Was soll man sagen…

… die Nebel dieser Nacht, lichten sich auch bei mir nur langsam. Ein Telefonat mit einem guten Freund, der, ebenso wie ich, die USA im Prinzip sehr schätzt und mir dann erzählte, dass so gegen 4:30 die Website des kanadischen Innenmisteriums zusammengebrochen ist, der kann sich ungefähr vorstellen, dass mich die Sache durchaus auch persönlich trifft. Nun will ich mich hier ganz sicher nicht als Prophet aufschwingen, es war nur tatsächlich vor Ort so, dass mich bei den Gesprächen, die ich mit verschiedenen Leuten geführt habe, schlicht und ergreifend ein ungutes Gefühl beschlich, dass das Undenkbare als Schatten am Horizont aufscheinen ließ. Trotzdem ist das dann im Moment der Realisierung auch bei mir ein Schock und zwar deshalb, weil ich diesen Mann für die größte Gefahr seit einem Menschen aus Braunau am Inn halte und die heutige Nacht den vermutlich schwersten Schlag für die westlich-liberale Demokratie darstellt. Ich würde Euch im Prinzip auch gerne das Unvorstellbare irgendwie zu erklären versuchen, aber ich halte die bisherigen Analyseversuche (Globalisierungsverlierer, die Abstiegsangst des weißen Mannes, etc.) alle nur für Teilerklärungen, an denen natürlich immer auch etwas dran ist, aber die dennoch nur einen Ausschnitt abbilden (wie erklärt man z.B., dass ihn in Florida durchaus auch viele Latinos gewählt haben, auch der Stimmenanteil von Frauen wurde massiv unterschätzt) und glaube, dass es noch lange dauern wird, bis man tragfähige Erklärungen findet. Einige Gründe halte ich für relativ banal, vielen Amerikanern ging es nicht unbedingt um Trump, sondern um Auf-keinen-Fall-Clinton. Dann ist es meiner Ansicht nach auch so, dass es eine radikale Abwahl des interventionistischen Zentralstaats in Washington gewesen ist, einige dessen grundsätzlicher Maßnahmen (affirmative action, Abtreibungsrecht, Obamacare) man in konservativen Kreisen schon lange abgelehnt hatte  und Trump hier nur das nötige Ventil bereitgestellt hat, das vermeintlich Nicht-Sagbare ins Machbare zu transformieren. Das Gefühl nicht ernstgenommen zu werden, ein Außenseiter im eigenen Land zu sein und von einer abgehobenen, intellektuellen Elite in Lebensbereichen bevormundet zu werden, die den Staat schlicht überhaupt nichts angehen, ist in der neokonservativen Bewegung seit jeher tief verankert, neu ist nur die extreme Personalisierung dieses diffusen Ablehnungsinstinkts. Und dass ist auch das größe Problem und die eigentliche Katastrophe.

Und damit will ich vorerst auch die rationalen Erklärversuche stecken lassen, es ist zum Kotzen und die Konsequenzen können verheerend sein. Man kann es nur im Suff ertragen. Prost.

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Ein Gedanke zu “Was soll man sagen…

  1. Mir geht es ähnlich wie Dir. Der „Westen“ als kulturell-politisches Konstrukt scheint damit endgültig gescheitert zu sein, die „culture wars“ sind in ihre Endphase getreten. Könnte der Mann nicht derartig viel Schaden anrichten, weltweit, dann könnte man (gegenüber dem Mann aus Braunau) fast meinen, dass sich die Tragödie der Geschichte als abgeschmackte Komödie wiederholt. Doch das würde bedeuten, die Tragweite dieser Wahl zu unterschätzen. Alles, was in den letzten 50-60 Jahren innenpolitisch und außenpolitisch an humanitären Werten und politischer Stabilität erreicht wurde, steht zur Disposition. Und der Historiker sieht wieder nur den „Trümmerhaufen“, der „zum Himmel wächst“. Es tut in der Seele weh.

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