Der Tag danach…

Es wird in Bälde auch mal wieder Beiträge für die Freunde des PCT und die historisch interessierten Leser geben, momentan brennt mir dann aber doch diese welthistorische Zäsur auf den Nägeln, auch zahlreiche amerikanische PCT-Freunde sind vollkommen konsterniert. Ich glaube, dass der gestrige Tag irgendwann einer der Momente sein wird, von denen man dann irgendwann immer noch genau weiß, wo man da gerade gewesen ist, was man gemacht hat. Für ältere Generationen war so etwas die Ermordung John F. Kennedys, der Fall der Mauer (welch Ironie der Geschichte im Übrigen) oder für jüngere Menschen 9/11. Erstens würde ich hier mal gerne ein kurzes, kontrafaktisches best-case/worst-case Szenario durchspielen und zweitens doch noch einmal einige historisch grundierte Begründungen suchen (Eure Meinungen dazu sind übrigens herzlich willkommen).

Best case:

  • Es wird im Senat einige moderate republikanische Senatoren geben, die Trump von Anfang an kritisch gegenüberstanden (Ben Sasse aus Nebraska wäre so ein Beispiel), die die radikaleren Vorstellungen, wie Neuverhandlung des NATO-Vertrags, den Mauerbau, zu hohe Staatsausgaben im Verbund mit starken Steuersenkungen zu verhindern wissen.
  • Da Melania Trump und auch die Tochter Ivanka in gesellschaftspolitischen Fragen als sehr liberal gelten, schaffen sie es, einen mäßigenden Einfluß bei Dingen wie Homoehe und dem Minderheitenschutz auf ihn auszuüben.
  • Für Trump war das ganze Wahlkampfgetöse, die Lügen und Hassbotschaften nur der notwendige, skrupellos genutzte Teil, zur Erreichung des Ziels. Viele seiner Ankündigungen will er gar nicht mehr umsetzen, er versucht stattdessen ein durchaus moderater Staatsmann zu sein, der Brücken baut.
  • Vor allem in außenpolitischen Fragen stellt Trump schnell fest, dass viele Dinge sehr viel komplexer sind als er das zunächst dachte und auch die erfahrenen Berater, die er um sich versammelt, konfrontieren ihn ständig mit der Komplexität der internationalen Beziehungen und den Folgen bestimmter außenpolitischer Entscheidungen für die USA. Da es Trump von Anfang an ohnehin nur darum ging, zu beweisen, dass er der mächtigste Mann der Welt werden kann und auf die arbeitsreichen Niederungen der politischen Arbeit kaum Lust verspürt, wirft er nach einem halben Jahr entnervt hin und sein Vize Pence übernimmt.

Worst-case:

  • Von Tag 1 nutzt Trump radikal seine Möglichkeiten mit Hilfe der Kongressmehrheit aus, stoppt Obamacare, setzt massive Steuersenkungen durch und legt ein gigantisches Infrastrukturprojekt – zu dem auch die Mauer zu Mexiko gehört – auf Kiel. Zudem beginnt er mit der Ausarbeitung von Plänen zur Abschiebung der 11 Millionen illegalen Immigranten, auch den Klimaschutz legt er ad acta und steigt aus den internationalen Verpflichtungen hierzu aus, was mittelfristig zu einer ökologischen Katastrophe führt. Die Republikanische Pertei ist bemüht ihn nicht zu verprellen, da man fürchtet ansonsten seine Wähler endgültig zu verlieren und für das Scheitern seiner Politik verantwortlich gemacht zu werden.
  • Trump ernennt zwei erzkonservative Richter für den Supreme Court, die die Rechtsprechung vor allem in gesellschftspolitischen Fragen auf Jahrzehnte prägen.
  • In einem nächsten Schritt erhöht Trump die Einfuhrzölle für chinesische, mexikanische und europäische Waren. Damit hält er erstens sein Versprechen, das Mexiko für die Mauer bezahlen wird und in einer ersten Phase sorgt der wirtschaftspolitische Protektionismus tatsächlich für einen Jobboom in den USA. Vor allem in Deutschland sorgt dies indes dafür, dass die Arbeitslosenzahlen stark steigen, weil man von den Exporten abhängt. Dies sorgt wiederum für ein weiteres Erstarken der AfD, die in der Trump´schen Politik eine Bestätigung sieht und es dadurch schafft bei der Bundestagswahl zweitstärkste Kraft zu werden. Auch in den Niederlanden und Frankreich hat die Wahl Trumps eine derart hohe symbolische Strahlkraft, dass Marine Le Pen und Geert Wilders die dortigen Wahlen gewinnen – mit dramatischen Folgen für die EU.
  • Trumps Absage an die NATO-Beistandsverpflichtung führt zu einer weiteren Aggression Putins in Osteuropa, unter dem Vorwand des Minderheitenschutzes marschieren russische Truppen im Baltikum ein, die Nachkriegsordnung ist endgültig zerstört. Der Handelskrieg mit China, weitet sich auch auf geopolitische Konflikte aus, es kommt immer wieder zu Zusammenstößen im südchinesischen Meer, die an den Rand eines Krieges führen. Der Friedensprozess im Nahen Osten ist endgültig erledigt, da Trump Netanjahu freie Hand beim Siedlungsbau lässt, in Syrien wird Assad gestärkt.

Genug der Spielerei, ich gebe zu, dass ich zumindest in einigen Punkten, eher der worst-case-Variante zuneige. Wie konnte es soweit kommen?  Dazu gibt es demnächst einen etwas ent-emotionalisierten Versuch meinerseits, brauche aber noch etwas Zeit dafür.

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6 Gedanken zu “Der Tag danach…

  1. mir wird schlecht wenn ich das worst-case szenario lese….:(
    ich lese gerade „höllensturz“ von kershaw und bin wirklich ensetzt über die parallelen damals wie heute. gibt es sowas wie eine historische dynamik, dass sich mmh…abläufe oder ereignisse wiederholen? sowas wie einen „historischen rhythmus? ein gesetz der serie? und wenn ja wo wäre der ausstieg möglich?
    ich fühle mich den entwicklungen so ausgesetzt. was nutzt mein ganzes persönliches streben gut zu sein, die dinge richtig zu machen, das auch in meinem unfeld und meiner arbeit zu leben, wenn das nie einfluss nehmen kann auf die grossen entscheidungen. wo wäre meine einflussnahme? muss ich das jetzt alles aushalten und erleben?
    ich bib alles andere als ein sinnleerer mensch. aber seit gestern bin ich in einer gefährlichen „leckt mich alle am arsch“ stimmung.

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  2. Und gefällt das Kershaw-Buch? Hab ich noch nicht gelesen, steht aber auf meiner Liste…
    Ich glaube ansonsten nicht an historische Gesetzmäßigkeiten oder Wiederholungen. Ich würde es eher als Strukturverwandtschaften bezeichnen. Es gibt sicher einige Parallelen zwischen der europäischen Zwischenkriegszeit und den heutigen rechtspopulistischen Bewegungen. Vorneweg eben die Verlust- und Abstiegsangst, die Ablehnung von Internationalismus und die Wut auf die „Eliten“. Ansonsten gibt es meiner Ansicht nach aber auch Unterschiede, z.B. waren die faschistischen Bewegungen tendenziell junge Veranstaltungen, während ältere Menschen deren Dynamik und Veränderungswut oft zumindest mit einiger Skepsis gegenüberstanden, das ist heute nicht der Fall. Dann gibt es im Fall Trump schon auch genuin amerikanische Ursachen, die Wut auf Washington, die Ablehnung des dirigistischen Zentralstaats sind z.B. Sachen, die man so beim FN in Frankreich nicht findet. Auch die ganz banale, aber fundamentale Ablehnung der Person Clinton ist ein Grund, der recht einzigartig daherkommt.
    Ansonsten geht es mir recht ähnlich, es macht sich eine gewisse Hilf- und Ratlosigkeit breit, einerseits muss man spätestens jetzt versuchen, den Menschen, die diesen Protest unterstützen in irgendeiner Form Angebote zu machen (das gilt vor allem im wirtschaftspolitischen Bereich), zuzuhören, irgendwie versuchen sie mitzunehmen, andererseits werden da eben oft Positionen vertreten, die nicht diskutabel sind. Was tun? Ich weiß es ehrlich gesagt auch nicht…was ich weiß, ist das unsere gesamte Werteordnung seit dem Ende von WK II wohl noch nie so gefährdet war wie heute und das macht Angst ja.

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  3. mir macht ja fast mehr angst, dass menschen mit fundiertem fachlichen wissen diese situation selbst mit angst betrachten.

    danke jedenfalls für die ausführliche antwort….ich merke wie sehr ich erklärungen brauche um die situation zu verstehen. und deine erklärungen sind kurz und knackig, das hilft enorm 🙂 gibt ja derart viel zu lesen im moment.

    was ich nicht wirklich verstehe ist diese wie du es nennst fundamentale ablehnung von hillary clinton…. ich kenne die vordergründigen fakten aber ich verstehe das nicht wie man jemanden so ja fast schon hassen kann?

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  4. Sie steht eben wie kaum eine zweite Person für den „verkommenen und korrupten“ Politikbetrieb in Washington, out of touch mit den Problemen der Gesellschaft. Dazu dann eben noch die – zumindest teilweise auch nicht komplett unbegründeten – Vorwürfe bzgl. ihrer Stiftung und den E-Mails. Damit verdichtet sie in ihrer Person alles was man so radikal ablehnt.

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  5. Pence ist eben deutlich berechenbarer, ein klassischer Vertreter des evangelikalen Konservatismus, schon immer gewesen. Bei dem weiß man was man zu erwarten hat, die Positionen sind glasklar, auch wenn man die zu 99% nicht teilt. Das ist ja auch das jetzt so schwer einzuschätzende und auch zu verstehende: Pence und Trump sind sich in vielen Punkten uneinig, Pence ist außenpolitisch ein Interventionist (wäre aber Clinton auch gewesen), Trump nicht. Pence ist gesellschaftspolitisch extrem konservativ, bei Trump weiß man das schlicht nicht so genau, wenn man sich da jetzt das Interview angehört hat, dann will er z.B. die Rechtsprechung zur Homoehe nicht antasten (und das würde tatsächlich auch zu früheren Positionen von ihm passen), das ist für Leute wie Pence oder Ted Cruz eigentlich unvorstellbar, genau wie Teile seiner wirtschaftspolitischen Äußerungen. Eines muss man für viele Europäer eben schon immer noch klar machen: die USA sind in mnachen Geselleschaftsteilen ganz grundsätzlich in vielerlei Hinsicht schon seit jeher ein sehr viel konservativeres Land gewesen als Kontinentaleuropa nach WK II und viele Positionen innerhalb der republikanischen Partei waren auch nicht erst seit Trump für die meisten Europäer schwer nachvollziehbar. Momentan spricht manches für den dritten Punkt des best-case-Szenarios, aber das Problem bei Trump ist ja gerade die völlige Unberechenbarkeit, wenn er nämlich die jetzigen Äußerungen ernstmeint, dann hätte er einen Großteil seiner Wähler schnell verprellt.

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