Lektürehinweis – Dieses Mal etwas länger

Ich hatte ja neulich das Interview der deutschen Extremwanderin Christine Thürmer im Spiegel verlinkt, mittlerweile war die Gute auch noch in Markus Lanz´ Talkshow  (die letzten 20 Minuten). Nun dachte ich, dass ich mir zur Einstimmung dann doch einmal ihr im April veröffentlichtes Buch zu Gemüte führe. Das hab ich übers Wochenende mal getan und deshalb gibts hier jetzt mal slightly OT eine kurze Besprechung.

Das Buch handelt von den Thru-Hikes des PCT, CDT und AT (bei Verständnisproblemen hier entlang), die Thürmer in den Jahren 2004-2008 unternommen hat, wobei der PCT über die Hälfte des Umfangs einnimmt, es gibt also ein inhaltliches Ungleichgewicht zwischen den drei Trails. Das Ganze ist recht nett geschrieben, wobei man schon feststellen kann, dass Frau Thürmer in ihrem vorherigen Leben eher mit Excel-Tabellen und weniger mit schriftstellerischen Ambitionen unterwegs war.

Inhaltlich fand ich drei Punkte tatsächlich ganz spannend, wobei das Buch nur zu empfehlen ist, wenn man sich noch nicht ausgiebiger mit den Trails und thru-hikes in Amerika beschäftigt hat, viel Neues gibt es nicht (abgesehen davon, dass mir nochmal klar wurde, warum zumindest der AT mich überhaupt nicht reizt und der CDT schon eine ganz brutale Sache ist).

  1. Es wird ganz schön beschrieben, wie Langstreckenwandern ab einem gewissen Zeitpunkt zu einer veritablen Sucht werden kann, die dazu führt, dass man damit sein eigentliches Leben, vor allem im sozialen Bereich, „ruiniert“. Sie würde das positiv sehen, ich wäre mir da nicht so sicher. Aber klar diese Wertung sei jedem selbst überlassen.
  2. Die Ambivalenz der thru-hiker community kommt ganz gut zum Ausdruck. Einerseits die große Hilfsbereitschaft und Solidarität untereinander, andererseits ab einem gewissen Zeitpunkt dann doch der reine Egoismus, es geht im Endeffekt nur noch darum auch wirklich anzukommen, beinahe um jeden Preis.
  3. Am Spannendsten, Unverständlichsten und gleichzeitig auch am Kritischsten fand ich schließlich Thürmers eigene Motivation, die auch in hohem Maße ambivalent ist. Einerseits schreibt sie immer wieder, dass es ihr nicht um die sportliche Herausforderung geht, sondern um Laufen um des Laufens willen (deshalb sind ihr auch Landschaften, die Schönheit eines Trails oder sowas im Prinzip egal – versteh ich überhaupt nicht, ist für mich sogar die Hauptmotivation, aber gut). Andererseits geht es ihr dann doch um die Erreichung der triple crown und das ist ja nichts Anderes als die Belohnung für die enorme körperliche und mentale Leistung und den Stolz über das Erreichte kann sie auch nicht verbergen. Das passt nicht so recht zusammen. Dann wurde ich auch den Eindruck nicht los, dass bei ihr das Wandern danach zum reinen Selbstzweck wurde, weil es nichts anderes mehr gibt, lauf ich eben.

Wer einen Einblick in die amerikanischen Trails, die Kultur des thru-hiking und die durchaus auch unappetitlichen Nebeneffekte desselben bekommen will, dürfte das Buch ganz unterhaltsam finden. Auch als Diskussionsanregung zu oben genannten Ambivalenzen, finde zumindest ich es geeignet, evt. gerade weil ich viele Dinge – zumindest heute noch 😉 – ziemlich anders sehen würde als Christine Thürmer.

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14 Gedanken zu “Lektürehinweis – Dieses Mal etwas länger

      1. mach ich. wird gerade runtergeladen. ich hab ja mal aus spass ein paar handbücher und teilbeschreibungen des pct gelesen – vor einem jahr oder so. hast du die auch gelesen? von karen berger/jeffrey schaffer/jim hill….ich fand das so irre spannend was da für ein planungsaufwand drinsteckt. ich hab das nie so recht ernstgenommen und dachte immer ach die. überspezialisierte wandernerds! seit ich bei dir lese kommen mir zweifel ob meiner bisherigen haltung :)))

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  1. Ja, ich hab die auch gelesen, aber für die eigene Planung nur sporadisch benutzt, da oft eher veraltet (ich habe die nützlichsten Planungstools wirklich Online in Form von Blogs, etc. gefunden).
    Ganz grundsätzlich ist die Planungintensität glaub eine Richtungs-Typ-Zeit-und Geldfrage. NoBo weniger Planung als SoBo. Dann kommts einfach drauf an, wie viel Zeit man jeweils aufwenden will um in Städte mit vernünftigen Supermärkten zu kommen, oder wie viel Geld man für Verpflegung aufwenden will und kann. Je weniger man sich selber schickt, desto teurer kann das u.U. dann in manchen Gegenden werden. Wenn man sich eher viel selber zuschickt, dann sollte man schon in etwa wissen, wieviel Essen für wie viele Meilen in ein Paket reinmuss, sonst hat man schon ein Problem (man lernt das aber wohl auch sehr schnell). Es gibt aber genügend Leute die senden sich insgesamt 9-10 Boxen und kaufen den Rest unterwegs, ist flexibler aber eben teurer und zeitaufwendiger.
    Wirklich zentral sind aber davor nur vernünftige Ausrüstungssrecherche und vor Ort dann in den heißen Regionen die Wasserplanung, die ist aber dann schon überlebenswichtig, man muss sich im Water Report genau anschauen welche Quellen und Caches vorhanden sind und wie weit das ist.
    Bin jedenfalls gespannt was Du von Frau Thürmer hältst (die plant extrem viel, wiegt z.B. ihre Verpflegung genau ab und so, das werde ich nicht machen, sondern mir das etwas gröber überlegen, was ich pro Tag brauche. Wird ja auch mehr im Laufe der Zeit).

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  2. so marco – feiertag in bayern und ich habe jetzt in einem rutsch frau thürmer gelesen. eins ist mal klar (wie du auch schon so schön geschrieben hast) viel geschrieben hat sie vorher nicht….ich hab manche seite mit aufgerollten zehennägeln gelesen…;)
    ansonsten fiel mir bei ihr auf, was mit eben bei dir auch schon auffällt – planen sollte man können. wobei du ja im kommentar auch ein bisschen relativierst und nach den lektüren über den pct bisher sehe ich die ausrüstungsvorbereitung und die wasserplanung für den süden wie du.

    was ich gut nachvollziehen konnte ist dieses reinrutschen in eine art sucht. oder was heisst art….wer seine whg. und seinen job kündigt fürs laufen, den kann man getrost als süchtig bezeichnen. ich bin ja selbst viel in den bergen unterwegs und ziehe viel aus dem sein-in-natur. so könnte ich mir zb bei mir gut vorstellen, dass es ein schwerer schritt wäre aus diesem trailalltag wieder in den normalen alltag zurückzukehren. gut beschrieben finde ich die „szene“ (ohne sie selbst zu kennen), was für menschen das sind und wie man selbst so sehr in die reduktion kommt, wie man merkt mit wenig gut auskommen zu können. das sind alles gedanken die mich sehr reizen. ich weiss nicht ob du es schon irgendwoe beschrieben hast – aber als sie so über ihre motivation schrieb, die auf dem AT so sehr mit der haltung dort kollidierte – da habe ich mich gefragt was deine motivation ist. gehst du den pct weil du deine grenzen erleben möchtest? aus sportlichem ehrgeiz? wegen der natur? vermutlich wegen allem ein bisschen – aber deine hintergründe würden mich sehr interessieren.

    leider ist mir frau thürmer nicht sehr sympathisch, ich weiss gar nicht so genau woran das liegt – cheryl strayed war mir weitaus näher und menschlicher in ihrer art.

    aber so als überblick wars ok. bin aber dafür, dass du unbedingt auch ein buch über deine erfahrungen schreibst ;))

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  3. (und gerade denke ich auch so, inwieweit eigentlich ein mehr und mehr süchtiges verhalten dazu führt, dass einem der ursprüngliche spass flöten geht und wie schade das ist. dann kann man zwar sagen ich bin da und da und dort und dort gelaufen – aber was macht das mit den motivationsgründen?)

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  4. Ui, das ging ja flott ;). Witzig, wie sich manche Einschätzungen ähneln: ich mag Frau Thürmer auch nicht, keine Ahnung warum, aber ich find die irgendwie unsympathisch, bzw. die Art mit der sie das betreibt. Auch diese thru-hiker-Szene find ich bizarr und ich glaube mir würden gar nicht wenige auch recht schnell auf den S… gehen. Deshalb lauf ich auch SoBo und wär der AT für mich (vom vielen Regen und Wald mal abgesehen) ein no-go. Das mit dem Verzicht ja, das ist glaube ich eine der Lektionen, die man auf jeden Fall mitnehmen wird und die glaub auch ganz heilsam sein kann.
    Was meine eigene Motivation angeht, hab ich die hier schon mal kurz angesprochen: https://southboundhiker.wordpress.com/2016/04/01/warum-macht-man-das/
    Es ist wie gesagt eine Mischung aus dem Grenzen austesten und der Landschaft des Westens. Ich hab mich die letzten 15 Jahre mit amerikanischer Geschichte und insbesondere der des Westens beschäftigt. Das ist schon eine Hauptmotivation.
    Ein Buch wirds von mir eher nicht geben, dazu langt mir meine eigene schriftstellerische Qualität glaub nicht aus ;). Wenn, dann hab ich schon mal drüber nachgedacht, die eigene Wandererfahrung mit einer Geschichte des PCT zu verbinden. Mit diesen Trails werden ja auch ganz bewußt bestimmte Landschaften und mental maps der USA evoziert, aber das interessiert dann wieder keinen ;). Mal schaun….

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  5. Ach und nochmal kurz zur Planung: ein Blogger hat dazu mal geschrieben: „Your Pacific Crest Trail Plans are useless, but you had fun making them, didn´t you“. Man ird glaub hin wie her feststellen, dass man vieles einfach nicht planen kann, Bei mir kommt einfach ob des Starts noch die Boxenversendung und damit ne grobe Essenskalkulation dazu, die als SoBo am Anfang wichtiger ist.

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  6. ah siehste! dieser post ist mir irgendwie nicht untergekommen. also diese landschaftsgedanken teile ich – ich war mehrfach in den usa (auch arbeitenderweise) und davon 3x im westen……das ist schon einmalig dort und insbesondere das erleben so unterschiedlicher landschaften auf einem haufen. und was du schreibst mit den mental maps in kombi mit den trails, das fänd ich sehr spannend mal zu lesen bez. darüber was zu erfahren. wobei du unter umständen recht haben könntest was das interesse angeht….ausser meinem natürlich 😉

    also long story short: ich freue mich sehr auf die kommenden wochen lesenderweise dabei zu sein und wer weiss, wer weiss – vielleicht bekomme ich meine planungsphobie in den griff und wandere auch nochmal los.

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  7. Also wegen einer möglichen Planungsphobie würde ich sowas auf keinen Fall ausschließen, es gibt so viele die einfach NoBo loslaufen. Ich freu mich jedenfalls wirklich sehr übers Mitlesen, ich hoffe ich kann die Eindrücke dann einigermassen vermitteln. Und wenn ich schon aller Wahrscheinlichkeit nach kein Buch schreiben werde, dann vielleicht eine Reihe von Blogbeiträgen zum Thema Frontier/National Scenic Trails – und sei es nur damit zumindest Du was zum Lesen hast 😉

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  8. Ich habe mir zum ersten Mal in meinem Leben Markus Lanz zu Gemüte geführt, bin aber über die ersten Minuten des Gesprächs mit Frau Thürmer nicht hinausgekommen und das lag glaube ich daran, dass sie so auffällig häufig betont hat, wie unglaublich erfolgreich sie zuvor in ihrem Berufsleben war. Und dann drängte sich mir der Eindruck auf, dass es ihr beim Wandern möglicherweise doch letztlich auch vor allem um Erfolg geht und darum, das Optimum herauszuholen und möglicherweise macht das ja süchtig und dann ist es ja beinahe egal, ob man das in der Arbeitswelt, beim Wandern oder bei der Rasenpflege betreibt, um jetzt mal unzulässig zu pauschalisieren. Obwohl ich aus irgendeinem Grund sehr fasziniert von diesem PCT-Wanderprojekt bin (möglicherweise, weil ich mich vor diesem allein-den-Naturgewalten-ausgesetzt sein doch sehr fürchte…), habe ichbeschlossen, Thürmers Buch nicht zu lesen und bin umso gespannter auf Deine Wander-Eindrücke. Ob Buch oder Blogeinträge, ich würde beides garantiert lesen.

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  9. @nm, war auch genau mein Eindruck. Sie kann sich, glaube ich, tatsächlich nicht wirklich von ihrem früheren Selbst lösen, Optimierung, Erfolg, etc. Freue mich jedenfalls übers Mitlesen und hoffe, dass ich mich nicht in eine Thürmer´sche „Ich-will-ankommen-um-jeden-Preis-Maschine“ verwandle 😉

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