Trampen, Bernie & Trump – Beobachtungen aus einem zerrissenen Land

Trampen gehört zu den Grunderfahrungen einer jeden PCT-Wanderung. Das galt für mich, der ich dank meiner ganzen Missgeschicke deutlich öfter als geplant irgendwo hinkommen musste, umso mehr. Grundsätzlich kann man festhalten, dass Trampen sehr sehr einfach ist, ich habe selten länger als 10 Minuten gewartet. Dies ist deshalb eines der Dinge, an denen man die unglaubliche Hilfsbereitschaft und Offenheit vieler Menschen dort, am Besten festmachen kann. Wenn man sich dann noch auf die Leute einlässt, mit ihnen ins Gespräch kommt, kann man faszinierende Einblicke in die derzeitige Verfasstheit der USA gewinnen. Es gab kaum eine Mitfahrgelegenheit, bei der man nicht früher oder später, über den üblichen Small Talk hinaus, auf die Wahl, Politik im Allgemeinen oder die Probleme des Landes zu sprechen kam. Aus diesen Begegnungen habe ich versucht ein kleines Panorama der derzeitigen Stimmungslage herauszudestillieren – die betreffenden Namen habe ich übrigens abgeändert, die Leute und Gespräche gab es aber alle genau so.

Tina, Krankenschwester mittleren Alters aus dem Großraum Seattle, ist wütend. Ihr großer Hoffnungsträger, das Versprechen auf grundsätzliche Veränderungen, hat es nicht geschafft. Bernie Sanders wurde ihrer Meinung nach von der Parteimaschine der Demokraten und dem großen Geld des Clinton-Clans zerstört und damit dem Land die Chance geraubt, die Gesellschaft ganz generell umzukrempeln. Denn das täte not, dringend, meint Tina. Das so genannte Establishment (im übrigen ein Wort, das hier noch des öfteren vorkommen wird) sei schon seit langer Zeit dem wirklichen Leben der Amerikaner völlig entrückt, nur Bernie Sanders, der hätte das alles ändern können. Nun habe man nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera, Trump ein Faschist vs. Clinton die idealtypische Manifestation des „Establishment“, eine notorische Lügnerin noch dazu. Ich frage nach, für was sie sich entscheiden wird. Lange habe sie nach der fundamentalen Enttäuschung über das Scheitern von Bernie – es klingt immer als redete man über einen guten Bekannten, wenn Sanders-Anhänger mit leuchtenden Augen von ihrem Idol sprechen – erst gar nicht zur Wahl zu gehen. Mittlerweile möchte sie dann aber doch Trump verhindern, eine Vernunftdemokratin wider willen sozusagen. Die gibt es auch bei einigen Konservativen, Vernunftrepublikaner, die gezwungenermassen zu Vernunftdemokraten oder – häufiger – Nichtwählern werden, weil „Trump a fucking idiot“ sei. Hoffnung auf Besserung hat Tina aber keine, die sei mit Clinton nicht zu erreichen.

Auch Brad, Mitarbeiter in einem Outdoor-Laden, hat einen Helden: sein Name ist Ronald Reagan. Unter Reagan, erzählt er mir Pot rauchend in seinem Chevy Pick-Up, der schon bessere Tage gesehen hat, da sei das Land noch in Ordnung gewesen. Es habe Werte gegeben, auf die man sich verständigen konnte, Anständigkeit. Und vor allem habe die Regierung in Washington nicht für jeden Scheißdreck das Geld zum Fenster rausgeworfen, vor allem nicht für Sozialleistungen. Mein dezenter Hinweis, dass die Staatsausgaben unter Reagan komplett durch die Decke gingen, ficht ihn nicht an. Es war nicht das einzige Mal, dass der Name Reagan in einem ikonographisch verklärten Licht auftauchte, wenn ich mit bekennenden Konservativen gesprochen habe. Und mir scheint, dass das mindestens genausoviel mit der Person als mit der Zeit der Präsidentschaft zu tun hat. Auch wenn viele Gewissheiten der klassischen Industriegesellschaft bereits in den 1970er Jahren zu bröckeln anfingen, so war der Ost-West-Konflikt für die amerikanische Gesellschaft doch von herausragender Bedeutung. Der von Liberalen wie Konservativen geteilte Anti-Kommunismus war der zentrale ideologische Kitt, der diese Gesellschaft trotz aller Unterschiede zusammenhielt, fiel dieser weg, brachen ab den 90er Jahren auch die ganzen fundamentalen ideologischen Differenzen auf und konnten bis heute nicht wieder überwunden werden. Brad wird Trump wählen, auch und gerade weil dieser, wie Reagan, als Außenseiter in die Politik kam. Das Reagan in den 60er Jahren bereits Gouverneur von Kalifornien war, bevor er 1980 Präsident wurde, irritiert Brad nur kurz. Es geht ums Prinzip und das heißt auch hier: grundsätzliche Veränderung, alles muss raus. Zumindest hier wären sich Tina und Brad einig. Als wir am Ziel ankommen nimmt ihm eine afro-amerikanische Autofahrerin den letzten Parkplatz vor der Nase weg – tatsächlich war das nicht besonders nett in dem Moment. „That´s because she feels entitled, Google, you need to know: black lives matter. White, Asian or Hispanic ones obviously don´t as much.“ Sein Lachen wirkt eher bitter, nichtsdestotrotz ist das Rassismusthema natürlich auch ein Großes und sehr Heikles.

Eines das auch Stewart, College-Professor an der Southern Oregon University, momentan umtreibt. Er organisiert dort gerade einen Workshop über die Rassismusproblematik in Ashland. Ich frage etwas verwundert nach, wie groß denn das Rassismusproblem in Ashland sei, ich hätte während meines Aufenthalts nicht einen einzigen Afro-Amerikaner gesehen. Er lacht ein helles, fröhliches Lachen und schüttelt seinen graumelierten Lockenkopf. Nein, nein, die gäbe es auch nicht, es ginge um Prävention, die Entstehung von Rassismus in den Köpfen müsse verhindert werden. Wie er denn zu der black-lives-matter-Bewegung stehe, will ich wissen. Sehr positiv findet er das Ganze. Das dahinter aber auch ein spezifisches Problem des afro-amerikanischen Protestes gegen den, selbstverständlich in vielen Bereichen omnipräsenten, Rassismus steckt, leuchtet ihm nicht so recht ein. Ich rede hier davon, dass Afro-Amerikaner seit den späten 1960er Jahren dazu neigen, in eine Art von Opferkonkurrenz mit anderen Minderheiten, wie Hispanics oder Native Americans, zu treten. So nach dem Motto: unsere Unterdrückung war schon immer die Schlimmste, unsere Ausgrenzung ist viel stärker. Diese Selbst-Viktimisierung ist einerseits angesichts einer jahrhundertelangen Geschichte von Versklavung, Gewalterfahrung und Entrechtung nachvollziehbar, ich wage aber zu bezweifeln, dass das für die Akzeptanz des Ganzen in der Mehrheitsgesellschaft sehr hilfreich ist, im Gegenteil. Selbstverständlich ist auch Stewart ein glühender Anhänger von Bernie Sanders, er hasst Hillary Clinton und hält Barack Obama für einen katastrophalen Präsidenten – Drohnenkrieg, Guantanamo, etc.pp. (die Einschätzung Obamas ist im übrigen auch auf beiden Seiten des politischen Spektrums frappierend ähnlich, natürlich aus diametral entgegengesetzten Gründen). Er wird die grüne Kandidatin Jill Stein wählen. Das System müsse kollabieren, damit sich etwas ändert. Meinen Einwand, dass man derlei Gerede vor ungefähr 70-80 Jahren auch in vielen europäischen Ländern hören konnte, mit bekannten Folgen, macht ihn zumindest nachdenklich, bevor er mich am Trailhead rauslässt, noch einmal sein helles Lachen lacht und sagt: We´ll see, I´ll think about it, have a great hike!“

Änderungen hätte auch Ashley gerne und sie ist sich auch sicher, dass die kommen, für sie ganz persönlich. Sie ist schätzungsweise Ende 20, alleinerziehende Mutter einer 10jährigen Tochter und gerade auf dem Weg zur Arbeit in einer Bar. Sie hat aber definitiv noch genügend Zeit mich in die Stadt zu fahren – „hop in, bro“ und außerdem und überhaupt, ihr neuer Job sei viel besser als der Alte, der war nämlich in einem Strip Club, trotzdem sucht sie noch was Anderes, es reicht einfach nicht aus, Schulgeld, College Funds, Krankenversicherung. Sie will wissen was ich mache und ist völlig begeistert – „this is fucking awesome, man“ – vom PCT und allem drumherum. Von Obama ist sie enttäuscht, er habe die Gesellschaft gespalten und hier werde ich den Eindruck nicht los, dass da was dran ist. Dieses Projekt, die gesellschaftlichen Gräben zuzuschütten, mit dem Barack Obama 2008 antrat, ist grandios gescheitert und er hat dazu mit umstrittenen Entscheidungen wie u.a auch der Gesundheitsreform und deren Durch- und Umsetzung (auch wenn Europäer das schwer verstehen können) selbst beigetragen. Und hier ist es leider auch egal, wer im November die Wahl gewinnt. Die Zerrissenheit in diesem Land wird stärker sein, als jemals seit dem Bürgerkrieg 1861-65, weil sich hier zwei komplett gegensätzliche Vorstellungen darüber, was die USA sein sollten, gegenüberstehen. Das unterscheidet die derzeitige Wut in Teilen von früheren anti-elitären Reflexen, die im Prinzip in den USA – People´s Party der 1890er, Huey Long in den 30er Jahren, Goldwaterites in den 6oern, wären hier Stichworte – nichts Neues sind.

Aber Politik habe ohnehin noch nie irgendwelche Probleme gelöst, meint Ashley fröhlich, dass müsse man schon selber machen, wen sie wählen wird, weiß sie noch nicht.

Ob sie denn zuversichtlich sei, was ihre eigene Zukunft angeht, frage ich sie. Natürlich, sie werde irgendetwas Zusätzliches finden, ganz sicher, dreht Long Train Runnin´ von den Doobie Brothers noch ein wenig lauter und strahlt mich mit einem umwerfenden Colgate-Lächeln an: „Google, life´s nothing to worry about, come on, there´s a bar over there, I´ll buy you a drink“. Da ist er wieder, der unerschütterliche Optimismus den Amerikaner haben können, es gibt ihn noch, Ashley hat mich daran erinnert.

 

 

Advertisements

4 Gedanken zu “Trampen, Bernie & Trump – Beobachtungen aus einem zerrissenen Land

  1. genauso meinte ich das! 🙂 du schreibst wirklich toll, so dass ich tatsächlich anfange manche dinge nebenher zu recherchieren, weil ich mehr wissen will….

    ich denke ja ein land begreift man in der begegnung mit den menschen dort und du scheinst ein händchen für begegnungen und gespräche zu haben!

    Gefällt 1 Person

    1. Puh, da bin jetzt beruhigt, dass ich Deine Erwartungen einigermassen erfüllt habe 😉 Das mit den Leuten ist in den USA aber gar nicht so schwer, die Offenheit Fremden gegenüber ist meiner Meinung nach viel ausgeprägter als hier. Auch wenn mir viele Leute attestieren würden, eine „people´s person“ zu sein, dass war für den Trail dann aber eher nachteilig, zu enge Freundschaften stellen einen vor schwere Entscheidungen und auch Reden kostet leider Zeit 😉

      Gefällt mir

  2. Die Stimmunglage, die Du unabhängig von den genauen Inhalten, beschreibst, erweckt sehr unangenehme Erinnerungen an die europäische Zwischenkriegszeit. Die diffuse Ablehnung des Establishments/Systems, der Überdruß an den bestehenden Zuständen, welche nur durch ein reinigendes Gewitter zu lösen wären, die zunehmende Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft… Neben dem Optimismus vermisse ich hier auch den gewissen Pragmatismus, welcher mir die USA immer ganz sympathisch gemacht hatte.

    Gefällt 1 Person

    1. Problem ist eben, dass sich die Demokraten mit Clinton leider keinen Gefallen getan haben, weil sie eben tatsächlich wie keine andere für das „Establishment“ steht und rumlügen tut sie wirklich die ganze Zeit, hier wäre Biden die bessere Wahl gewesen. Auch Obama hat bei vielen Sachen leider viel zu wenig Kompromissbereitschaft gezeigt, auch wenig hilfreich. Ansonsten gibts da schon Parallelen ja, wobei ich nach wie vor den größten Unterschied darin sehen würde, dass dieses reinigende Gewitter für die allermeisten nicht in staatlichem Handeln zu suchen ist. Können wir ja aber auch morgen bissle drüber parlieren!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s