Media Outline – 25.09.

Ich gehe mal davon aus, dass sich Euer heutiger Medienkonsum vor allem mit einem Thema beschäftigt. Zumindest geht das mir so und so sollte das auch sein. Es wird heute dementsprechend nur eine recht kurze und auch ziemlich monothematische Medienrundschau geben. Wie haben Amerikas große Zeitungen nun die gestrige Wahl betrachtet und wie ordnen sie das Ganze ein?

In einer tollen Reportage vor der Wahl, schaut sich der Atlantic in Leipzig und Dresden um. Morgan Meaker sieht diese beiden Städte quasi als Miniatur dessen, was uns hier landesweit beschäftigt. Im Grunde ginge es, so Meaker, bei der Auseinandersetzung um die Flüchtlingspolitik, die man in den beiden sächsischen Metropolen so prominent und verbissen geführt, vorfindet, um nichts weniger als die Frage nach der nationalen Identität Deutschlands. Was für eine Gesellschaft wollen wir sein? Nun, ich selbst würde angesichts des Ergebnisses sagen, wir wissen es nicht so ganz genau.

Den eigentlichen Wahlausgang kommentiert die NY Times, zumindest in einer Hinsicht positiv. Sie sieht in Mutti eine wohltuende, weil uni-ideologische Regierungschefin, der sie auch die potentiell schwierigen Koalitionsverhandlungen zutraut und vor allem auch hofft, dass sie damit Erfolg hat. Auch die Times sieht im Einzug der AfD aber eine Herausforderung und Zäsur. Das sieht der Atlantic alles nicht ganz so dramatisch. Der Leitartikel hier, konzentriert sich auf die Gründe warum Merkel in Deutschland eine derartige Langlebigkeit entwickeln konnte. Die Gründe werden vor allem im deutschen Hang zu Stabilität und dem Alt-Bekannten gefunden, weswegen der Atlantic auch eher skeptisch auf die Erfolgschancen einer Jamaica-Koalition blickt. Einen wieder anderen Fokus legt die Washington Post. Hier sieht man das Ergebnis als eine Art Ankommen der BRD. Ankommen in einer Realität, in der rechtspopulistische Parteien eine gewichtige Stimme in der politischen Landschaft bilden. Die Wahl wird als Ende eines zumindest wahrgenommenen deutschen „Sonderweges“ interpretiert, der darin bestand, irgendwie immun gegen rechtspopulistische Versuchungen zu sein: A Reality Check.

Zum Schluß dann noch ein ganz netter Artikel aus dem Rolling Stone, zu einem ganz anderen Thema. Ich hatte ja schon einmal einen Beitrag über Amerikas Drogenproblematik geschrieben.

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Cannabis – der Rohstoff für einen neuen Goldrausch?

Die Legalisierung von Marihuana ist in den betreffenden Bundesstaaten zu einem Milliardengeschäft geworden, auch für private Investoren. Amanda Chicago Lewis zieht gar einen Vergleich mit dem Goldrausch von 1849 und fragt nach den Risiken und Nebenwirkungen von Investments in das Geschäft mit dem legalen Rausch. Sie sieht enorme Risiken darin, eben weil die Rechtslage auf der Bundesebene nach wie vor völlig unklar sei. Ihrer Meinung nach sind die Verschiebungen innerhalb der Debatte pro und contra Legalisierung, für die Risikoabwägung fast wichtiger, als die Investition in das eigentliche Produkt: Can Legal Pot Make You Rich?

 

 

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Roadt(r)ips – Auf dem Highway No. 1

Zum Abschluß der kleinen Reihe über Hippies, Beat Poets & Co würde ich heute mit Euch gerne das letzten Freitag besuchte San Francisco nach Süden verlassen. Und zwar auf dem legendären Highway No. 1 in Richtung Big Sur. Wer jetzt sagt, boah wie öde, dass hat doch jeder schon mal gemacht (habt ihr? 🙂 ), der kann ja alternativ den Wandertrip am Lake Tahoe planen, sollte aber vielleicht trotzdem weiterlesen. Denn ich hoffe, dass ich die ein oder andere kleine Perle auf diesem berühmten Roadtrip gefunden habe, die ihr noch nicht kennt.

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Der Autor dieser Zeilen in Big Sur

Zu Steinbecks Ölsardinen

Erste Station ist Monterey. Die 1770 von den Spaniern als Militärstützpunkt gegründete Stadt, ist aus unterschiedlichen Gründen sehenswert – und damit meine ich jetzt nicht unbedingt das zwar spektakuläre, aber auch sündhaft teure Monterey Bay Aquarium. Zum einen wären da die zahlreichen aus der spanischen Kolonialzeit erhaltenen Gebäude im Zentrum der Stadt. Zum anderen lohnt es sich die Hauptstraße von Monterey entlangzuschlendern. Die heißt nämlich Cannery Row und genau hier ließ John Steinbeck seinen gleichnamigen Roman spielen (im übrigen ebenso den weniger bekannten Tortilla Flat). Das ist also vor allem aus literaturhistorischer Sicht spannend.

Genauso wie unser nächstes Ziel, dass sich bereits mitten im spektakulären Küstenabschnitt Big Sur befindet. Das Café Nepenthe liegt direkt am Highway, hat einen traumhaften Ausblick und diente Henry Miller als Inspirationsquelle. Trinkt man dort in aller Ruhe auf der Terrasse ein Kaltgetränk, kann man Millers Worte nachvollziehen: „It was here in Big Sur that I first learned to say ‚amen‘.“ Ganz in der Nähe gibt es auch noch die Henry Miller Library, die ich selbst aber noch nie besucht habe.

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Henry Millers liebster Schreibort – das Café Nepenthe

 

Weiter zum Esalen Institute

Einer der absoluten Geheimtips entlang des Highway No. 1 ist das Esalen Institute. Diese Institution ist untrennbar mit dem Summer of Love, den Beats und allem was dazu gehört verbunden. Es wurde 1962 von Michael Murphy und Richard Price gegründet. In Esalen sollten buddhistische Meditationstechniken, westliche Psychologie und indisches Yoga miteinander verschmelzen und nichts weniger als die Überwindung althergebrachter Religionen hervorbringen. Ab 1964 hielt mit Fritz Perls einer der Begründer der Gestalttherapie dort regelmäßige Workshops ab. Darüber hinaus tummelte sich so ziemlich alles, was im gegen-kulturellen Bereich Rang und Namen hatte, dort: Hunter S. Thompson, Bob Dylan, Joan Baez, Crosby, Stills, Nash & Young, Allen Ginsberg, Timothy Leary…diese Liste sich bedenkenlos fortführen. Das Institut überstand auch die Querelen und Selbstzerstörungen Ende der 60er Jahre relativ unbeschadet. Danach widmete man sich dort neben den etablierten Workshops, die es bis heute gibt, dem Ziel einen ideologischen Dritten Weg zwischen den Blöcken des Kalten Krieges zu finden. Auch hier bildet Esalen eine großartige Live-Quelle für zahlreiche ideelle Entwicklungen der jüngeren Zeitgeschichte.

Das Tollste ist, dass Esalen sich sehr offen gibt. Man kann da einfach hinkommen und in deren abgedrehter Bibliothek rumschauen. Die ziemlich freakigen Leute dort beobachten. Oder sich einfach in einen der Liegestühle direkt am Pazifik legen und darüber nachdenken, dass das Leben doch ganz gut ist 😉 Es lohnt sich also unbedingt an der leicht zu übersehenden Einfahrt zum Esalen Institute nicht zu vorbeizurauschen.

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Von dem Schild nicht abschrecken lassen

Danach könnt ihr entweder über die Küstenorte wie Ventura, Santa Monica & Santa Barbara nach Los Angeles weiterfahren. Oder ihr biegt in San Luis Obispo in nördlicher Richtung ins Landesinnere nach Visalia ab. Von da geht es dann in den Sequoia National Park, den ich dem überlaufenen Yosemite vorziehen würde. Und das nicht nur, weil der PCT da durch führt 😉 Zu Beidem gibt es hier irgendwann noch etwas zu Lesen!

 

“Exterminate all rational thought” – Über die Beats

“I don’t know, I don’t care, and it doesn’t make any difference.” (Jack Kerouac)

“Sometimes I sits and thinks. Other times I sits and drinks, but mostly I just sits.” (Neal Cassady)

“I don’t think there is any truth. There are only points of view. ” (Allen Ginsberg)

„I sure as hell wouldn’t want to live in a society where the only people allowed guns are the police and the military.“ (William S. Burroughs)

 

Wer von Euch geneigten Lesern hat On the Road von Jack Kerouac gelesen? Hat Euch das Buch irgendwie bewegt, ein Gefühl ausgelöst? Als ich mit dem Roman erstmalig in Berührung kam, wollte ich das sofort selber machen. Einfach kreuz und quer, ohne Ziel, durch die Staaten brausen. Zudem war ich davon überzeugt das Buch eines überzeugten Linken, quasi die Bibel der Counterculture in Händen zu halten. Es dauerte lange, bis mir klar wurde, dass es sich hier um ein Missverständnis handelt. Aber wer waren die Beats und wieso ist zumindest in Teilen falsch, sie für Vordenker und Ikonen des letzte Woche thematisierten Summer of Love zu halten?

Anfänge

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten die USA einen bis dahin beispiellosen wirtschaftlichen Boom. Es entstand das, was der Ökonom John Kenneth Galbraith 1958 als Affluent Society – Gesellschaft im Überfluss – bezeichnen sollte. Kühlschränke, Wäschetrockner und das ein oder andere zusätzliche Automobil, zogen in die immer gleich aussehenden, wie Pilze aus dem Boden schießenden, Vorstädte. Materialismus und Konformität schienen das ganze Land mit einem Schleier der Langeweile zu überziehen.

Im Umfeld der Columbia University freundeten sich Ende der 1940er Jahre eine Gruppe junger Leute an, die das alles ziemlich zum Kotzen fanden. Im New Yorker Greenwich Village trafen sich die wichtigsten Vertreter der Beat Generation und wollten den festgefahrenen Geschlechterrollen und den bürgerlichen Vorstellungen eines organisierten Erwerbslebens entfliehen. Ich werde mich hier auf die vier zentralen Protagonisten dieser kulturellen Ausdrucksform beschränken: William S. Burroughs, Jack Kerouac, Allen Ginsberg und Neal Cassady.

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Die Reiseroute von Kerouacs On the Road

Cassady diente für die jungen Literaten als eine Art Muse, sein unvermittelter, spontaner Sprech- und Schreibstil und seine Attitüde des Anything-Goes wurde insbesondere für Kerouac und Ginsberg zu einer zentralen Inspirationsquelle. Die zahllosen Roadtrips,  die wechselnden, auch bi-sexuellen Beziehungen und insbesondere bei William Burroughs auch die Drogen, sollten sowohl die Mehrheitsgesellschaft provozieren, als auch als Vorbild für den eigenen literarischen Stil dienen.

Ein künstlerisches Programm, kein politisches

Während Allen Ginsberg nach Veröffentlichung seines skandalumwitterten Gedichts Howl, tatsächlich linken Idealen und Vorstellungen anhing und dies auch im Laufe der 60er Jahre tat (er distanzierte sich ab den 70er Jahren aufgrund deren zunehmender Gewaltbereitschaft von der Linken), schlugen seine Freunde einen anderen Weg ein. Kerouac tippte wahnhaft sein Manuskript für On the Road, das dann 1957 mit Verspätung veröffentlicht wurde. Als das Werk dann in den 1960er Jahren zu einer Art Programmschrift für die Neue Linke wurde, verwahrte sich Kerouac gegen derlei Vereinnahmungsversuche. Er wurde, zunehmend vom Alkohol zerfressen, zu einem rabiaten Anti-Kommunisten und Vietnamkriegsbefürworter.

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Schriftrolle von On the Road

Mexiko City, 1951. Der bekennende Waffennarr William S. Burroughs versucht im Morphiumrausch mit seiner Frau die berühmte Apfelszene aus Wilhelm Tell nachzustellen. Das Opiat hatte allerdings seine Zielgenauigkeit derart beeinflusst, dass er statt den Apfel zu treffen, seiner Frau das Gesicht wegschoss. Das Ganze wurde zwar als Unfall deklariert, er musste aber Mexiko verlassen. Es folgte eine mehrjährige Odyssee durch Nordafrika und Europa, in deren Verlauf Burroughs seinen Erstling Junkie, sowie sein Hauptwerk Naked Lunch verfasste. Letzteres sorgte nach Erscheinen für einen veritablen Skandal und wurde sogar kurzfristig verboten.

Kerouac und Burroughs, wie auch Cassady, verfolgten also kein politisches Programm oder Ziel. Sie sind weit eher einer spezifisch amerikanischen Form des Libertären zuzuordnen. Es geht bei Ihnen um Individualismus, um die Überwindung bestehender Moralvorstellungen und tief verwurzelte Staatsskepsis, aber nicht um gesellschaftliche Veränderung. Das macht das literarische Vermächtnis nicht weniger bedeutungsvoll, aber es ist trotzdem zu bedenken.

Lektüre und Augenfutter

Ich würde Euch zum Abschluß noch einige, meiner Meinung nach empfehlenswerte Werke mit geben, wenn Ihr etwas tiefer in die Beat Literatur einsteigen wollt.

Verpflichtend natürlich die jeweiligen Ursprungsfassungen von On the Road – das ich auch zu meinen persönlichen Great American Novels zähle – und Naked Lunch. Von Kerouac empfiehlt sich dann noch Big Sur und das gemeinsam mit Burroughs verfasste And the Hippos Were Boiled In Their Tanks (dt. Und die Nilpferde kochten in ihren Becken). Einen sehr schönen Blick hinter die Kulissen der Beats bieten die Memoiren von Carolyn Cassady, Ehefrau von Neal Cassady und Geliebte von Kerouac, Off the Road.

Eine exzellente Dokumentation über den womöglich faszinierendsten Vertreter der Beats, William S. Burroughs, findet ihr unter folgendem Link, hier der Trailer. Wer die Zeit erübrigen kann, es lohnt sich.

 

Und ganz kurz zum Schluß noch, die Ken Burns Vietnam-Dokumentation, auf die ich in der montäglichen Media Outline hinwies, gibt es in der Arte-Mediathek zu sehen!

 

 

 

 

Media Outline – 18.09.

Von den Millenials

Zwei lesenswerte Artikel beschäftigen sich in dieser Woche mit einer Generationenfrage. Die Jugendpsychologin Jean M. Twenge spürt im Atlantic dem Einfluß von Smartphones auf das Sozialverhalten und die seelische Gesundheit der Generation nach, die sie selbst iGen nennt. Twenge zieht ein vernichtendes Fazit. Auf empirischen Daten basierend, zeichnet ihr Artikel nach, dass mit der Ankunft des Smartphones die Neigung zu Depressionen und Suiziden bei diesen Jugendlichen komplett durch die Decke ging. Auch sei der Eindruck täuschend, dass die Nutzung sozialer Medien, diese Generation glücklicher mache, ganz im Gegenteil.

In der NY Times wird hingegen der Frage nachgegangen welche Vorstellungen die Millenials vom zukünftigen Lebens- und Wohnraum haben. Hier fand ich zunächst spannend, dass die heute 26-29jährigen zu einem erstaunlich hohen Prozentsatz nicht in die Städte ziehen, sondern wie ihre Elterngeneration auch, die Suburbs bervorzugen. Deswegen schreite die Suburbanisierung Amerikas auch nach wie vor unaufhaltsam voran. Wenn es um die zukünftige Ausgestaltung der Vorstädte geht, hätten die Millenials klare Vorstellungen. Smart, Digital und trotzdem ökologisch nachhaltig ist die Idealvorstellung der Digital Natives, wenn es um ihre Umwelt geht – The Suburbia of the Future.

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Suburbia – wie wird sie übermorgen aussehen?

Ebenfalls in der NY Times kann man einen tollen, kleinen Artikel lesen, der endlich einmal klar thematisiert, dass Donald Trump nie lacht. David Litt, ein ehemaliger Redenschreiber im Weißen Haus, konstatiert hier nicht nur Trumps völlige Humorlosigkeit, sondern weist auch direkt darauf hin, warum das ein großes Problem ist. Witz und Humor seien zentrale Kompetenzen für einen Politiker, weil sie einen Blick auf die Weltsicht ermöglichten und gleichzeitig Menschlichkeit zeigten. Trump hat davon nichts und das bekommen die USA und die Welt jeden Tag zu spüren.

Die Fußballmafia

Die NY Review of Books beschäftigt sich mit der Kultur der Korruption im internationalen Fußball. Der anerkannte Fußballhistoriker Simon Kuper zeichnet minutiös die unfassbaren Sauereien nach, die innerhalb der FIFA bis auf den heutigen Tag gang und gäbe sind. Und die NYRB wäre nicht die NYRB, wenn damit nicht gleich auch noch eine kurz und bündige Geschichte des Fußballweltverbandes verbunden würde. Der Konnex zwischen FIFA und De-Kolonisierung, die lange Zeit übliche Schmähung des Frauenfußballs und die Kultur von Korruption unter Sepp Blatter. Eine wie üblich faszinierende Lektüre, nach deren Ende, man sich als Fußballfan trotzdem wieder fragt, warum man sich das Woche für Woche antut – Soccer´s Culture of Corruption.

Und nochmal Ken Burns

Ich hatte zwar an dieser Stelle schon einmal auf die gestrige Premiere von Ken Burns lange erwarteter Vietnam-Dokumentation hingewiesen. Aber bei manchen Sachen bin ich dann penetrant ;). Denn wenn selbst eine hochseriöse Publikation wie der Playboy  – den man ja schon immer ausschließlich wegen der tollen Interviews und Reportagen gelesen hat – eine ausführliche und sehr positive Besprechung des Ganzen bringt, dann kann ich Euch nicht ersparen auch noch einmal darauf hinzuweisen. Sucht Euch einen Stream, wartet auf die DVD-Veröffentlichung, was immer, aber schaut Euch das an.

Städtet(r)ips – San Francisco

Wie versprochen würde ich Euch heute gerne mit nach San Francisco nehmen. War von Euch schon mal jemand da? Wenn ja: wie fandet ihr´s in einer der meistbesuchten Städte der USA? Ich werde jedenfalls auf die gängigen Touristenattraktionen wie Cable Cars, die Fisherman´s Wharf, Golden Gate Bridge – so man sie denn wegen des ständigen Nebels überhaupt sehen kann – und Alcatraz verzichten. Wobei letzteres tatsächlich den Besuch wert ist, kann man die Zeit dafür erübrigen. Nein, ich würde Euch San Francisco gerne auf den Spuren der Hippies und Beat Poets vorstellen.

Von der Wharf nach Telegraph Hill

Habt ihr den Besuch der Vergnügungsmeile Fishermans Wharf hinter Euch gebracht – alleine um die abgedrehten Straßenmusikanten und Jointverkäufer zu bewundern, lohnt sich das trotzdem – biegt man zum Wasser hin gesehen einfach mal nach rechts ab. Schon von weitem sieht man den Coit Tower auf einem von San Franciscos Hügeln thronen. Nach ein paar hundert Metern entlang des Embarcadero genannten Stadthighways biegt nach rechts eine steile Treppe in Richtung des Turms ab. Folgt man dieser, wird man alsbald mit einem großartigen Blick über die Bucht belohnt.

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Die Okland Bay Bridge – vom Coit Tower aus gesehen

Im Coit Tower selbst kann man dann einige Gemälde, die im Rahmen des Public Arts Project des New Deal entstanden sind, bewundern, ehe man sich wieder auf den Weg Richtung Downtown macht. Dazu durchquert man den Telegraph Hill. Dies ist ein Stadtteil, in dem die Beat Poets wie Kerouac, Ginsberg & Co überall ihre Spuren hinterlassen haben. Es lohnt sich hier einfach ein wenig durch die Sträßchen, mit der so typischen, viktorianischen Architektur zu flanieren. Zurück Richtung Downtown und dem Financial District, mit der immer weithin sichtbaren Trans-America Pyramid, kommt man automatisch an der zweitgrößten Chinatown der USA vorbei. Hier wird man auf jeden Fall irgendwas Abgefahrenes zur Stärkung finden.

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Allerorten Spuren der Beats

Danach gibt es nämlich einen Pflichtbesuch, wenn man in San Francisco ist. Der City Lights Bookstore ist ein Must-Visit. Der Buchladen samt Verlag wurde 1953 vom Beat-Poeten Lawrence Ferlinghetti gegründet und wurde seitdem für so ziemlich alles was im gegen-kulturellen Bereich Rang und Namen hat, zu einer Anlaufstelle. Noch heute hat diese Buchhandlung eine fantastische Sammlung an Beat-Literatur zu bieten. Wenn man sich dafür interessiert, kann man darin Stunden zubringen.

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Der City Lights Bookstore – ein Garant für Übergepäck.

Nach Haight Ashbury

Von der Stadtmitte wie z.B. dem Union Square, nimmt man am Besten die Buslinie #6 in DEN Stadtteil des Summer of Love. Und auch wenn das mittlerweile natürlich hauptsächlich touristischen Interessen dient, so fühlt man sich zeitweise doch, als wenn die Zeit stehen geblieben wäre. Nehmt Euch unbedingt einige Stunden für ein paar der Haupstraßen des Viertels, wie die Oak Street. Nehmt die freakigen Alt-Hippies und Kiffer in Euch auf, die es immer noch gibt. Geht in die völlig abgedrehten Läden, sehr tollen Second Hand Shops und ganz am Ende, kurz bevor man dann in den riesigen Golden Gate Park kommt, unbedingt zu Amoeba Music. Dieser alternative Plattenladen gibt alles her, was das geneigte Musikherz wünscht. Es gibt hier nichts, was es nicht gibt. Abends in eine der Schwulenkneipen des Castro District oder ins legendäre Matrix Fillmore, in dem schon Jefferson Airplane und die Doors aufgetreten sind.

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Die Läden in Haight Ashbury – der Hammer

Ein kurzer Hinweis dann noch: Rauchen und Alkohol trinken, ist in Kalifornien auf öffentlichen Plätzen, auch in Parks, verboten. Wer zu derlei Dingen Näheres lesen möchte, kann das sehr gerne hier tun.

Nächste Woche würde ich Euch dann gerne die Beat Poets noch etwas näher bringen, dabei hoffentlich einige Missverständnisse um sie herum ausräumen und Euch zum Abschluß noch auf einen Roadtrip mitnehmen.

 

„Turn on, Tune in, Drop out“ – Vom Summer of Love

Ein halbes Jahrhundert ist es jetzt her, dass in einem leicht heruntergekommenen Stadtviertel von San Francisco Tausende Jugendliche etwas begingen, was sich tief ins kulturelle Gedächtnis nicht nur der USA eingeschrieben hat: die Zeit der Blumenkinder,  Hippies und LSD-Freaks hatte seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Es war der Summer of Love. Doch wer waren die „Blumenkinder“, was wollten sie und wie lassen sie sich in das Phänomen 1968 einordnen?

„68“ in den Vereinigten Staaten

Die 68er Bewegung unterscheidet sich von derjenigen in Deutschland und anderen europäischen Ländern zumindest in Teilen. Es gab in den USA logischerweise weder den Impetus sich von der nationalsozialistischen Vergangenheit der Elterngeneration zu distanzieren, noch gab es eine große Tradition „klassisch“ sozialistischer Bestrebungen. Die 68er in den USA bestanden zum Einen aus intellektuell von Denkern der Neuen Linken, wie Herbert Marcuse, beeinflussten Studenten der weißen Mittelklasse. Diese sammelten sich Anfang der 1960er Jahre vor allem in den Students for a Democratic Society (SDS), die aber ideologisch deutlich weniger radikal waren, als ihre deutschen Namensvettern im Sozialistischen Studentenbund. Dann waren da die unterschiedlichen Schattierungen der afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Gab es hier anfangs noch Überschneidungen und Kooperationen, insbesondere mit dem moderaten Flügel um Martin Luther King, entfremdeten sich im Laufe der 60er Jahre große Teile der Bürgerrechtsbewegung von ihren weißen Mitstreitern. Organisationen wie SNCC (Student Non-Violent Coordinating Committee) und charismatische Anführer wie Stokely Carmichael, Huey Newton oder Malcolm X, radikalisierten sich zunehmend und distanzierten sich bewußt von der weißen Mehrheitsgesellschaft und auch dem linken Protest. Black Power, die Black Panther Party und auch die Hinwendung zum Islam wurden zur Devise der Stunde.

An der Westküste, genauer im kalifornischen Berkeley, entwickelte sich ab 1964 mit dem Free Speech Movement ein Seitenstrang der amerikanischen Protestbewegung. Aus dieser sollte sich dann auch etwas später die Hippiebewegung speisen.

Flower Power

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Demonstranten mit den unvermeidlichen Blumen als Friedenssymbol

Inspiriert von Beat Poets wie Allen Ginsberg und Jack Kerouac, um die es dann nächste Woche an dieser Stelle geht, aber noch stärker von Drogengurus wie Timothy Leary, wurde insbesondere Haight Ashbury in San Francisco ab 1966 zum Epizentrum dessen, was man gemeinhin Counterculture nennt. Bands wie The Byrds, Jefferson Airplane, The Doors, Quicksilver Messenger Service oder The Grateful Dead lieferten den Soundtrack zu scheinbar unbeschwerten Utopien von Rausch und freier Liebe. Der Konsum von Marihuana, Meskalin und LSD versprachen neue Bewußtseinserfahrungen, freie Liebe die Überwindung bürgerlicher Beziehungsstandards. Autoren wie Ken Kesey (Einer flog über das Kuckucksnest) und seine psychedelische Kommune der Merry Pranksters propagierten den Drogenkonsum und dessen befreiende Wirkung. Es gab Love-Burger und Love-Dogs, tagelange „Trips-Festivals“ und 1967 ein Human Be-in mit Tausenden Teilnehmern im Golden Gate Park von San Francisco. Eigene Zeitschriften wie Oracle sollten den alternativen Lebensentwurf verbreiten.

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Eine Ausgabe des Hippie-Magazins Oracle

 

Seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte der Summer of Love dann im Juni 1967 mit dem spektakulären Festival im nahegelegenen Monterey, das unter anderem Jimi Hendrix weltweite Beachtung bescherte. Nach dem Scheitelpunkt 1968, zerfaserte dann auch die Hippiebewegung zusehends und geriet in den Strudel der Flügelkämpfe innerhalb der Neuen Linken aus Yippies, Hippies, SDS und Weather Underground. Sein symbolisches Ende fand die hippieske Unbeschwertheit dann mit der Tragödie auf dem Altamont Festival im Dezember 1969.

Der reine Hedonismus?

Zeitgenössische Beobachter und Medien betrachteten das Spektakel in Kalifornien mit einer Mischung aus Sensationsgier und Verachtung. Schon damals – wie auch von späteren Historikern – war ein häufig geäußerter Vorwurf gegenüber den Hippies und Blumenkindern, der des unpolitischen, nur an individuellen Bedürfnissen interessierten, Hedonismus. Die radikale Bürgerrechtsbewegung bemerkte – völlig zu Recht übrigens – die überwältigende „Weißheit“ der Hippiebewegung und das relative Desinteresse an der Rassenfrage. Es stimmt auch, dass sich die Hippiebewegung überwiegend aus gut gebildeten und keineswegs schlecht begüterten Kindern der Mittelschicht speiste. Trotzdem ist der Vorwurf nicht ganz fair. Insbesondere der zunehmende Protest gegen den Vietnamkrieg war etwas, das die Anhänger des Summer of Love mit der breiteren Protestbewegung verband. „Make Love, Not War“ wurde zu einem Slogan, der sich schnell internationalisierte. Dennoch fehlte dieser Spielart der amerikanischen 68er-Bewegung tatsächlich die theoretische Ernsthaftigkeit und der klare politische Veränderungswille.

So, am Freitag nehme ich Euch dann einmal mit auf die Spuren des Summer of Love, der Beats und ihrer Einflüsse. Kommt mit nach San Francisco!

 

Media Outline – 11.09.

Dreamers

Eines der großen Themen für Amerikas Zeitungen war die bislang möglicherweiste zynischste Aktion in Trump´s Amtszeit. Die Executive Order von vergangenem Dienstag, die das so genannte DACA-Programm (Deferred Action for Childhood Arrival) beendete, sorgt in den großen Medien für nachdenkliche Stimmen. DACA wurde 2012 von Barack Obama eingeführt und sollte den Kindern illegaler Einwanderer einen legalen Aufenthaltsstatus garantieren. Die Rücknahme dieses Gesetzes, wird meist mit der Frage nach Amerikas Identität verknüpft. Der New Yorker verbindet seinen Leitartikel zum Thema auch noch mit den Schicksalen von Dreamers im Angesicht der drohenden Katastrophe durch den Hurrikan Irma in Florida. Im New Yorker Literaturmagazin n+1 berichtet eine Betroffene noch vor der Unterzeichnung der Executive Order von den potentiellen Folgen für die Einwanderercommunities. Gerade angesichts des Wissens, dass es die Rücknahme nun tasächlich gibt, eine umso bedrückendere Lektüre. Perfekt integrierten Menschen, die ihr ganzes Leben in den USA verbracht haben, dort Schule und Universitäten besuchten, droht die Abschiebung ins Nichts.

Der Müll im Netz

Hassposts, Kinderpornographie, Gewalt. Tagtäglich könnte man sich im Netz die grauenhaftesten Dinge frei verfügbar zu Gemüte führen. Dass zumindest ein Teil davon nicht an die Oberfläche gelangt, dafür sorgen Content Moderators, man könnte dieses Berufsfeld auch digitale Müllentsorgung nennen. Alle großen Internetfirmen, von Facebook & Microsoft über Twitter und Google beschäftigen diese Content Moderators, die dafür sorgen sollen, potentiell traumatisierende Inhalte von den jeweiligen Plattformen zu entfernen. Der Rolling Stone spürt in einer beeindruckenden Reportage den Folgen dieser Tätigkeit nach. Soziale Isolation, Suchtgefahr, ja bis hin zu Suiziden reicht die Palette. Eine sehr nachdenkenswerte Geschichte: The Human Cost of Monitoring the Internet.

Der Feuilletonchef der FAZ, Patrick Bahners, hat die New York Review of Books einmal als das beste Magazin der Welt bezeichnet. Auch ich freue mich immer wie ein kleines Kind auf die neue Ausgabe, es gab noch kaum eine NYRB an deren Ende ich nicht mindestens einen Artikel gefunden habe, nach dessen Lektüre ich mich nicht schlauer gefühlt habe. Nun ist vor einigen Monaten der jahrzehntelange Herausgeber Robert B. Silvers gestorben und es kam zum ersten Herausgeberwechsel in der Geschichte des Traditionsblattes. Die NY Times fragt sich nun, welche Richtung die NYRB unter dem neuen Chef Ian Buruma nehmen wird und stellt bereits gewisse Änderungen, vor allem im personellen Bereich, fest. Auch ich selbst bin gespannt, wie Buruma die großen Fußstapfen füllen möchte.

Wie Amerika verrückt wurde

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Allen Ginsberg, Timothy Leary & John C. Lilly

So, zum Schluß gibt es dann noch einen „kleinen“ Appetizer für die am Mittwoch beginnende kleine Serie hier. Kurt Andersen fragt in einem Riesenartikel im Atlantic danach, wann Amerika seinen Realitätsbezug verloren hat. Er findet die Antwort in den Drogen, New Age Religiosität und gegen-kulturellen Experimenten der 1960er Jahre: How America Lost Its Mind. Ich entführe Euch ab Mittwoch in den Summer of Love, nach San Francisco, zu den Beat Poets und auf einen nostalgiebeladenen Roadtrip. Stay tuned, guys 😉