„You wanna fuck?“ – Über Sexualität

Auf Wunsch von @justathought…;)

„Lydia´s hand reached for mine and pushed it down the front of her jeans and into her panties. One fingertip felt the top of her cunt. She was wet. As I continued to kiss her I worked my finger down into her cunt. Then I pulled my hand out, broke away, got the pint and poured myself another drink.“ (Charles Bukowski, Women, 1979)

“When she closed her eyes she felt he had many hands, which touched her everywhere, and many mouths, which passed so swiftly over her, and with a wolflike sharpness, his teeth sank into her fleshiest parts.” (Anaïs Nin, Delta of Venus, 1977)

„Yeah, I want to drive your, your long and beautiful, your rounded body, wheel-to-roll limousine. I´ve never had the thrill of riding such a wonderful machine.“ (Chuck Berry, I Want To Be Your Driver, 1966)

Sei es das Zitat aus Bukowski´s autobiographisch angehauchtem Roman, jenes aus Nin´s bereits in den 1940er Jahren niedergeschriebenem Erotikklassiker oder der kurze Lyricauszug der Blueslegende Berry, alle haben eine ziemlich explizite Darstellung von Sexualität gemeinsam. Wie passt das nun mit dem häufig in Europa zu hörenden Klischee von der vermeintlichen Prüderie und Verklemmtheit der Amerikaner zusammen? Die Antwort lautet gar nicht, weil dieses Klischee in weiten Teilen ziemlicher Unfug ist, wie auch die deutsche Journalistin Beate Wild in einer SZ-Kolumne festgestellt hat, in der sie u.a. von den detailreichen Sexgesprächen mit Freundinnen berichtet.

Wie die einführenden Zitatbeispiele illustrieren sollten, gibt es in den USA in unterschiedlichen (populär-) kulturellen Bereichen eine gewisse Tradition in der Darstellung ostentativer Sexualität. Seien es Henry Miller, Charles Bukowski und auch einige der Beat Poets in der Literatur, bereits in den 1970er Jahren gegründete Magazinpublikationen wie Larry Flynt´s Hustler, oder auch die oftmals sehr expliziten Songtexte des afroamerikanischen Blues, die schon in den 1940er Jahren häufig mit einer dezidiert sexualisierten Sprache aufwarteten. Auch die heute Kultstatus habenden Trashstreifen von Russ Meyer, wie Supervixen oder Faster, Pussycat! Kill! Kill!, zu denen die ungefähr zeitgleich produzierten Schulmädchen-Report-Filme im Vergleich ziemlich blass und geradezu brav erscheinen, mögen hier als Beispiel dienen. Diese kulturellen Ausdrücke diffundieren natürlich auch in die Alltagswelt hinein und das gilt für den Beginn der „sexualisierten Gesellschaft“ (John D´Emilio & Estelle B. Friedman) und die Generation Youporn und Tinder mit Sicherheit nicht weniger. Wie auch hier geht es in manchen Bereichen um bewußte Grenzüberschreitungen und die Infragestellung bestimmter Normen, dies kann man an einer kleinen Anekdote aus meinem Aufenthalt ganz gut zeigen.

Ich sitze zu etwas späterer Stunde gemeinsam mit Sam – die für Unwissende in dem Moment genausogut meine Partnerin hätte sein können – in einer Bar in der Nähe von Irvine, das eine der prominenteren Filialen der University of California beherbergt (u.a. liegt hier der Nachlass von Jacques Derrida), also alles ziemlich universitär und studentisch geprägt. Aus den Boxen dröhnt passenderweise Closer von den Nine Inch Nails („I wanna fuck you like an animal, I wanna see you from the inside…“) – hatte ich auch schon lange nicht mehr gehört und ein weiteres Beispiel recht drastisch daherkommender Sexualität. Kommt eine Frau, schätzungsweise Anfang 20, an unseren Tisch, setzt sich neben mich und fragt: „Can I take you home and fuck you?“ Sam rettete mich recht schlagfertig aus der Situation, brach ob meiner doch ziemlichen Fassungslosigkeit aber dennoch in schallendes Gelächter aus und erklärte: „Either she just wanted to get laid tonight, or she wanted to check out whether you would make a good fuck buddy.“ Für sie war das nichts groß Besonderes oder gar Auffälliges.

Zwei Dinge fielen mir hier auf. Erstens kann diese Form von an Obszönität grenzender Offenheit (Leute die das negativ konnotieren, würden es wohl Hemmungslosigkeit nennen), vor allem für unbedarfte europäische Männer, ein ziemlicher Schock sein, da ich hierzulande doch den Eindruck habe, das Flirten oder die Anbahnung potentieller One Night Stands innerhalb deutlich starrerer Gender-Rollen stattfindet. In den USA fiel mir desöfteren auf, das Frauen sehr viel offensiver und vor allem sehr viel direkter mit Männern und Sex umgehen, dies mag mit einer engeren Verbindung zwischen der Emanzipationsbewegung und gegenkulturellen Prozessen seit den 60er Jahren zusammenhängen, als dies in europäischen Ländern der Fall war, bin hier aber noch eher unschlüssig. Zweitens ist es tatsächlich so, dass es in gewissen Kreisen nicht unüblich ist einen so genannten „Fuck Buddy“ zu haben, ob man in einer festen Beziehung ist oder nicht, spielt hierbei nicht unbedingt zwingend eine Rolle (kann es natürlich auch), Sex wird hier öfter losgelöst von Bindungen betrachtet (diese skurrile Beziehungsform gibt es übrigens auch auf dem Trail desöfteren, den schönsten Spruch einer Wanderin zu ihrem Fuck Buddy fand ich dann: „Come on, let´s fuck the pain away“).

Nun gibt es natürlich auch die andere Seite der Medaille, das Amerika der jüngst verstorbenen, konservativen Ikone Phyllis Schlafly und ihrer Anhänger, für die die „traditionelle“ Kernfamilie nicht nur ein individuelles Lebensmodell ist, sondern eine hochideologisch aufgeladene Gesellschaftsvorstellung. Oder die in jüngerer Vergangenheit populär gewordene Virginity-Bewegung, die sich in manchen evangelikalen oder sonstwie sozialkonservativ geprägten Kreisen wachsender Beliebtheit erfreut. Deshalb ist auch die Sexualitätsfrage ein weiteres Beispiel für die große Zerrissenheit in diesem Land. Nichtsdestotrotz würde ich schon sagen, dass Sexualität, immer wieder populärkulturell gespeist und vorangetrieben, einen sehr viel offeneren und expliziteren Platz im Alltag hat und die Grenzen des Sag- und Machbaren deutlich weiter gefasst sind als hier. Um es also mit The Guess Who zu sagen:

„American Woman, stay away from me…“ 😉

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4 Gedanken zu “„You wanna fuck?“ – Über Sexualität

  1. ich finde das so spannend, weil mein erster gedanke zu „usa und sexualität“ immer in richtung prüderie geht – was wohl daran liegt, dass ich diesem thema vornehmlich in filmen/serien begegne und es dort so dargestellt wird (einzige ausnahme im mainstream wäre „orange is the new black“ wo ähnlich unverblümt über sex gesprochen wird wie du beschreibst) von der zeit in der ich selbst anfang der 20 er in den usa war, erinnere ich mich diesbezüglich nur noch dran, dass das flirtverhalten und alles was damit unter umständen verbunden war, so gänzlich anders war als ich es bis dato kannte. das kam mir vor wie eine völlig unbekannte sprache mit fremden codes und körpersignalen :))

    ich danke dir sehr für einen weiteren einblick in dieses ziemlich ambivalente (und da steh icv ja drauf!) land! fein geschrieben lieber marco!

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    1. Musste grade kurz schmunzeln beim Lesen „als ich Anfang der 20er in den USA war“ – irgendwie siehst Du deutlich jünger aus ;). Ansonsten gern geschehen :). Finde jetzt die Darstellung in Serien, die Du erwähnst, interessant, hätte das jetzt auch anders eingeschätzt (bin im Prinzip kein Seriengucker, schaue nur TWD und True Detective). Liegt das evt. daran, dass die betreffenden Serien dann genau in solch einem Milieu spielen? Weil ansonsten würde ich zumindest im Nicht-Mainstream Filmbereich schon auch sagen, dass das teilweise ziemlich explizit ist, gerade im Sprachbereich.

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  2. also ich hatte schon mainstream serien im kopf die in ihrer häufigkeit und verbreitung sicher das usa-bild in deutschland mitprägen – good wife oder keine ahnung gilmore girls, so alles was abends auf pro sieben und vox läuft (ich bin ja nur noch streamerin;)). das sind schon sehr „prüde“ serien im grunde. allerdings gehts da auch nicht explizit um sexuelles im gegensatz zu orange is the new black. mal sehen ob ich an deine erwähnten filme rankomme um so den unterschied zu sehen 😉

    (ich glaube deswegen springe ich auch so auf deine berichterstattung an, weil die kursierenden usa-bilder sehr stereotyp sind und es immer was anderes ist wenn einer vor ort war und dann berichtet. vorallem mit deinem historiker background. das ist ja ma echt fundiert.)

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  3. 😳 Danke für die Blumen! Wie gesagt, leider kenne ich mich jetzt mit Serien nicht so wirklich aus, da ist das alles andere als fundiert und nur ein Eindruck. Zunächst müsste man natürlich auch mal definieren was man unter Mainstream versteht, ich dachte jetzt z.B. an Dinge wie Sex and the City oder auch Desperate Housewives (kenne leider jetzt Orange is the New Black nicht), bei Filmen an Tarantinos Death Proof (den man in gewisser Hinsicht sogar als Hommage an Russ Meyer schauen kann), in denen es ja auch immer um eine ziemlich selbstbewußte feminine Auslegung von Sexualität geht. Unbestreitbar ist das imho in Musik (Blues, Rap) und Literatur, aber wie gesagt woran dieser in Teilen sehr offensive Umgang liegt, ist mir auch noch nicht ganz klar.
    Teilweise fängt es glaube ich auch schon wieder mit sowas ziemlich Banalem wie Sprache an: Worte wie „fuck“, „boobs“, „screwing around“ sind schlicht ein fundamentaler Teil der Alltagssprache und öffnen durch ihre Mehrdeutigkeit natürlich immer auch ein Fenster zu Körperlichkeit.

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