Populismus – eine amerikanische Tradition

Man kann diesen Beitrag auch als Fortsetzung der großen Warum-Frage lesen, es wird sich im Folgenden darum drehen, deutlich zu machen, dass populistische Bewegungen in den USA nichts Neues sind. Nun soll hier weder einer historischen Zwangsläufigkeit das Wort geredet werden – derlei teleologische Interpretationen sind oft genug nur unzulässige Vereinfachungen und nachträglich vorgenommene Versuche vergangenem Geschehen eine retrospektive Rationalisierung zuzuschreiben, die es nicht immer zwingend gegeben hat – noch soll das hier ein Xanax in Blogform sein. Jede der unten vorgestellten populistischen Strömungen hatte ihren je eigenen historischen Kontext und ich halte Herrn Trump auch nach wie vor für außerordentlich gefährlich weil unberechenbar. Es soll aber darum gehen aufzuzeigen, dass das Phänomen Trump nicht vom Himmel gefallen ist und die hier aufgeführten Beispiele (die ich der Anschaulichkeit halber auch einmal recht zitatlastig vorstellen will) einige Topoi miteinander gemeinsam haben, die man auch heute wiederfindet. Dazu gehört erstens eine ausgeprägte Eliten- und Establishmentablehnung – häufig auch verbunden mit Kritik am Zweiparteiensystem – sowie ein konstruierter Antagonismus zwischen Stadt und Land (deswegen bezeichnen manche Historiker spezifische populistische Bewegungen auch als Rural Radicals).

  1. Old Hickory – Andrew Jackson als Präsident des common man

Bis zur Präsidentschaft Andrew Jacksons von 1829-1837 wurden die USA entweder von Repräsentanten der südstaatlichen Pflanzerelite wie Thomas Jefferson oder James Monroe (Virginia Aristocracy) regiert, oder aber ein Vertreter des Bostoner Großbürgertums stellte das Regierungsoberhaupt (Adams Dynasty). Gegen diese vermeintlich elitäre, nur eine gehobene Schicht repräsentierende, Politikerkaste trat 1828 Andrew Jackson an, ein Mann mit gefürchtetem Temperament, der ungezählte Duelle zur Verteidigung seiner Ehre, oder die seiner Frau, ausfocht (und dabei mindestens einen Gegner tötete und selbst zahlreiche Schußwunden davontrug). Er tat dies mit einem Programm, das sich dezidiert an das „gemeine Volk“ richtete, die Probleme der Farmer an der Frontier ansprach und eine radikale Ablehnung der Zentralbank beinhaltete. Er selbst drückte das so aus: „It is to be regretted that the rich and powerful too often bend the acts of government to their own selfish purposes…The planter, the farmer, the mechanic, and the laborer… form the great body of the people of the United States, they are the bone and sinew of the country men who love liberty and desire nothing but equal rights and equal laws.“ Die meisten Historiker sehen in der Phase des Jacksonian America überhaupt erst den Durchbruch der modernen Massendemokratie (und dafür spricht auch vieles), allerdings wurden die Erfolge in dieser Hinsicht von einer beispiellos rücksichtslosen Vertreibungspolitik (Trail of Tears) bestimmter Native Americans und einem erbittert geführten Streit um die Rolle der Zentralbank begleitet, der schwere Zerwürfnisse zur Folge hatte. Festhalten kann man aber, dass Jackson der erste Populist im Weißen Haus gewesen ist.

2. The Peoples´s Party – der Populismus der 1890er

Eine der wirkmächtigsten Drittparteien in der Geschichte der USA war die so genannte People´s Party der 1890er Jahre, die sich für die Präsidentschaftswahl von 1896 mit der Demokratischen Partei zusammentat und einen Erfolg nur relativ knapp verpasste. Diese Partei hatte es sich auf die Fahnen geschrieben, eine Politik für die vergessenen Farmer und Rancher des ländlichen Amerika zu betreiben und wetterte gegen das Großkapital und die Morallosigkeit in den rasant wachsenden Städten. Im Grundsatzprogramm der People´s Party von 1892 steht geschrieben: „We have witnessed for more than a quarter of a century the struggles of the two great political parties for power and plunder, while grievous wrongs have been inflicted upon the suffering people.“ Die Populisten stellten zwar nie den Präsidenten, aber mit William Jennings Bryan in der Folge einen Politiker, der das Programm der Demokratischen Partei für eine lange Phase massgeblich mitprägte.

3. Every Man a King – Huey Long

„I’d rather violate every one of the damn conventions and see my bills passed, than sit back in my office, all nice and proper, and watch ‚em die.“ Huey Long – Gouverneur und Senator von Louisiana von 1928-1935, wo er an den Folgen eines Attentats starb – gehört zu den schillernderen Figuren der jüngeren amerikanischen Geschichte. Long war ein Linkspopulist, der eine Umverteilung des Reichtums forderte und sich damit gegen den seiner Ansicht nach viel zu moderaten New Deal F.D. Roosevelts wandte. Er war für seine radikalen Methoden bekannt, wenn es um die Durchsetzung von Gesetzen ging („I used to get things done by saying please. Now I dynamite ‚em out of my path.“) und ein erbitterter Streiter für die seiner Ansicht nach zurückgelassenen Armen des Landes („All I care is what the boys at the forks of the creek think of me.“). Er wollte 1936 gegen Roosevelt um die Kandidatur der Demokratischen Partei antreten, dies wurde dann durch erwähntes Attentat verhindert, es ist umstritten – und letztlich auch müßig – welche Chancen er gegen den populären Roosevelt gehabt hätte.

4. The Politics of Rage – George Wallace

Der Segregationist George Wallace, langjähriger Gouverneur von Alabama, besitzt möglicherweise die größte Ähnlichkeit mit Trump – das fiel auch der  NY Times auf. Ein unberechenbares Temperament (Wallace versuchte höchstpersönlich afro-amerikanische Studenten daran zu hindern, durch die Eingangstür einer jüngst desegrierten Universität zu gehen) und die rücksichtslose Nutzung rassistischer und anti-elitärer Ressentiments waren die Basis von Wallace Erfolg, zudem galt er als mitreißender Redner (berühmt seine infame Segregations-Rede). Die Politik in Washington werde von einem „Eastern establishment“ kontrolliert und bestehe aus „Pointy-head intellectuals and bearded professors who can’t even park a bicycle straight“, immer wieder donnerte er gegen „welfare mothers who breed children like a cash crop, hippies and demonstrators, that despicable scum.“ 1968 trat Wallace als unabhängiger Kandidat für die Präsidentschaft an (genau wie 1964, 1972 und 1976) und schaffte es in diesem Jahr 5 Staaten des tiefen Südens und insgesamt 13,5% der Stimmen zu gewinnen – eine der erfolgreichsten Kampagnen einer Drittpartei in der Geschichte der USA.

5. Theres a Crowd: Ross Perot

Auch mit dem Milliardär Ross Perot verbindet Trump so einiges. Perot trat 1992 als Unabhängiger an und erreichte über 18% der Gesamtstimmen (im Unterschied zu Wallace aber keine Wahlmänner). Damit war er nach Theodore Roosevelt 1912 der erfolgreichste Drittparteienkandidat in der Popular Vote. Er trat mit einem Programm an, dass den Kongress als untätig denunzierte, wetterte gegen illegale Einwanderung („We must make sure illegal immigrants stop storming our borders. We must establish the correct criteria, such as our need for certain job skills or education, for granting the right to immigrate into the United States.“) und inszenierte sich als erfolgreicher Unternehmer, der sehr viel besser die Probleme des Landes in den Griff bekäme als die Berufspolitiker in Washington („In business, people are held accountable. In Washington, nobody is held accountable. In business, people are judged on results. In Washington, people are measured by their ability to get reelected.“). Sounds familiar?

Man kann also sehen, dass Populismus eine lange Tradition in den USA hat, aber selten war er so erfolgreich. Deshalb muss man hoffen, dass Trump jetzt ernst meint, das er eigentlich vieles nicht ernstgemeint hat, möglich ist das, aber ich habe meine Zweifel.

 

 

 

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