Media Outline – 20.11.

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Vermischtes zu Schlands und Europas Rechten

So liebe Leser, nach etwas Abstinenz heute mal wieder eine Media Outline. Was haben denn die amerikanischen Zeitungen zum Scheitern von Jamaica zu sagen? Antwort: vorerst gar nichts, bin selber gespannt, ob sich das in den nächsten Stunden/Tagen noch ändert. Wenn ja würde ich eventuell lesenswertes bei Twitter verlinken. Woran ich mich allerdings erinnere, ist dass bereits unmittelbar nach der Wahl vor allem der Atlantic schon sehr skeptisch auf die mögliche Koalition blickte, zu verschieden seien die ideologischen Grundüberzeugungen der beteiligten Parteien.

Trotzdem gibt es heute einen Blick nach Deutschland. Der bekannte Historiker Timothy Garton Ash schaut sich in einem wie üblich hervorragenden Artikel in der New York Review of Books die Besonderheiten des Rechtspopulismus hierzulande an. Zunächst blickt er dafür auf die – recht bekannten – Gründe, warum die Nazis von der AfD vor allem in Ostdeutschland so großen Zuspruch erhalten. Er findet dann aber auch tiefergehende Ursachen und Charakteristika des deutschen Rechtspopulismus. Die AfD befinde sich in einer starken ideologischen Traditionsline zu älteren völkisch-konservativen Bewegungen in Deutschland. Insbesondere rekurriere sowohl die AfD als auch die mit ihr verbandelte“Neue Rechte“ eines Götz Kubitschek immer wieder auf die deutsche Kultur. Kultur als Begriff, auf den man sehr viele (Verlust-)Ängste und Sorgen projizieren könne, sei viel wichtiger als ökonomische Probleme. Ein großer Unterschied zum Rechtspopulismus in den USA, der sich sehr viel stärker aus ökonomischer Abstiegsangst speise: It´s the Kultur, stupid.

Der Atlantic wiederum schaut sich die extreme Rechte in Polen etwas genauer an. Der Fokus von Paul Hockenos Reportage liegt weniger auf den ideologischen Aspekten des Rechtspopulismus in Osteuropa, sondern auf der offenen Demokratieverachtung, die in ihrer Radikalität doch heraussteche. Zudem schaut der Artikel sehr besorgt auf die gewaltbereiten Arme des Rechtsextremismus in Polen, die mehr und mehr Erfolg darin hätten, die Hoheit auf der Straße auszuüben. Jüngst zu beobachten am polnischen Nationalfeiertag vergangenen Samstag. Auch die para-militärische Inszenierung der rechten Schlägertrupps rufe düstere Erinnerungen an die 1930er Jahre wach.

Nachrufe

Dann gibt es mal wieder prominente Todesfälle zu „betrauern“. Zum einen ist gestern Charles Manson im Alter von 83 Jahren gestorben. Der Serienmörder erlangte traurige Berühmtheit vor allem durch einen Siebenfachmord im August 1969. Dort schlachtete Manson unter anderem die hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate auf bestialische Weise ab. Das Ziel des bekennenden Neonazis Manson war es, durch die Tat einen Rassenkrieg anzuzetteln. Die Washington Post erinnert in einem lesenswerten Porträt an den Wahnsinnigen mit dem Hakenkreuz auf der Stirn.

Dann ist noch einer der ganz großen des Musikbusiness von uns gegangen. Es gibt zu Malcolm Young wohl nicht mehr allzuviel zu sagen. Ich bin mit AC/DC aufgewachsen, deshalb hat auch die Lektüre des Nachrufs im Rolling Stone zahlreiche Reminiszenzen erzeugt. Und natürlich die Lust direkt mal wieder eine der großen Platten aufzulegen, auf denen die Rhythmusgitarre des seit Jahren an Alzheimer leidenden Malcolm ihre volle Wirkung entfaltet. R.I.P. Malcolm Young!

 

 

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„Rumble“ – oder The Red Roots of Rock

Cabrio mit Casual Friday Schrift

Eigentlich sollte es am heutigen Casual Friday mal wieder was zu Essen geben. Ich werde das aber aus aktuellem Anlass mal ganz frech auf nächste Woche verschieben und Euch stattdessen eine kleine Wochenendbeschäftigung ans Herz legen. Im Zuge meiner letztwöchigen Herbstlektüre-Tipps machte mich Gennaro dankenswerterweise auf eine fantastische Dokumentation aufmerksam, die ich Euch auf keinen Fall vorenthalten kann. „Rumble – oder das rote Herz des Rock“. 

Der vergessene Einfluß der Native Americans

Geht man bei einflußreichen amerikanischen Musikformen wie Blues, Folk, Gospel, Jazz oder R & B meistens von deren afro-amerikanischen Wurzeln aus – ich hatte darauf am Beispiel des Blues schon einmal hingewiesen, beschreitet der Dokumentarfilm Rumble ganz neue Wege. Der Film weist darauf hin, wie sehr sich afro-amerikanische und indianische Kulturen vermischten und versucht den immensen Einfluß, den die Musik der indigenen Völker Nordamerikas auf zeitgenössische Musik hat, nachzuzeichnen.

Ich habe selten einmal bei einer Dokumentation so viel gelernt wie hier. Von dem Bluesurvater Charley Patton, der E-Gitarren-Ikone Link Wray, über Jimi Hendrix bis hin zum ehemaligen Ozzy Osbourne-Schlagzeuger Randy Castillo. Alle diese sehr sehr einflußreichen Musiker hatten indianische Wurzeln und wiesen immer wieder darauf hin, wie wichtig ihnen ihr tribales Erbe ist. Die Doku lässt Musikhistoriker, Journalisten, aber insbesondere Musiker zu Wort kommen. Unter anderen Dan Auerbach von den Black Keys, Steven Tyler von Aerosmith, Wayne Kramer von MC 5, Slash von Guns ´n´Roses und Iggy Pop legen ein beeindruckendes Zeugnis über den Einfluß, den indianische Musik für ihr eigenes Schaffen und Popmusik generell in so unterschiedlichen Schattierungen wie Jazz, Punk oder Heavy Metal hatte.

Nicht nur könnte man beim Zusehen sofort ein ebenfalls vorkommendes Gumbo kochen, man bekommt auch direkt Lust im Plattenschrank zu kramen oder Spotify anzuschalten. Man beginnt dann tatsächlich bestimmte Dinge anders zu hören. Da der Film immer wieder mit den Rhythmen indigener Musik unterlegt ist, beginnt man diese tatsächlich in vielen Songs und Musikstilen wiederzufinden. Man lernt warum ein Charley Patton seine Gitarre eher wie ein Schlagzeug spielte oder wie Kriegstänze die Schlagzeugtechnik von Randy Castillo beeinflusst haben.

Lange Rede kurzer Sinn: jeder – und ich meine wirklich jeder, der sich für Popmusik in welcher Form auch immer, interessiert, sollte diesen Film anschauen. Denn das ist nun das Beste daran: das Ganze gibt es in der Arte-Mediathek zu sehen: einfach diesen Link hier klicken.

Als Appetizer hier der Trailer.

 

 

„Building the Kingdom“ – Über Mormonen

Retroflagge USA mit American Potpourri Schrift

Ein Motelzimmer im Süden Utahs. Ich will Handy, Ausweis und ähnlichen Krims-Krams im Nachttisch verstauen. Als ich die Schublade öffne, blicke ich nicht auf die sonst dort üblicherweise verwahrte Bibel, sondern auf das Book of Mormon. Auch die Suche nach dem abendlichen Sixpack gestaltet sich nicht ganz so einfach, die Motelwirtin führt in ihrem kleinen Laden keinen Alkohol. Im nächsten Dorf findet man im dortigen Minimart zwar gekühltes Bier, will man dieses aber bezahlen, schaut einen die jugendliche Kassiererin an, als sei man der Satan höchstselbst. Beides untrügliche Zeichen, dass man sich im Mormon Country befindet. Aber was sind die Mormonen überhaupt und wo kommen sie her?

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Anfänge

Joseph Smith war eigentlich ein recht gewöhnlicher Farmersohn aus dem westlichen New York State. Im Jahre 1823 aber erscheint dem jungen Joseph in einer ganzen Reihe von Visionen ein Engel namens Moroni. Dieser Moroni offenbart ihm die Lagerstätte zweier uralter Schrifttafeln, die Smith, so will es die Legende, 1827 auch tatsächlich findet. Zudem gelingt es ihm den, in einer unbekannten Schrift verfassten, Inhalt der Tafeln in den nächsten Jahren mit Hilfe so genannter Sehertafeln zu übersetzen und 1830 unter seinem Namen als the Book of Mormon zu veröffentlichen. Der Inhalt ist schnell erzählt, bildet für die sich selbst so bezeichnenden Heiligen der letzten Tage (Latter Day Saints) aber einen unhintergehbaren Zusatz zu den beiden Testamenten der Bibel. Es handelt sich um die Geschichte eines israelitischen Urvolkes, die einst den amerikanischen Kontinent bewohnten. Dort zerstreitet sich dieses Volk und spaltet sich in zwei Gruppen auf, die einander beständig bekriegen. Die von Gott abgefallenen Lamaniten und die gottesfürchtigen, von Jesus Christus persönlich zum Evangelium bekehrten, Nephiten. Erstere setzen sich in diesem biblischen Konflikt durch, nur der Prophet Moroni, der letzte der Nephiten, überlebt und vergräbt die schriftliche Geschichte seines Volkes. Diese, ihr ahnt es, findet nun Joseph Smith, der sich fortan als legitimer Nachfolger und Prophet der Latter Day Saints inszeniert.

Diese Episode fällt in eine Zeit, in der es noch eine Vielzahl anderer evangelikaler Erweckungsbewegungen gibt. Deshalb fällt es dem charismatischen Smith auch nicht weiter schwer, recht schnell eine erkleckliche Zahl an Anhängern zu mobilisieren. Mit diesen zieht er zunächst ins westliche Ohio und hat dabei immer wieder weitere Visionen und Offenbarungen. Unter anderem sollte es den Mormonen verboten sein, Tabak, Alkohol und Kaffee zu konsumieren. Was die Heiligen der letzten Tage aber wirklich von anderen Erweckungsbewegungen unterschied, war eine Offenbarung die Joseph Smith 1843 ereilte. Da wurde ihm aufgetragen, ganz im Sinne der biblischen Stammväter Abraham, Isaak und Jakob, mehrere Frauen zu heiraten. In der Folge wurde deshalb eine polygame Lebensweise unter Teilen der Mormonen üblich, allerdings praktizierten auch in späteren Jahren nur rund 20% der Glaubensgemeinschaft die Vielehe.

Verfolgung und Emigration

Aber nicht nur wegen der umstrittenen Polygamie, auch aufgrund der Bekehrungsversuche, die viele Mormonen unter den unterschiedlichen Native Americans unternahmen, war die frühe Geschichte der Mormonen vor allem von Verfolgung und Gewalt geprägt. Wo sie auch hinkamen, mussten die Mormonen die rauheren Sitten der amerikanischen Frontier-Gesellschaft erfahren. Sie wurden geteert und gefedert, aus den Städten gejagt oder gleich gelyncht. Von Ohio nach Missouri, flüchteten die Latter Day Saints zunächst nach Nauvoo in Illinois. Aber auch dort sorgte die Ankunft der Mormonen nicht gerade für Begeisterungsstürme, sondern für Ausschreitungen und Unruhen. Um die öffentliche Ordnung wiederherzustellen, wurde Joseph Smith zu seiner „Sicherheit“ verhaftet, im unbewachten Gefängnis jedoch von einem Lynchmob erschossen.

Als Nachfolger etablierte sich in der Folge Brigham Young, der 1846 beschloss die Mormonen in das gelobte Land westlich der Rocky Mountains zu führen, ins sagenumwobene Deseret. Das fanden zunächst 146 Mormonen nach einem entbehrungsreichen Treck über die Great Plains am großen Salzsee im heutigen Utah. Entlang des „Mormon Trail“ folgten den ursprünglichen „Mormon Pioneers“ in den Folgejahrzehnten Tausende Glaubensbrüder- und schwestern. Am Great Salt Lake begannen die Mormonen schnell mit der Konstruktion ihres „heiligen Königreiches“, mit dessen Hauptstadt Salt Lake City.

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Mormonenkirche in Salt Lake City

Schnell entflammten aber sowohl Konflikte mit benachbarten Indianerstämmen, die die Mormonen nun mit grausamer Konsequenz bekämpften, als auch mit nicht- mormonischen Siedlern. Diese standen unter dem Schutz der Bundesregierung in Washington und als ein solcher Siedlertreck 1857 von Mormonen und mit ihnen befreundeten Native Americans angegriffen wurde, rückte die US-Armee nach Utah ein. In den Folgejahrzehnten entwickelte sich ein unruhiges Nebeneinander zwischen den Latter Day Saints und den offiziellen Behörden, das sich immer wieder an der Vielehe rieb. Erst als 1890 die Kirchenführung der Latter Day Saints die Polygamie offiziell verbot, entspannte sich das Verhältnis und Utah wurde 1896 als 45. Staat in die Union aufgenommen.

Und heute so?

Mit der Abschaffung der Polygamie waren einige Gruppierungen innerhalb der Mormonen nicht einverstanden und spalteten sich von der Hauptkirche ab. Diese fundamentalistischen Latter Day Saints ließen sich meistens an der Grenze zu Arizona oder in Arizona selbst nieder und praktizieren die Vielehe teilweise bis heute. Das führt auch nach wie vor zu großen Konflikten mit der Mehrheitsgesellschaft, wie der Spiegel neulich zu berichten wußte. Auch Jon Krakauer hat sich in seiner umstrittenen Reportage Under the Banner of Heaven (dt. Mord im Auftrag Gottes) damit auseinandergesetzt. Insgesamt leben heute ca. 6,5 Millionen Mormonen in den Vereinigten Staaten, der größte Anteil davon in Utah, wo um die 60 % der Bevölkerung mormonischen Glaubens sind.

 

Kurzes Sorry

Ich war am Wochenende recht spontan unterwegs und bin deshalb nicht zu meiner üblichen Medienlektüre gekommen. Die heutige Media Outline muss deswegen leider ausfallen, nächste Woche werden auch die Zeitungsfreunde hier wieder auf ihre Kosten kommen, versprochen. Am Mittwoch gehts mit dem üblichen American Potpourri weiter, bleibt mir gewogen!

Roadt(r)ips – Chicago, Madison, Milwaukee, Chicago

Cabrio mit Casual Friday Schrift

Es ist Casual Friday und da würde ich Euch gerne mal wieder zu einem Roadtrip inspirieren. Los gehen tut es in Chicago, wo ihr schon mal einige Dinge unternehmen könnt. Von dort geht es entweder mit dem Mietauto oder aber mit dem Greyhound weiter, wobei das Mietauto natürlich eine größere Flexibilität erlaubt.

Nach Madison

Wir begeben uns von Illinois auf die grob 240 Kilometer lange Fahrt ins benachbarte Wisconsin, ins beschauliche Universitätsstädtchen Madison. Auf der Fahrt durch die hügelige Landschaft, empfiehlt es sich zunächst in einem der kleinen Städtchen entlang des Weges anzuhalten. Wisconsin gehört zu den Staaten, die sehr stark von deutschen Einwanderen geprägt sind. Da kann man dann oftmals abgefahrene Kleinigkeiten entdecken und zudem in ziemlich tollen Diners einkehren.

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Welcome to Stoughton, Wisconsin 😉

Die 221 000 Einwohnerstadt Madison, Haupstadt von Wisconsin, ist hauptsächlich durch die dortige Universität geprägt. Es empfiehlt sich auf jeden Fall während des Semesters dorthin zu fahren, um in den studentischen Trubel eintauchen zu können. Madison ist zudem umgeben von vier Seen, an deren Ufern ständig irgendwelche Konzerte, Theateraufführungen und ähnliches stattfinden. Macht einen Spaziergang über den altehrwürdigen Campus der University of Wisconsin, besichtigt das Kapitol und lasst Euch ansonsten einfach durch die wirklich nette Downtown treiben.

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Downtown Madison

Für Architekturliebhaber und Theaterbegeisterte empfiehlt sich dann ein kleiner Ausflug ins westlich von Madison gelegene Spring Green. Dort ist zum einen Taliesin, das Studio von Frank Lloyd Wright beheimatet, zum anderen gibt es dort das American Players Theatre, eines der bedeutendsten Freilufttheater in den USA. Die dortigen Shakespeare-Aufführungen ziehen Menschen aus dem ganzen Land an.

Weiter in Richtung Milwaukee

Nach zwei-drei Tagen geht es dann ostwärts weiter nach Milwaukee. Die größte Stadt in Wisconsin ist ähnlich wie Chicago auch, von zahlreichen Brauereien geprägt. Man sollte hier einfach entlang des River Walk durch Downtown spazieren, unbedingt das Rathaus besichtigen, war doch Milwaukee wie keine andere amerikanische Großstadt von sozialistischen Politikern geprägt. Dann ist Milwaukee auch der Firmensitz von Harley Davidson. Für die Motorradfreunde – aber nicht nur für die – sollte daher das Museum des Kultunternehmens auf dem Programm stehen.

Von Milwaukee aus fahren wir dann entlang des Lake Michigan wieder zurück nach Chicago. Lasst Euch dafür Zeit, denn die Küste des Sees lädt immer wieder zum Baden und Verweilen ein.

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Das Ufer des Lake Michigan

Wieder in Chicago könnt ihr dann den zweiten Teil der dortigen Sehenswürdigkeiten abarbeiten 😉 Wenn man deutlich mehr Zeit zur Verfügung hat, kann man natürlich von Milwaukee aus auch weiter nach Norden fahren. Über Green Bay ganz an die nördliche Spitze des Lake Superior und von da dann wieder nach Süden durch Michigan in Richtung Detroit.

Herbstlektüre

Retroflagge USA mit American Potpourri Schrift

Ahhh der November. Grau in Grau, feucht und ätzend. Um der alljährlichen Novemberdepression etwas entgegenzusetzen, gibt es von mir heute einige Lektüretipps. Ich habe beschlossen die folgenden Romane im heutigen American Potpourri eher kurz zusammenzufassen, statt jeweils einzelne Rezensionen zu schreiben, obwohl jedes Buch eine solche verdient gehabt hätte.

Americana

  1. Donald Ray Pollock – The Heavenly Table (dt. Die himmlische Tafel, 2016)

Alles ist dreckig. Es starrt nur so vor Dreck und zwar überall im Ohio des Jahres 1917. Ins dortige Ross County ziehen die drei Outlaw-Brüder Cane, Cob & Chimney Jewett aus dem heimatlichen Georgia, um ihrem großen Vorbild nachzueifern, dem Groschenroman-Helden Bloody Bill Bucket. Raubend, mordend und brandschatzend verfolgen wir die drei auf ihrem Trip zum großen Geld. Allerlei skurrile Figuren und Schauplätze, sowie ein fantastischer Blick ins ländliche Amerika, begleiten uns entlang des Weges. Pollock, auch hierzulande durch das nicht minder großartige Knockemstiff bekannt geworden, schafft eine sehr schöne Balance aus tiefschwarzem Humor und dem ernsthaften Sittengemälde einer verrohten Gesellschaft. Die himmlische Tafel ist ein unbedingt lesenswerter Roman über das dörfliche Amerika kurz vor deren Eintritt in den Ersten Weltkrieg und zudem ein Lehrstück über die unentrinnbare Wirkmächtigkeit des Frontier-Mythos.

2. Hari Kunzru – White Tears (dt. White Tears, 2017)

Ein fantastisches Buch, soviel vorweg. Zwei weiße, hipstereske Musikproduzenten in New York versuchen sich an Authentizität. So unterschiedlich beide sind, eint sie doch das Ziel den ursprünglichen Sound des amerikanischen Blues – auf dessen Bedeutung ich an dieser Stelle schon einmal hinwies – wiederzuerwecken. Dabei stoßen sie auf den verschollenen Song eines Musikers, von dem man nicht weiß, ob es ihn überhaupt jemals gegeben hat. Und von da an gerät hier alles ziemlich aus den Fugen. Es bedarf eines zunehmend wahnwitzigen Roadtrips durch das ländliche Mississippi, um dem düsteren Geheimnis auf die Spur zu kommen. Kunzru hat ein sensationelles Buch über Amerikas unbewältigte Gewaltgeschichte geschrieben, einen Roman über die kulturelle Aneignung afro-amerikanischen Kulturgutes. Eine Geistergeschichte, eine Road Novel und ein Musikbuch in Einem. Man hört Bluesgrößen wie Mississippi Fred McDowell bei der Lektüre förmlich mitsingen. Eines der besten Bücher, die ich seit längerem gelesen habe.

dav

Spione und Frauen

3. Viet Thanh Nguyen – The Sympathizer (dt. Der Sympathisant, 2017)

Das nächste kleine Meisterwerk. Eine Gruppe südvietnamesischer Exilanten versucht nach dem Fall von Saigon in den USA ein neues Leben zu beginnen. Unter ihnen ein als Erzähler fungierender, namenloser Doppelagent, der heimlich für das kommunistische Regime arbeitet. Nguyen gelingt zum Einen ein Porträt der amerikanischen Gesellschaft und Kulturlandschaft aus einer „Außenseiterperspektive“. Der Protagonist wird z.B. zufällig Teil der Produktionscrew für einen großen Vietnamkriegsfilm und soll in dieser Funktion sicherstellen, dass die vietnamesische Perspektive adäquat abgebildet wird. Das ist großartig, teilweise ernsthaft witzig, aber auch immer spannend geschrieben, muss doch der Spion immer mit seiner Enttarnung rechnen. Der mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Roman, versucht sich erfolgreich daran, die Erinnerung an den Vietnamkrieg aus ihrer reinen Amerikazentriertheit zu befreien und schafft es ganz nebenbei auch noch, sowohl eine Sozialsatire als auch ein richtig guter Spionagethriller zu sein. Keine kleine Leistung von Herrn Nguyen.

4. Stephen & Owen King – The Sleeping Beauties (dt. The Sleeping Beauties, 2017)

Man kann die vermutlich aufkommende Kritik hier direkt vorwegnehmen. Ja, Stephen King hat diese Versuchsanordnung schon oft benutzt. Eine kleine Stadt irgendwo in the middle of nowhere befällt etwas horrorartiges. Was passiert im small town America in einem Ausnahmezustand? Nichts Gutes vermutlich. Ja, die hier im Mittelpunkt stehenden Gender-Stereotype sind – um es vorsichtig zu formulieren – nicht gerade grazil gezeichnet. Und es stimmt auch, Stephen King hat sicherlich schon bessere Bücher geschrieben. Trotzdem fand ich The Sleeping Beauties lesenswert. Wie würde eine Welt ohne Frauen aussehen, ist die Frage die den Roman umtreibt. Diese werden nämlich, wenn Sie einschlafen, von einem spinnennetzartigen Kokon überzogen. Weckt man sie auf, reagieren sie, nun ja, unangenehm. So bleibt für die Frauen der Kampf gegen den Schlaf, für die Männer der gegeneinander. Das ein großer Teil der Handlung in einem Frauengefängnis spielt, fand ich einen netten erzählerischen Twist. Das gemeinsam mit seinem Sohn Owen verfasste Werk ist was es ist – ein King. Wer Stephen King mag, wird auch The Sleeping Beauties mögen. Wer noch nie etwas von ihm gelesen hat, sollte evt. einen anderen Einstieg wie ES oder The Stand wählen.

dav

Media Outline – 06.11.

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Guten Morgen liebe Leser, ich wäre dann mal zurück und hoffe ihr hattet eine genehme Feiertagswoche. Media Outline heute, muss aber direkt zugeben, dass die Ausbeute diese Woche eher mager ausgefallen ist, Herbstloch?

Bilanzen

Seit einem Jahr müssen wir ihn nun ertragen den Donald. Dieses unrühmliche Jubiläum nehmen natürlich auch die amerikanischen Medien zum Anlass eine erste Bilanz der Amtszeit zu ziehen. Den besten Rückblick gibt es meiner Ansicht nach im New Yorker zu lesen. Steve Coll fasst noch einmal die schlimmsten Entscheidungen und Wendemanöver zusammen, sieht aber die chaotischsten Tage der Trump-Administration erst noch kommen. Grund dafür ist die an Fahrt aufnehmende Russland-Ermittlung von Robert Mueller – mein Porträt des Mannes gibt es hier – die sich langsam auch in den inneren Führungszirkel vorarbeitet. Hier sieht der Artikel dann auch die größten Belastungsproben auf das amerikanische System zukommen, sei es doch völlig unberechenbar wie der Narzisst auf etwaige Bedrohungen seiner Macht reagieren werde.

Das neuerliche Massaker gestern in einer texanischen Kirche ist noch zu frisch, um jetzt umfassend und analytisch eingeordnet zu werden. Man darf aber prognostizieren, dass die Reflexe und Erklärungsversuche sich ähneln werden. Ich würde deshalb auf eine etwas ältere Media Outline verweisen, die sich mit den Ursachen des Massakers in Las Vegas beschäftigt hatte.

Die „alte“ BRD & Historisches

In einem tollen Epochenporträt nimmt uns das New Yorker Literaturmagazin n+1 mit auf eine Zeitreise in die BRD Helmut Kohls. Das ist insbesondere für die Generation außerordentlich lesenswert, die – wie ich selbst – in den Kinder- und Jugendjahren, überhaupt keinen anderen Kanzler kennengelernt haben. Auch die Weltsicht und das soziale Milieu der 80er Jahre werden wunderbar dargestellt. Insbesondere der Vergleich mit dem Konservatismus Ronald Reagans und Margaret Thatchers ist sehr erhellend, habe doch bei Kohl der aggressive Neo-Liberalismus gefehlt. Stattdessen sei alles mit einer Patina der Langeweile überzogen gewesen und der Versuch unternommen worden, der Geschichte selbst zu entfliehen. Sehr lesenwert: The Forever Chancellor.

Die NY Review of Books beschäftigt sich in einem tollen Artikel von Robert O. Paxton mit der Rolle die „Kultur“ für die Ausgestaltung faschistischer und nationalsozialistischer Machtpolitik spielte. Spezifische Formen von „soft power“ in unterschiedlichsten Kulturbereichen und kulturellen Organisationen, von Musik über Film und Malerei, seien ein zentraler Baustein der Attraktivität des faschistischen Heilsversprechens gewesen. Wie üblich bei der NYRB ist man nach Lektüre von The Cultural Axis klüger als zuvor, auch wenn man sich mit der Geschichte des Faschismus eingermaßen auskennt.

#Metoo und so

Zum Abschluß gibt es noch eine wirklich gute Reportage aus der Los Angeles Times zu lesen. Im Zuge des Weinstein-Skandals besichtigt Jeffrey Fleishman den derzeitigen Zustand Hollywoods, der Filmindustrie und vor allem – hier wird das dann wirklich spannend – der Stadt Los Angeles. Diese sei nämlich seit jeher dieser Raum aus Träumen und Alpträumen gewesen, zu denen auch Mißbrauch immer wieder gehört hat. Der Artikel zieht hier auch Parallelen zur Populärkultur und da kommen einem dann selbst genau diese klassischen Verarbeitungen in den Sinn. Zuletzt in der zweiten True Detective Staffel zu besichtigen oder unterschwellig und böse in einem Film wie Mulholland Drive.