Warum?

Ein bescheidener Versuch das scheinbar unerklärliche erklärbarer zu machen, mehr kann das hier nicht sein und dieser Versuch wird notwendigerweise auch sehr lückenhaft und unvollständig sein. Es ist zudem ein Analyseexperiment, das sich dem Ganzen zunächst aus einer klassischen Historikerperspektive nähert und trotzdem versucht, Ursachen aus unterschiedlichen Perspektiven und auf verschiedenen Ebenen zu finden.

  1. Perzipiertes Außenseitertum
  • „I am already a revolutionary against the present liberal order…Liberals claim to want to give a hearing to other views, but then are shocked and offended to discover that there are other views (William F. Buckley, 1958).“ Buckley gehört ohne jeden Zweifel zu den wichtigsten Exponenten einer konservativen Bewegung, die im Laufe der 1950er Jahre und mit zunehmender Intensität während der vermeintlich „linken“ 1960er Jahre Gestalt annahm und sich zunächst hauptsächlich als eine rechtsintellektuelle Sammlungsbewegung in Organisationen wie den Young Americans for Freedom und der Bewegung, die Barry Goldwater 1964 zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten nominierte, institutionalisierte. Sie vereinte zeitweise traditionalistischen Konservatismus im Stile Buckleys und später Phyllis Schlaflys, radikal-libertäre Marktanarchisten wie Ayn Rand, teilweise auch rassistische Segregationisten aus dem Süden um George Wallace und ab den 1970er Jahren zudem den immer wichtiger werdenden Neo-Fundamentalismus der evangelikalen Rechten um Leute wie Jerry Falwell und seine Moral Majority. Auch wenn ideologisch außerordentlich heterogen, so gab es hauptsächlich zwei Dinge, die diesen grass-roots Conservatism zusammenhielten: einen radikalen Anti-Kommunismus und die Ablehnung des sich seit dem New Deal herausgebildeten, keynesianischen Steuerungsstaats, den man als bevormundend und illegitim dirigistisch wahrnahm. Gemeinsam war diesen Leuten auch das machtvolle Gefühl, von einem liberalen Hegemoniediskurs in Medien und Universitäten umzingelt zu sein, der keine andere Wahrheit als die des liberalen Konsenses mehr zuließ. Dies wurde durch die großangelegten Sozialstaatsprogramme unter Lyndon B. Johnson, wie die Great Society oder den War on Poverty (und man kann diese Ablehnung bis zu Projekten wie Obamacare weiterverfolgen) und von einem liberal dominierten Supreme Court aus dieser Warte bestätigt, der mit Entscheidungen zur Abtreibung (Roe vs. Wade, 1973) oder zur Todesstrafe (Furman vs. Georgia, 1972) diese liberale Weltsicht scheinbar zementierte. Nun war es der Anti-Kommunismus, der es mit Mühe und Not schaffte als Brückenideologie zwischen Liberalen und Neo-Konservativen zu dienen, dieser fiel mit dem Ende des Kalten Krieges weg. Damit war der Weg dann frei, die im Prinzip schon lange unüberbrückbaren Differenzen eruptierten in den Culture Wars und der „konservativen Revolution“ der 1990er Jahre unter Newt Gingrich. Auch ein epochaler Einschnitt wie 9/11 vermochte die Gräben nicht mehr – oder wenn dann nur extrem kurzfristig – wieder zuzuschütten. In diesem Sinne kann man die Wahl von vorgestern auch als endgültigen Abschluß des amerikanischen Kalten Krieges interpretieren, in dem sich ein, seit Jahrzehnten als marginalisiert wahrgenommener Gesellschaftsteil, mit Wucht Gehör verschafft hat – und die Persona Trump mit ihrem zelebrierten Außenseitertum genau diese Klaviatur zu spielen verstand. Wer sich für diesen Themenkomplex näher interessiert, dem sei wärmstens Grace Elisabeth Hale, A Nation of Outsiders: How the White Middle Class Fell in Love with Rebellion in Postwar America, ans Herz gelegt.

2. Die Wiederkehr des Marktes

  • Der oben angesprochene, keynesianische Konsens wurde mit den Wirtschaftskrisen der 1970er Jahre, dem „Ende der Zuversicht“, zunächst unter Ronald Reagan durch eine monetaristische, mit Namen wie Friedrich August von Hayek oder Milton Friedman verbundene (man könnte es auch neoliberale nennen), Wirtschaftsdoktrin ersetzt. Dieser Neoliberalismus wurde dann in Teilen auch von den – und hier nimmt das Ganze dann auch eine internationale Dimension an – so genannten New Labour Regierungen um Bill Clinton, Tony Blair und auch Gerhard Schröder fortgeführt, was die Krise der sich ohnehin seit den 1970er Jahren im Niedergang befindlichen, klassischen Industrien der Hochmoderne (Stahl, Kohle, etc.) noch beschleunigte. Auch das führte zu dem Gefühl vieler Menschen, einem vermeintlich naturgesetzlichen Wandel (subsumiert unter dem, nicht zufällig genau in diesem Zeitraum aufkommenden Modewort, Globalisierung) schutz- und hilflos ausgesetzt zu sein und vor allem von den  eigentlich ihre Interessen vertretenden, sozialdemokratischen Regierungen, im Stich gelassen zu werden. Diese Wähler wendeten sich in den USA zunehmend von der Demokratischen Partei ab und konnten bislang nicht wieder zurückgewonnen werden. Hier versammelte sich dann die, vor allem, weiße Arbeiterschicht und Mittelklasse des „Rust Belt“, mit ihren Abstiegs- und Verlustängsten, einer fundamentalen Verunsicherung in vielen Lebensbereichen, die zur Basis von Trumps Wählerschaft wurde ( zu diesem Thema empfiehlt sich Daniel T. Rodgers, Age of Fracture).

3. Medien

  • Als Reaktion auf die vermeintlich liberal dominierte Medien- und Intellektuellenlandschaft – und vor allem im Printmedien- und TV-Bereich ist eine liberale Grundausrichtung in den USA auch nicht zu leugnen, das gilt ebenso für die elitären Bildungsinstitutionen der beiden Küsten – formierte sich zunehmend ein konservatives Medien – und Think Tank-Lager, das sich als Sprachrohr für die Unverstandenen und Zurückgelassenen begriff; Feminismus, Bürgerrechte, Multikulturalismus, Internationalismus (es sei darauf hingewiesen, dass viele Trump-Wähler auch starke Gegner des hierzulande so gern geschmähten Interventionismus und Nation Building mit militärischen Mitteln eines George W. Bush sind) und Sozialprogramme als Teil eines allumfassenden political correctness-Diskurses diffamierend. Das fängt mit der von Buckley 1955 gegründeten Zeitung National Review an, setzt sich mit radikal-konservativen Radiomoderatoren wie Rush Limbaugh ab 1988 fort und gipfelte dann in der Gründung von Fox News 1996. Extrem verstärkt wurde dann, die sich zunehmend abkapselnde, sich nur noch um ihren eigenen Diskurs drehende, konservativ-populistische Meinungsmaschine von den neuen Medien im Internet (Breitbart News, aber auch social media wie FB oder Twitter). Nun muss man hier mit dem Vorwurf sehr vorsichtig sein, konservative und rechtspopulistische Medien reproduzierten nur noch ihr eigenes, „postfaktisches“ (Un-)Wahrheitsuniversum. Denn dieser Vorwurf- das ist für mich eine Lehre aus dieser Wahl – gilt im Prinzip genauso für viele liberale Medien und Intellektuelle, die es nicht vermocht haben zu erkennen, wie groß und tiefsitzend Wut und Unverstandensein auf „der anderen Seite“ sind. Wie es gestern der Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt in der SZ formulierte: „In seinem Elend lamentiert Shakespeare´s König Lear, als er begreift, dass er jeden Bezug zu seinem Volk verloren hat ´O daran dachte ich zu wenig sonst`, der Vorwurf…richtet sich gegen mich selbst“, auch Jürgen Kaube ist in der FAZ dazu ein sehr gelungener Kommentar geglückt.

4. Tagespolitik

  • Hier ist zunächst die in sich zerstrittene Republikanische Partei zu nennen, die mit ihren Flügelkämpfen und der unverantwortlichen Blockadepolitik im Kongress unter Mitch McConnell genau das Bild des unfähigen, nurmehr Eigeninteressen verpflichteten, Washingtoner Establishments selbst hervorbrachte (erster sichtbarer Protestausdruck war hier das Aufkommen der Tea Party ab 2009), das Trump nun so stark zu nutzen wußte. Über die, vor allem hierzulande häufig unterschätzte, massive und oft überparteilich geteilte, Abneigung gegenüber der Kandidatin Hillary Clinton wurde bereits alles gesagt, aber es ist ein weiterer, nicht zu vernachlässigender Grund (inwieweit hier auch die generelle Ablehnung ihres Frauseins eine Rolle spielt, ist schwer zu sagen, ich würde es aber nicht allzuhoch hängen, da spricht doch die große Anzahl weißer Trumpwählerinnen dagegen). Die meisten Beobachter sind sich einig, dass ein anderer Demokrat sehr sehr sicher diese Wahl gewonnen hätte. Hier kommen dann noch strategische Fehler innerhalb der Clinton-Kampagne hinzu, wie der Versuch sich, statt auf zwar umkämpfte, aber tendenziell den Demokraten zuneigende Staaten wie Wisconsin zu konzentrieren, den Versuch zu wagen, ihm klassische republikanische Hochburgen wie Arizona zu entreißen (Clinton war z.B. in ersterem zu keinem einzigen Wahlkampfauftritt, während Obama 2012 dort 4 Mal auftrat) – eine Selbstüberschätzung mit fatalen Folgen.

Ich habe gestern dann eine sehr lange, durchaus differenzierte Mail, von einer bekennenden Trumpwählerin (die einzige Frau in der Hinsicht, die ich auf dem PCT getroffen habe, man muss hier dann schon auch nochmal kurz festhalten, dass ihn eine Mehrheit in den USA nicht gewählt hat) erhalten, der ich gerne das Schlußwort entnehmen würde (denn es muss die Hoffnung bleiben und die Lehre, Leute ernster zu nehmen, so gut das eben geht): „I truly hope that although we have different understandings in many venue’s that we can always agree to disagree without losing faith in one another as a human being.“

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