Tweakers – Über Drogen

Die junge Frau, die wir in der Nähe von Skykomish vor einem geschlossenen Deli treffen, wirkt seltsam entrückt, immer wieder brechen ziemlich zusammenhanglose Wortschwälle  mit halb-hysterischem Lachen aus ihr heraus. Wann besagtes Deli offen hat, können wir von ihr nicht erfahren. Die düsteren Nebelschwaden, die sich nach und nach entlang der Straße zum Stevens Pass einnisten, machen die Szenerie nicht freundlicher und ich flüstere Sam nur kurz zu: „She is on something, don´t you think?“ Sie wendet sich nur achselzuchend ab, um unser Trampglück zu versuchen und antwortet: „Of course she is, Crystal, like most people in towns like this.“ Leider war das nicht die einzige Begegnung mit zumindest verdächtig nach Crystal-Meth-Usern aussehenden Leuten, in einer der häufig in strukturschwachen Gegenden liegenden Ortschaften entlang des Washingtoner PCT. Würde man sich auf eine Reise durch Kleinstädte des Rust Belt, den auch landwirtschaftlich kaum noch hinterherkommenden Dörfern in Missouri und Kentucky (dies fängt sowohl der Film Winter´s Bone wie der gleichnamige Roman grandios ein), oder den schon „traditionellen“ Armenhäusern der USA wie Mississippi begeben, dann wären Begegnungen wie oben geschilderte sehr sicher an der Tagesordnung.

Nun haben Drogen und deren Konsum – ähnlich wie Sexualität – einen unverrückbaren Platz im Kanon amerikanischer Populärkultur. Vom extrem offen über Drogenkonsum singenden Blues eines Junior Kimbrough, der Heroin-Hymne von Velvet Underground („I don’t know just where I’m going. But I’m gonna try for the kingdom, if I can.
‚Cause it makes me feel like I’m a man, when I put a spike into my vein. And I tell you things aren’t quite the same“) über William S. Burroughs´ Naked Lunch, Hunter S. Thompsons´ Fear and Loathing in Las Vegas und Pulp Fiction – und so manche Schaffensperiode in Musik und Literatur wäre ohne den Konsum diverser Drogen auch nicht verstehbar.
Nichtsdestotrotz – oder auch deswegen, je nachdem wie man das interpretiert – kann man festhalten: die Vereinigten Staaten haben ein gewaltiges Drogenproblem, wovon Crystal Meth momentan schlicht nur der oftmals sichtbarste Ausdruck ist. Eben weil Meth ziemlich günstig hergestellt werden kann und damit für die Hauptabnehmer aus den weißen und afro-amerikanischen Unterschichten ganz gut erschwinglich ist. Daran hat auch der 1971 von Richard Nixon ausgerufene War on Drugs und die Schaffung der obersten Drogenverfolgungsbehörde DEA 1973 nichts geändert, ganz im Gegenteil. Die erbarmungslose Strafverfolgung von Drogendelikten im Verbund mit dem, seit den 1980er Jahren im Zuge der neoliberalen Wende einsetzenden, Privatisierungswahn, hat in den USA eine milliardenschwere Gefängnisindustrie entstehen lassen (der so genannte Prison Industrial Complex). Manche Beobachter lässt das mit kaum verhohlenem Zynismus von „Capitalist Punishment“ sprechen. Den Drogenkonsum in irgendeiner Weise eindämmen konnte das nicht. Zum einen hat dies nun auch tagespolitische Konsequenzen gezeitigt. Nicht wenige Menschen erhoffen sich von besagter Mauer zu Mexiko, das seit vielen Jahren einen grausamen Drogenkrieg führt – konservative Schätzungen sprechen von 164 000 Toten zwischen 2007 und 2014 – und in manchen Regionen längst als so genannter „failed state“ gilt (wer sich dafür interessiert dem sei sowohl die exzellente Dokumentation Cartel Land wie auch Don Winslow´s Roman The Power of the Dog empfohlen), endlich eine Unterbrechung der zentralen Versorgungswege und eine Eindämmung der epidemischen Gewalt in den Grenzregionen, die mit dem Drogenhandel einhergeht.

Das dies vermutlich nur zu einer geographischen Verschiebung des Problems führen würde, ficht diese Leute nicht an (und in manchen Gegenden Arizonas oder New Mexicos lässt sich das Aufkommen diverser Bürgerwehren u.ä. sogar nachvollziehen). Dringender politischer Handlungsbedarf herrscht auf unterschiedlichen Ebenen auf jeden Fall.

Ein weiterer Auswuchs der Drogenproblematik ist die, mit einem steuerpolitischen Goldrausch einhergehende, zunehmende Legalisierung von Marihuana, zuletzt in Kalifornien – es darf also im nächsten Jahr entlang der gesamten Strecke des PCT sorgenfrei gekifft werden. Nun bin ich normalerweise ein Befürworter der Legalisierung, das Problem ist nur, dass das im Handel erhältliche Gras, nicht mit dem früher in Kumpels Garten angepflanzten Zeug vergleichbar ist, diese Pflanzen sind stattdessen meist extrem hochgezüchtete THC-Bomben (konnte mich selbst mal davon überzeugen) und das kann einem dann mittelfristig schon auch gehörig den Helm verdrehen. Ich bin mir von dem her nicht so recht sicher, ob die oft geforderte Legalisierung in dem Bereich wirklich der Weisheit letzter Schluß ist, aber gut, das wird man vermutlich erst in einigen Jahren wirklich beurteilen können.

 

 

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