„Hunger for the Wild“ – der PCT als Frontiererfahrung II

Die Pläne zur Einrichtung des Appalachian Trail reichen bis in die 1930er Jahre zurück. Das hat einerseits damit zu tun, dass man die Errichtung eines solchen Fernwanderwegs als weitere Möglichkeit einer Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahme im Rahmen des New Deal unter Franklin D. Roosevelt auffasste (tatsächlich wurden einige Abschnitte des AT von Arbeitern des Civilian Conservation Corps gebaut). Andererseits steckte aber auch die Idee dahinter, den Arbeitern aus den metropolitanen Zentren des Nordostens die Möglichkeit zur „Regeneration“ in der Wildnis des Appalachengebirges zu bieten, da man fürchtete, zu lange Aufenthalte in Städten und die Konfrontation mit deren Segnungen der Moderne, führe unweigerlich zu einer „Verweichlichung“ des amerikanischen Mannes. Man müsse immer wieder den Gefahren der Frontier ausgesetzt werden, um wahrhaft amerikanisch zu sein – derlei Ideen lassen sich bis zu Theodore Roosevelt, John Muir und den frühen Einrichtungen der Nationalparks in Yellowstone (1872)  und Yosemite (1890) zurückverfolgen, in denen es darum ging die Wildnis vor den Gefahren und Zerstörungen der Zivilisation zu retten  – dass das für die Native Americans nicht galt, ist noch einmal ein anderes Thema. Und das trifft auch und insbesondere für die Einrichtung der Fernwanderwege im amerikanischen Westen wie den PCT, CDT oder auch den Arizona Trail von 1968 bis in die 2000er Jahre zu, die zumeist auf die private Initiative  einiger Enthusiasten zurückging und erst danach (im National Trails System Act von 1968) auch staatlich mandatiert wurde.

Nun ist es ohne jeden Zweifel so, dass die Erschließung und Besiedlung des amerikanischen Westens für die Menschen des 18. und 19. Jahrhunderts tatsächlich mit zahllosen Gefahren verbunden war und man das Versprechen auf Freiheit, Landbesitz und den Abschied von den Fesseln des europäischen Ständestaats auch gerne einmal mit dem Leben bezahlen konnte. Indianerangriffe, Wassermangel, die Unberechenbarkeiten des Wetters im Westen, das Überqueren der scheinbar unüberwindlichen Gebirgsketten, Gefahren aus der Tierwelt, waren alles Dinge die sowohl konkret erfahren wurden, als auch bereits zum Zeitpunkt dieser konkreten Erfahrung Eingang in das Frontiernarrativ fanden. Nun ist es zwar nicht mehr so, dass man auf dem PCT von einem Comanchekrieger skalpiert werden kann – hier haben eingeschleppte Krankheiten, diametral entgegengesetzte kulturelle Vorstellungen, sowie die spezifische Gewaltkultur des amerikanischen Siedlerkolonialismus, um nur einige Gründe zu nennen, leider ganze Arbeit geleistet – die anderen Gefahren bietet aber zumindest in der Vorstellung, zum Teil auch in der Praxis – eine Wanderung auf dem PCT.

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Wenn man die Gatter an einem Trailhead des PCT hinter sich zumacht und sich auf den Weg begibt, dann lässt man bald auch die Strommasten hinter sich und mit ihnen auch die letzten Reste von menschengemachter Zivilisation. Für die meisten Wanderer sind die Anfahrt zum PCT und die ersten Schritte auf diesem, eine Reise ins Ungewisse, auf der potentielle Gefahren wie Bären, gefährliche Wegabschnitte und Wettergewalten auf einen warten, aber eben auch das Versprechen auf menschenleere Wildnis, Abenteuer und scheinbar grenzenlose Freiheit, fernab von den Zwängen der bürgerlichen Gesellschaft – sounds familiar doesn´t it?

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Was wird uns am Ende der Bootsfahrt erwarten?
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Ein Bär samt Jungem – Frontier…

 

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Eher nicht runterschauen, wenn man Höhenangst hat.

Das ist einer der Gründe, warum viele Menschen eine Wanderung auf dem PCT so attraktiv finden. Weil dieser Weg auf mehr oder weniger konkrete Art, zahlreiche Versprechen des Frontiermythos aufgreift und man damit die, auf die allgemeine Attraktivität der USA für Immigranten aus aller Welt, bezogenen Worte des Publizisten Thurston Clarke, auch einfach auf den PCT ummünzen kann: „Why did people come to America? To get away. Yes, because of this simplest of reasons. To get away from everything. To get away from what they are and what they were. That´s why people came to America, and still come.“

Im dritten und letzten Teil geht es dann um eine weitere Stufe der Konkretisierung in der Beziehung zwischen Frontiermythos und dem PCT.

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2 Gedanken zu “„Hunger for the Wild“ – der PCT als Frontiererfahrung II

  1. ich finde es faszinierend, wieviele innere bilder von freiheit und zu sich finden an den usa hängen. was man (ich) auf dieses land an eigenen sehnsüchten projeziert. gibts es eigentlich noch irgendein land auf dieser welt wo das so ist? (zumal es ja „die“ usa nicht mal gibt….)

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    1. Gute Frage, ich würde meinen in der Form und über einen so langen Zeitraum vermutlich eher nicht, wobei natürlich Sehnsuchtsorte schon auch etwas sehr Individuelles sind und deshalb auch sehr unterschiedliche Formen annehmen können. Aber gerade diese Verknüpfung mit „Freiheit“ ist glaube ich schon recht einzigartig und ist eben vermutlich ziemlich stark mit der puren Größe verbunden…
      Allerdings muss man natürlich schon auch sehen, dass es auch genügend Leute gibt, die in den USA eine negative Projektionsfläche haben.

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