und Rezepte vorstellen, die ich selbst sehr gerne mag. Los gehts mit Salaten (zum Burger hier entlang).

  1. Waldorfsalat – Ein Klassiker, gerüchtehalber 1893 vom Restaurantchef des Waldorf-Astoria Hotels in New York, Oscar Tschirky, erfunden.

Zutaten (immer für 4 Personen):

Für den Salat: 3-4 Handvoll Romanasalat (es geht auch Frisée oder Endivie), 2 Handvoll Trauben, 3 Stangen Sellerie, ca. 100 Gramm grob zerstoßene Walnusskerne, 1 recht süßer Apfel (Golden Delicious oder Elstar), 150 Gramm Gorgonzola.

Für das Dressing: 1 zimmerwarmes Eigelb, ca. 200 Ml Sonnenblumenöl, 1 TL Senf, 1 EL Zitronensaft, Salz, Pfeffer, Prise Zucker.

Zubereitung: Äpfel, geschälten Sellerie und Salatblätter in feine Streifen schneiden, Trauben halbieren und Gorgonzola in Stücke zupfen. Aus den Dressingzutaten eine Mayonnaise herstellen, über den Salat, fertig (wem die Mayo zu fett ist, der kann auch aus Rotweinessig, Olivenöl, Senf, Salz, Pfeffer und 2 EL Joghurt ein leichteres Dressing anrühren, schmeckt auch gut).

2. Caesar Salad – ganz streng genommen kein amerikanisches, sondern ein mexikanisches Gericht, denn erfunden wurde es in der Grenzstadt Tijuana, aber von dem Italo-Amerikaner Cesare Cardini in dessen dortigem Hotel, dass wiederum auch hauptsächlich amerikanische Gäste bewirtete, die in den 1920er Jahren der Prohibition entfliehen wollten.

Zutaten:

Für den Salat: 1 Romanasalat (unabding – und nicht ersetzbar), Parmesan, 3-4 Weiß- oder Toastbrotscheiben, 1 Knoblauchzehe; möchte man den Salat als Hauptgericht essen, 1 Hähnchenbrust.

Für das Dressing: 1 zimmerwarmes Eigelb, 1 TL Senf, 1-2 Spritzer Zitronensaft, 2 Knoblauchzehen, 1-2 Spritzer Worcestersauce, 3-4 Anchovis, Pfeffer, Prise Salz (nicht zu viel Salz, da die Anchovis bereits ordentlich davon mitbringen), ca. 200 Ml Olivenöl.

Zubereitung:

Salat in mundgerechte Streifen schneiden, Brot würfeln und in einer, zuvor mit der Knoblauchzehe ausgeriebenen, Pfanne mit etwas Butter oder Olivenöl (je nach Geschmack) knusprige Croutons braten.

Das Eigelb, den Senf, die gepressten Knoblauchzehen, Worcestersauce und Anchovis mit dem Mixstab glatt pürieren und dann mit dem hineingeträufelten Olivenöl zu einer Mayonnaise aufschlagen. Mit Pfeffer, Salz und Zitronensaft abschmecken. Evt. die Hähnchenbrust in Olivenöl anbraten und saftig garen (noch besser wäre grillen), danach in Streifen schneiden. Den Salat mit dem Dressing vermischen, Parmesan in Späne hobeln und samt den Croutons darüber verteilen, am Ende ggf. mit den gebratenen Hähnchenstreifen anrichten, Baguette dazu, fertig.

3. Coleslaw – Die amerikanische Version eines Krautsalats, ein idealer Begleiter zum Barbecue (zu dem es zu gegebener Zeit, auch mal einen Beitrag geben wird), oder auch einfach so mit Brot.

Zutaten:

Für den Salat: halber Kopf Weißkohl, 2-3 Karotten, 1 grüne Paprika.

Für das Dressing: 3-4 EL Mayonnaise (im Optimalfall selber gemacht, es geht aber auch ein Fertigprodukt), 3-4 EL Joghurt, 1-2 Spritzer Tabasco, Salz, Pfeffer.

Zubereitung: Kohl vierteln und den Strunk entfernen, dann zusammen mit den anderen – geputzten und geschälten – Salatzutaten in möglichst feine Streifen schneiden oder hobeln. Die Dressingzutaten miteinander verrühren, über den Salat und im Kühlschrank etwas ziehen lassen, fertig.

4. Wassermelonensalat – Wassermelonen sind vor allem im Süden und Südwesten der USA allgegenwärtig (vermutlich wurden sie von afrikanischen Sklaven im 17. Jahrhundert eingeführt und verbreiteten sich sehr rasch auch zu zahlreichen Native Americans), sie werden aber beinahe überall angebaut, die USA sind der fünftgrößte Produzent weltweit und ein Amerikaner isst durschschnittlich über 6 Kg davon. Das folgende Salatrezept stammt wohl ursprünglich von den Navajo und ist superlecker.

Zutaten:

Für den Salat: 1/2 Wassermelone (nicht zu reif), 1 Handvoll Kürbiskerne, 1 Handvoll Sonnenblumenkerne, 150 g harter Ziegen- oder Schafskäse, 1/2 Bund Minze, 3 Frühlingszwiebeln, 1 frische Chilischote (Schärfe je nach Geschmack), Chilipulver, Salz, Pfeffer.

Für das Dressing: Olivenöl, 3-4 EL Limettensaft, Salz, Pfeffer.

Zubereitung: Die Sonnenblumen- und Kürbiskerne in etwas Olivenöl knusprig braten und mit Salz, Pfeffer und etwas Chilipulver würzen, beiseitestellen. Wassermelonen so gut es geht entkernen und in grobe Stücke schneiden, den Käse ebenfalls recht groß würfeln. Frühlingszwiebeln in Ringe schneiden und samt den abgezupften Minzeblättern, sowie der in feinste Streifen geschnittenen Chilischote zum Salat. Aus dem Limettensaft und Olivenöl, sowie Salz und Pfeffer, ein Dressing anrühren und über den Salat geben, zum Schluß mit den knusprigen Kernen bestreuen. Dazu passen am besten selbst gebackene Weizenfladen auf Navajoart (ein einfacher Teig aus Weizenmehl Typ 550, warmem Wasser, Backpulver, Salz, Olivenöl und einigen Kräutern wie Thymian, Petersilie, etc.), aber es eignet sich auch wunderbar indisches Naan-Brot, das kommt dem Ganzen recht nahe.

Medienlandschaften

Herr Trump befindet sich nach eigenen Worten in einem Krieg mit den Medien, sieht sie gar als „Feind des amerikanischen Volkes“, sein Chefberater Steve Bannon (über den ich tatsächlich auch darüber nachdenke mal einen Beitrag zu schreiben) empfiehlt ihnen den Mund zu halten und betrachtet sie als eigentliche Oppositionspartei. Zeit also sich einmal mit der amerikanischen Medienlandschaft zu beschäftigen und Euch einen Eindruck davon zu geben, wie diese aussieht und ob es da Unterschiede insbesondere zum deutschen Pressewesen gibt.

Von der amerikanischen Revolution bis in die 1890er Jahre war die Presse in den USA eine stark parteipolitisch gefärbte Veranstaltung. Einzelne Zeitungen verbanden sich meist mit den Zielen und Inhalten einer bestimmten politischen Partei, oder eines spezifischen gesellschaftspolitischen Anliegens (z.B. Abolitionismus). Ab den 1890er Jahren identifizierte man dann die beiden großen Parteien selbst mit zahllosen Übeln der Industriegesellschaft und brachte sie mit Korruption, Vetternwirtschaft und Selbstbereicherung in Verbindung. Das änderte auch die amerikanische Presselandschaft in einem starken Ausmaß, nun war es sehr vielen Zeitungen und Zeitschriften ein großes Anliegen, sich gerade nicht mit einer bestimmten politischen Strömung gemein zu machen, sondern „überparteilich“ und „objektiv“ zu berichten. Dies führte damit deutlich früher als in Deutschland zu dem, was man gemeinhin als Investigativjournalismus bezeichnet – in den USA wurde diese Praxis als muckraking, also schmutzaufwühlen, bezeichnet. Das fängt mit einem quasi-dokumentarischen Roman wie Upton Sinclairs The Jungle an, der die unhaltbaren hygienischen Zustände in den Schlachthöfen Chicagos an die Öffentlichkeit brachte und eine Gesetzesinitiative zur Verbesserung der Standards nach sich zog und reicht dann bis zu weltberühmtem Enthüllungsjournalismus im Rahmen der Watergate-Affäre. Generell lässt sich aufgrund der wechselnden politischen Systeme die Freiheit der Presse und deren Möglichkeitsräume in Deutschland nicht durchgängig mit dem der USA vergleichen, aber auch in der BRD blieb es einzelnen Magazinen wie dem Spiegel vorbehalten, einen „klassischen“ Investigativjournalismus zu betreiben. Andere Printmedien blieben sehr viel stärker bestimmten politischen Strömungen verhaftet – FAZ bürgerlich-konservativ, SZ linksliberal, taz grün-alternativ, etc.pp.

Der möglicherweise größte Unterschied zwischen der deutschen (hier könnte man sogar von einer europäischen) und der amerikanischen Medienlandschaft, besteht im Radio- und Fernsehbereich und hier in der Rolle des Staates. Während in den meisten westeuropäischen Ländern trotz Privatfernsehen und Pay-TV immer noch ca. 30-40 % des Fernsehpublikums seine Informationen aus öffentlich-rechtlichen Sendern bezieht, spielen staatlich geförderte und bezuschusste  Radio- und Fernsehsender in den USA so gut wie überhaupt keine Rolle. CNN, ABC, NBC, MSNBC und auch Fox News sind so gut wie komplett privat finanzierte Unternehmen, die damit einerseits natürlich, den Gesetzen des Marktes nach, gewinnorientiert und damit stark werbefinanziert arbeiten müssen, andererseits aber auch sehr viel unabhängiger von staatlicher Einflußnahme agieren können.

Nun ist natürlich auch in den USA die Krise der klassischen Printmedien im Zuge der zunehmenden Konkurrenz aus dem Online-Bereich deutlich spürbar, man könnte sogar sagen, sie nahm dort ihren Anfang. Durch die Beheimatung zahlreicher Branchenführer des Internetzeitalters in den USA entwickelte sich hier auch früher eine sehr diversifizierte Medienlandschaft im Internet, die die Tradition des muckracking hier fortführt und dafür neben etablierten Printmedien wie der NY Times, Washington Post oder Chicago Tribune, einen weiteren Pfeiler bildet, teils ausschließlich online, teils in beiden Welten. Von Pionieren wie der Huffington Post, BuzzFeed oder Politico, bis zu neueren Gründungen, wie The Intercept, Muckety oder SourceWatch, bereichert dieser Digitaljournalismus die amerikanische Medienlandschaft und ist etwas, das in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt. Ein weiteres Merkmal der amerikanischen Medienlandschaft, ist die größere Verbreitung von intellektuell hochwertigen Magazinen, die meist monatlich oder noch seltener erscheinen, meiner Meinung nach eine große Marktlücke in Deutschland. Publikationen wie die NY Review of Books (meiner bescheidenen Meinung nach das Beste, was man lesen kann), The Atlantic, The New Yorker oder auch n+1 sind ein weiterer Baustein einer großen und meist sehr lesenswerten Vielfalt.

In welchem Bereich auch immer gilt es zu hoffen, dass die amerikanischen Medien ihre lange Tradition an Widerstand gegenüber den Mächtigen bewahren, dem Druck standhalten und ihre Rolle als 5. Gewalt gegen die Angriffe aus dem Weißen Haus verteidigen werden, denn viel Wichtigeres als eine freie, unabhängige Presse gibt es für eine Demokratie kaum.

Versorgungsnachtrag: Die Regional Rate Box

Ich hatte diese Wunderteile des amerikanischen Postwesens zwar hier schon einmal erwähnt, ich möchte dennoch noch einmal kurz gesondert darauf hinweisen. Das liegt daran, dass diese Dinger auch keinem meiner amerikanischen Kumpels bekannt waren, die liegen nämlich nie in den Postämtern aus, wie es die herkömmlichen Boxen tun: „You found a flat rate box for 10 Bucks?????“ – Yes I did. Eine für 8,96 $ um ganz genau zu sein. Eine herkömmliche Flat Rate Box kostet hingegen 18 Dollar, man kann sich also sehr gut ausrechnen, welche Ersparnis das ist, selbst wenn man sich eher weniger Boxen zuschickt (wozu ich tatsächlich dringend raten würde).

Also: bestellt Euch die Boxen kostenlos (!) in ein Postamt (idealerweise eines in einer Stadt mit größeren Supermärkten, von der aus ihr plant mehr als eine Box zu verschicken, denn man bekommt die Regional Rates immer nur im 10er-Pack – übriggebliebene an Mitwanderer verschenken oder eben in die Hiker Box). Dann nicht zu voll packen, auf das Gewichtslimit von grob 9 Kg (20 pounds) achten die Postangestellten nämlich sehr penibel, das reicht aber wirklich locker und los gehts. Die Ersparnis bei der Nutzung von Regional Rate Boxen kann euch mindestens eine fette Hotelübernachtung oder – noch besser – ziemlich viele Biers und Burger einbringen….

Lektüretipp: J.D. Vance – Hillbilly Elegy

In den letzten Jahren ist in den USA und teilweise auch in Europa ein neues Buchgenre entstanden, man könnte es das Populisten-Versteher-Sachbuch nennen. Das beginnt mit Thomas Franks What´s the Matter with Kansas  (2004) und reicht in jüngster Zeit bis zu Arlie Russells Strangers in Their Own Land,  Listen Liberal wieder von Thomas Frank oder für Frankreich Didier Eribons Rückkehr nach Reims. Inhaltlich changieren die meisten dieser Bücher zwischen Empathie (Arlie Russell) für die „Zurückgelassenen“ und liberaler Selbstkritik (Thomas Frank), gemeinsam ist allen genannten Werken aber ein exotisierender Blick von außen. Meist liberale Soziologen oder Journalisten fahren hier ins „Heartland“ und schauen sich die Tea Party Anhänger oder Trump- und FN -Wähler an, wie einen von der Außenwelt abgeschnittenen Indianerstamm am Amazonas oder einen vom Aussterben bedrohten Nebelparder auf Borneo.

Hier sticht Hillbilly Elegy: A Memoir of a Family and Culture in Crisis von J.D. Vance in gewisser Hinsicht heraus, weil der Mann selbst aus genau dieser Umgebung, nämlich dem Amerika der Hillbillies, des White Trash oder wie immer man das bezeichnen mag, stammt. Er selbst ist dieser Welt in seinem persönlichen American Dream entkommen, College, Yale Law School, heute erfolgreicher Anwalt in Kalifornien und im Prinzip erzählt das Buch die Geschichte, wie ihm das entgegen aller Prognosen gelungen ist.

Dazu erzählt Vance mehr oder weniger chronologisch das Leben seiner Familie aus den Bergen Kentuckys, über die Hoffnung auf ein besseres Leben in Middletown/Ohio, einer jener Symbolorte des industriellen Niedergangs im Rust Belt der USA. Er beschreibt ein Leben aus Armut, bescheidenem ökonomischem Aufstieg, (oft auch häuslicher) Gewalt, Ehrgefühl, Drogenabhängigkeit und Teenagerschwangerschaften. Das ist wunderbar zu lesen, mit viel Einfühlungsvermögen, Sympathie, aber immer wieder auch überaus (selbst-) kritisch erzählt. Vance gelingt es hier verstehbar zu machen, warum diese Leute eher einen Bürgerkrieg anfangen würden, als ihre Waffen aufzugeben, wie es kommen kann, dass evangelikales Christentum und Kreationismus zu sinnstiftenden Elementen des Heranwachsens gedeihen können oder wie die an Menschenverachtung grenzende Ausbildung bei den Marines zu einem überlebenswichtigen Strukturmerkmal für einen gesellschaftlichen Aufstieg werden kann. Dreh- und Angelpunkt ist für Vance die funktionierende Familie, die es in diesem Bevölkerungsteil so gut wie nicht mehr gibt und das ist für Vance die eigentliche Katastrophe, dadurch wird sein Porträt zu einer Teufelskreis-Geschichte und hier würde ich auch die einzigen beiden Kritikpunkte sehen.

Vance hat kein Patentrezept für eine Lösung dieser Krise, das ist durchaus legitim, aber die Ansätze, die er anbietet, sind wiederum sehr klassisch konservativ-libertär: der Staat darf dabei so gut wie keine Rolle spielen. Die anti-etatistischen Abwehrreflexe wären seiner Meinung nach so stark, dass selbst gut gemachte Regierungsprogramme (die es aber seiner Ansicht nach ohnehin kaum gibt) nur auf Ablehnung stoßen würden. Das Rezept heißt Selbsthilfe und Unterstützung von innen, also durch Leute wie ihn, Leute die es geschafft haben. Das scheint mir zumindest in Teilen nicht recht überzeugend. Der zweite Punkt, der mir als Leerstelle aufgefallen ist, bezieht sich auf das Thema Rasse. Vance´s zentraler analytischer Leitfaden ist – hier ganz unamerikanisch – die Klasse. Er beschreibt ein stark klassen- und schichtspezifisches Selbstverständnis, dass den Ausstieg aus dieser Lebenswelt beinahe verunmöglicht und tut so, als ob Rassismus für diese Leute keinerlei Rolle spielen würde und da sprechen doch extrem viele Befunde aus den gegenwärtigen USA dagegen. Die Ablehnung von affirmative action u.ä., das Gefühl, das weiße Arbeiter gegenüber „Minderheiten“ benachteiligt würden, ist ein zentraler Baustein der momentanen Auflehnung.

Nichtsdestotrotz ist J.D. Vance ein sehr lesenwertes Buch gelungen, das ein gutes und vielschichtiges Porträt einer fremden Welt bietet und zudem auch noch wirklich unterhaltsam zu lesen ist.

 

The Donald

Neulich fragte mich ein Freund, was man denn tun müsse, um einen US-Präsidenten wieder loszubekommen. Ich werde hier jetzt nicht noch einmal die formalen Hindernisse und das grundsätzliche Prozedere eines Impeachment-Verfahrens herunterleiern (das kann jeder, der möchte bei Wikipedia nachlesen), oder die extrem unwahrscheinliche Anwendung des 25. Amendments erörtern. Die Frage zielte aber wohl auf ein Gefühl, das relativ viele Leute in den vergangenen zwei Wochen erfasste (aber eben nicht alle, noch einmal ziemlich gut die Beweggründe und derzeitige Gemütslage mancher Trump-Wähler fasst dieser FAZ-Artikel zusammen, sehr aufschlußreich dazu ist auch ein Buch, das ich momentan lese, dazu gibt es demnächst hier eine Besprechung), da ja jedes abendliche Tagesthemen-Schauen oder morgendliche Presse-Querlesen, stets mit einer zunehmenden Nervosität vonstatten ging, so ganz nach dem Motto: Was für eine Katastrophe hat er jetzt wieder vom Zaun gebrochen? Ich würde hier gerne erstens einmal meine ganz persönliche Zwischenbilanz  – wie immer deutlich historisch grundiert, da kann ich nicht aus meiner Haut – ziehen und zweitens einen Ausblick darauf wagen, was uns meiner Meinung nach erwarten könnte.

Ganz grundsätzlich finde ich tatsächlich eine Sache zunächst einmal positiv. Man weiß jetzt endgültig woran man bei dem Mann ist. Das war eben nicht alles nur Wahlkampfgetöse, sondern bitterernst gemeintes Politikverständnis – er wird diese Mauer bauen, er wird Steuern massiv senken, er wird notfalls Handelskriege mit Mexiko, Europa und China riskieren und schlimmstenfalls wird er auch vor militärischen Konfrontationen (Nordkorea, Iran, China) nicht zurückschrecken. Man kann also endgültig die so-schlimm-wird´s-schon-nicht-werden-Beruhigungspillen stecken lassen. Da ich ohnehin eher einer Worst-Case-Variante zuneigte, bin ich auch nicht komplett überrascht. Trotzdem einmal meine Einschätzung zu der vermutlich bislang umstrittensten Entscheidung – dem Einreisestopp.

Hier muss man zunächst einmal festhalten, dass der Auschluß bestimmter Länder und/oder Bevölkerungsgruppen aus den Einreisebestimmungen nichts Neues ist. Der Chinese Exclusion Act von 1882 sorgte für ein komplettes Einreiseverbot chinesischer Immigranten. Der National Origins Act von 1924 legte nach kaum verhüllten, rassistischen Kriterien extrem strikte Quoten für die Einreise aus verschiedenen asiatischen, ost- und südeuropäischen Ländern fest und blieb bis zum Immigration Act von 1965 (!) in Kraft. Das hatte verheerende Konsequenzen für die vielen jüdischen Flüchtlinge, die verzweifelt versuchten der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik zu entkommen. Wie auch diese gesetzlichen Maßnahmen fällt auch das jetzige Einreise-Dekret in eine Phase isolationistischer und nationalistischer Vorstellungen in der Außen- und Sicherheitspolitik, wie sie Trump so radikal wie kein Politiker seit den 1920er Jahren verfolgt. Einwanderungspolitik rührt meistens an den Grundfesten der Idee von nationaler Souveränität, das kann man auch in Europa sehen. Hier hätte ich mir von der hiesigen Berichterstattung manches Mal eine etwas analytischere Einordnung, statt oftmals der blanken Hysterie, gewünscht – es geht ja nicht darum, diese Politik gutzuheißen, tu ich selbstredend auch nicht, aber diese teilweise suggerierte Präzedenzlosigkeit ist auch nicht hilfreich.

Was steht noch zu erwarten?

Hier würde ich gerne eine binnenamerikanische und eine internationale Dimension voneinander trennen (auch wenn ich weiß, dass diese Ebenen eng miteinander verflochten und deshalb nicht strikt trennbar sind).

  1. Was die inneramerikanische Situation angeht, habe ich einen gewissen Optimismus, der sich ähnlich wie bei dem konservativen Außenpolitikexperten Eliot A. Cohen in der FAZ aus zwei Quellen speist. Zunächst haben die USA eine deutlich längere Tradition an zivilem Ungehorsam als die allermeisten europäischen Länder. Schon Hannah Arendt stellte 1972 fest, „that civil disobedience was primarily American in origin…and quite in tune with the oldest traditions in the country.“ Man sollte den Widerstandswillen der amerikanischen Zivilgesellschaft nicht unterschätzen und hier ist zu hoffen, dass der irgendwann auch auf Teile seiner eigenen Wählerschaft übergreift. Das wäre dann nicht unwahrscheinlich, wenn er seinen präsidialen Machtanspruch zu weit treibt, denn nur eine sehr kleine Minderheit auch seiner eigenen Wähler, will an den Grundfesten der amerikanischen Demokratie rütteln. Das wiederum könnte ab einem gewissen Punkt zu einer kritischen Masse bei den Kongressrepublikanern führen (eine sehr gute Gesamteinschätzung hat am Freitag in der SZ, der auch von mir persönlich sehr geschätzte Amerikahistoriker Michael Hochgeschwender geliefert, leider nicht online verfügbar), die dann tatsächlich in Richtung Amtsenthebung führen kann, aber dahin ist es noch ein weiter Weg und wir sollten uns auf sehr unruhige Zeiten einstellen. Der zweite Grund für Optimismus ist für mich die amerikanische Gerichtsbarkeit, von der man jetzt schon sehen kann, dass sie sich nicht gar so einfach auf Linie zwingen lässt, selbst konservative Richter werden nicht einfach alles so durchwinken, was aus dem Weißen Haus kommt.
  2. Sehr viel weniger Grund zum Optimismus sehe ich auf der internationalen Ebene. Da ich, wie manche Ökonomen, davon ausgehe, dass Trumps Wirtschaftspolitik zumindest kurzfristig nicht unerfolgreich sein wird, sehe ich schon die große Gefahr, dass sich die hiesigen populistischen Bewegungen gestärkt sehen und dies auch in Wahlerfolge ummünzen könnten, zumal wenn z.B. die französische, politische Klasse tatsächlich nicht allzuviel gelernt zu haben scheint. Trump wird bewußt versuchen die EU zu spalten und momentan sehe ich wenig Grund dafür, daran zu zweifeln, warum ihm das in Teilen nicht auch gelingen sollte. Auch die Nahost- und Chinapolitik gibt Anlass zu größter Sorge, hier kann man nur auf den realpolitisch gefärbten Einfluß eines James Mattis hoffen.

Wie sollte man damit umgehen?

Ich bin davon überzeugt, das Trump ein persönlichkeitsgestörter Narzisst ist und das kann auch Vorteile haben. Man muss ihn von innen heraus glaube ich tatsächlich immer wieder provozieren, sich auf sein Level herablassen, ihn als impotenten, hässlichen Versager bezeichnen, was immer, in der Hoffnung, das er überreagiert und Grenzen überschreitet, die ihn zu Fall bringen können. Man darf nicht nachlassen, muss klagen, (möglichst gewaltfrei) protestieren, auf führende Republikaner einwirken. Das gilt für die USA selbst. International sollte man da natürlich vorsichtiger und diplomatischer sein, aber auch nicht unterwürfig. In manchen Politikfeldern sollte man ihm entgegenkommen, Deutschland muss z.B. endlich seinen adäquaten finanziellen Beitrag zur NATO leisten und dafür sorgen, dass Gewehre schießen und Hubschrauber abheben können, das war den USA schon immer wichtig und Trump wird da – nicht ganz zu Unrecht – auch nicht nachlassen. Die EU muss das darüberhinaus als vielleicht letzte Chance begreifen, zusammenzurücken und ihm durchaus auch selbstbewußt die Stirn bieten, der Mann begreift Politik als das Machen von Deals, also sollte man eben dementsprechend auch selbst mit Forderungen in Verhandlungen einsteigen.

Auf einer grundsätzlichen Ebene glaube ich, dass die fundamentale Bruchlinie momentan zwischen Verfechtern einer globalen Weltordnung und Leuten besteht, für die genau diese globale Weltordnung zu viele Verlierer produziert hat und deshalb den Rückzug auf den Nationalstaat als erneutes Heilmittel begreifen (eine internationale Tendenz, die man in Deutschland aus guten, historischen Gründen, lange unterschätzt hat). Davon ist Trump momentan schlicht der sichtbarste Ausdruck. Und das gilt sowohl auf der Linken wie auf der Rechten. Hier meine ich, dass gerade viele linke Globalisierungskritiker sich gerne die pazifistischen und anti-kapitalistischen Rosinen herauspicken, ohne zu erkennen, dass so etwas wie ein Dritter Weg meist von großen Widersprüchen begleitet wird. Freihandel ist nicht nur ein ökonomisches Prinzip, sondern eine ziemlich bewährte Methode, friedliche Kooperation zwischen Nationen herzustellen, deshalb ist ein Abkommen wie TTIP eben auch nicht auf ein intransparentes Schlaraffenland für Großkonzerne zu reduzieren. Basisdemokratische Mitbestimmung via Plebisziten führt eben nicht zu mehr „Demokratie“, sondern ist meist eine einfache Methode von Leuten, die zu wissen glauben wer das „Volk“ ist, hochkomplexe Themen auf entweder-oder-Entscheidungen herunterzubrechen. Militärische Interventionen sind nicht zwangsläufig neo-imperialistische Bestrebungen der bösen USA, sondern können notwendige Beiträge zu einer stabilen Ordnung sein, mit allen damit verbundenen Kollateralschäden. Es wird auf der Welt nie komplett gerecht und nie komplett friedlich zugehen und deshalb muss man dann auch mal unangenehme Grundsatzentscheidungen treffen, um nicht den populistischen Vereinfachern und Fremdenfeinden letztlich in die Hände zu spielen.

 

 

Facebook auf dem PCT & eine kleine Anekdote

Diejenigen die einen Facebook-Account haben, können hier jetzt direkt mit dem Lesen aufhören bzw. zum Ende springen, sollte es – wie mich vor der Wanderung – noch Leute ohne einen solchen geben, lohnt evt. die weitere Lektüre. Ich mag das Konzept von Facebook nicht, ich mag das Unternehmen nicht, ich mag Herrn Zuckerberg nicht und trotzdem wird das hier jetzt in gewisser Hinsicht ein Plädoyer für die Nutzung, zumindest auf dem PCT. Warum?

  • Man wird auf dem PCT hin wie her Leute treffen und sich wieder von diesen verabschieden, die man gerne mag und die man entweder im Verlauf der Wanderung oder auch nach selbiger, gerne nochmal treffen würde oder mit denen man einfach grundsätzlich in Kontakt bleiben möchte. Nun ist vor allem für Amerikaner FB und deren Messenger Service das dominante Kommunikationsmedium. Will man also mit Freunden auf dem Trail in Kontakt bleiben, deren momentanen Aufenthaltsort wissen, was immer, dann geht das mit FB sehr viel einfacher als mit anderen Kommunikationsmöglichkeiten, die einfach nicht wirklich konstant benutzt werden.
  • In den betreffenden FB-Gruppen (PCT-Jahrgänge, SoBo & Section-Hiker-Page, etc.) kann man mit Abstand am Einfachsten aktuelle Trailbedingungen erfahren und erfragen. Um möglichst zeitnah Informationen über Wetter, Trailschließungen, Feuer, etc. zu bekommen, ist FB das bestmögliche Medium.
  • Das Gleiche gilt, wenn man vor Ort Hilfestellungen wie Mitfahrgelegenheiten, Übernachtungsmöglichkeiten oder Ähnliches benötigt. Es gibt auch eine Trail Angel Seite, auf der derlei entweder angeboten wird oder man diese Sachen fragen kann.

Ich würde also tatsächlich empfehlen, sich zumindest für die Dauer des Aufenthalts einen FB-Account zuzulegen, da doch ziemlich viele Dinge dadurch sehr viel einfacher gemacht werden (nicht falsch verstehen, es geht auch ohne – wie ich festgestellt habe – aber vieles ist Mühsamer, vor allem das staying in touch mit Amerikanern). Ohne Facebook hätte ich z.B. folgende kleine Trail-Anekdote nicht mitbekommen.

Der erste Northbounder dem ich begegnet bin (das war so Mitte Juli) war ein gewisser Legend. Er war natürlich unglaublich schnell unterwegs und hatte es auch ziemlich eilig, deshalb gab es nur einen ziemlich kurzen Smalltalk, dann ward er wieder entschwunden. Wie mir neulich nun ein Trail-Buddy berichtete, hatte das Gründe und sein Trail-Name war auch ganz gut gewählt. Der Mann ist nämlich im Februar letzten Jahres in Springer Mountain/Georgia auf dem AT gestartet, hat bis Ende Mai nach Katahdin in Maine benötigt, um dann nach Campo zu jetten, bis Ende Juli einen Thru-Hike des PCT durchziehen. Und, ihr ahnt es, von Manning Park/Kanada ging es zum nördlichen Startpunkt des CDT in Montana, vor 3 Wochen ist er dann am Southern Terminus des CDT in New Mexico angekommen. Über 12 000 Km, einer von nur 3 Leuten weltweit, die es geschafft haben, alle drei großen Trails in den USA in einem Jahr zu erwandern. Legend eben.

Ansonsten habe ich mir das Ganze da drüben mal eine Weile angeschaut und werde demnächst dann auch mal mein bisheriges Fazit ziehen und einen Ausblick wagen.