The Great American Novel – Lesetipps zum (Wieder-)Entdecken (und nicht nur) für den PCT

Wie schon einmal gesagt, ist die Frage nach Unterhaltung auf dem PCT eine Abwägfrage zwischen Komfort und Gewichtseinsparung. Ich hatte bereits erwähnt, dass ich persönlich trotz einiger Bücher auf dem Smartphone, genau keine einzige Seite gelesen habe, ich denke das man abends schlicht zu müde ist und in den Städten in der Regel besseres zu tun hat (manche Wanderer schwören auch auf Hörbücher). Wer doch Angst hat, einen absoluten Langeweilekoller zu bekommen, dem würde ich hier eine kleine Auswahl so genannter Great American Novels – also quasi des amerikanischen Äquivalents zu den Buddenbrooks – empfehlen, die ich selbst großartig finde und die einen dieses Land, wenn man auf dem PCT unterwegs ist, noch besser verstehen lernen (die Auswahl ist dementsprechend auch recht speziell; die folgenden Romane spielen fast alle mit den Topoi Bewegung, Dynamik, Frontier, dem Westen – Großstadtklassiker wie Fitzgeralds The Great Gatsby, dos Passos´ Manhattan Transfer oder Roths The Bonfire of the Vanities, Faulkners Südstaatenepen und Steinbecks Sozialkritik, fehlen deshalb, was nicht heißen soll, dass man diese Dinge nicht alle auch mal wieder lesen könnte). Die meisten davon dürften bekannt sein, aber möglicherweise kann das hier als Anregung dienen, diese Bücher nochmals wiederzuentdecken – das gilt selbstverständlich nicht nur für potentielle Langstreckenwanderer, sondern auch für lange Abende im Dezembergrau. Ich persönlich bin ja ein Freund davon sowas im Original zu lesen, ich habe mich aber bemüht Werke auszuwählen, von denen es eine gute, möglichst neue Übersetzung gibt.

  1. Herman Melville – Moby-Dick, 1851 (dt. Moby-Dick, neu übersetzt von Matthias Jendis, 2001)

Viel zu sagen gibt es zu diesem Buch wohl nicht mehr. Kapitän Ahabs hasserfüllte Jagd auf den Weißen Wal, der als Symbol für so vieles herhalten kann, der tiefgründige Ich-Erzähler Ishmael und dessen Freundschaft mit Queequeg, ist eines der bedeutendsten Stücke der Weltliteratur und nach J.F. Coopers Last of the Mohicans eine DER Great American Novels des 19. Jahrhunderts.

2. Mark Twain, The Adventures of Tom Sawyer, 1876 & The Adventures of Huckleberry Finn, 1884 (dt. Tom Sawyer & Huckleberry Finn, neu übersetzt von Andreas Nohl, 2010).

Viel mehr als ein Jugendbuch: ein Sozialporträt der ländlichen USA im 19. Jahrhundert, alltäglicher Rassismus im amerikanischen Süden, der Mississippi als Mutter aller Ströme, bissig, sarkastisch, großartig.

3. Jack London – Call of the Wild, 1903 (dt. Der Ruf der Wildnis, 2013)

Die Härten der letzten Frontier in Alaska, aus der Perspektive des Schlittenhundes Buck und passend zum gerade begangenen 100. Todestag von Jack London. Definitiv ein Roman, den man mal wieder zur Hand nehmen kann, wenn man die amerikanische Obsession mit Wildnis nachvollziehen will.

4. Jack Kerouac, On the Road : The Original Scroll, 1957/2007 (dt. On the Road: Die Urfassung, 2010).

Eines der bis heute am häufigsten gestohlenen Bücher in Amerikas Buchläden, need I say more? Wer bislang nur die Originalversion kennt, unbedingt die Urfassung lesen. Nicht nur taucht darin der „reale“ Neal Cassady und nicht das Pseudonym Dean Moriarty auf, auch die Sprache ist roher, expliziter- dieses Buch groovt auch heute noch.

5. Cormac McCarthy – Blood Meridian or the Evening Redness in the West, 1985 (dt. Die Abendröte im Westen, 1996).

Der amerikanische Westen als ein Delirium aus Gewalt, quasi ein Apocalypse Now der Frontier, unerreicht sprachgewaltig, Sätze die sich ins Hirn meißeln: „War was always here. Before man was, war waited for him.“ Ein Must-Read.

6. Larry McMurtry, Lonesome Dove, 1985 (dt. Weg in die Wildnis, 1990).

Ein Epos der Frontier, eine Liebesgeschichte und der nostalgische Blick zurück auf eine Welt, die es nicht mehr gibt. Konventionell und trotzdem fesselnd, einer der wenigen Western mit literarischem Anspruch.

7. E.L. Doctorow, The March, 1995 (dt. der Marsch, 1997)

Der amerikanische Bürgerkrieg als alles umfassende Gewalt, Shermans Marsch an den Atlantik als unerbittlicher Rhythmus des Lebens, der alles durchdringt und mit sich reißt.

8. Don deLillo – Underworld, 1997 (dt. Unterwelt, 1998).

Ein Baseball der Brooklyn Dodgers und die Atombombe als shot heard around the world, Müll als Kunstprojekt in der Wüste Arizonas – kurz ein fantastisches Panorama des Kalten Krieges in den USA, von einem der ganz Großen der amerikanischen Literatur, der längst dieses Ding in Stockholm verdient hätte.

9. Thomas Pynchon, Mason & Dixon, 1997 (dt. Mason & Dixon, 1999).

Die Landvermesser der symbolträchtigsten Grenzlinie Amerikas, die Schattenseiten der Aufklärung, eingebettet in das überbordende Universum der Pynchon´schen Postmoderne – dennoch einer seiner zugänglichsten Romane (also zugänglicher als Gravity´s Rainbow oder Against the Day).

10. Denis Johnson, Tree of Smoke, 2007 (dt. Ein gerader Rauch, 2008).

Ein postmodernes Herz der Finsternis, der amerikanische Albtraum in Vietnam und wie er die Mythen der Vereinigten Staaten durchdringt und zerstört. Für mich das beste Werk des großartigen Denis Johnson (auch wenn Fiskadoro ebenfalls sehr zu empfehlen ist) und einer der besten Romane über Vietnam, DEN amerikanischen Schock des 20. Jahrhunderts.

11. Philip Meyer, The Son, 2013 (dt. Der erste Sohn, 2014)

Das unzerstörbare Vermächtnis der Westward Expansion als texanische Familiensaga, das Vermischen der (Gewalt-)Kulturen, eine Art literarisches „Legacy of Conquest“.

Ich hoffe damit einige von Euch dazu inspiriert zu haben, diese Bücher (neu- oder wieder) zu entdecken, das ein oder andere Lagerfeuer könnte damit noch stimmungsvoller werden. Viel Spaß beim Schmökern.

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6 Gedanken zu “The Great American Novel – Lesetipps zum (Wieder-)Entdecken (und nicht nur) für den PCT

    1. 😳 😳 Ist mir ehrlich gesagt beim Schreiben auch schon unangenehm aufgefallen. Mir wäre tatsächlich bei der eher speziellen Themenwahl leider keine Frau eingefallen. Fasst man das allgemeiner dann würde man sicher Margaret Mitchell, Gone with the Wind, Harper Lee, To Kill a Mockingbird oder Toni Morrison, Beloved nennen. Ich selbst finde Jennifer Egan, A Visit from the Goon Squad großartig, da würde man sich aber sicher streiten, ob das jetzt eine Great American Novel ist und thematisch wirklich reinpassen tuts leider auch nicht.

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