„Entfernte Verwandtschaft?“ – Amerikanische Blicke auf Europa

Zwar hat es der Schneesturm nochmal verschoben, aber er steht ja nun unmittelbar bevor, Muttis erster Besuch bei Donald. Zeit einmal einen allgemeineren Blick auf die amerikanische Wahrnehmung Europas zu werfen, wie sehen die USA die EU und Europa, was für Eindrücke habe ich vor Ort gewonnen?

Die Wahrnehmung Europas war in den USA immer schon in hohem Maße ambivalent. Einerseits sah man sich von Beginn an in der Tradition vor allem der griechischen und römischen Antike. Dies spiegelt sich am markantesten in der klassizistischen Architektur der wichtigen Repräsentationsgebäude in der Hauptstadt Washington wieder, auch viele der Plantagenanwesen im tiefen Süden, sind nach antiken Vorbildern modelliert. Auch intellektuell wurde häufig auf die Römische Republik Bezug genommen, John Jay, Alexander Hamilton und James Madison warben in den Federalist Papers unter dem Pseudonym Publius für die Ratifizierung der Verfassung, im zurückliegenden Wahlkampf firmierte einer der wichtigsten Unterstützer Donald Trumps unter dem Decknamen Publius Decius Mus, heute ist Michael Anton Mitarbeiter im Nationalen Sicherheitsrat. Lange Zeit gehörte es zudem zum großbürgerlichen Standard europäische Möbel zu besitzen und europäische Hochkultur wie Opern, Theaterstücke und Balletts zu konsumieren.

Andererseits brachte man mit Europa auch schon immer alles das in Verbindung, was man nicht sein wollte. Im 18. und 19. Jahrhundert waren das Ständestaat, Autokratie, Absolutismus und Rückständigkeit, im 20. Jahrhundert, die als un-amerikanisch wahrgenommenen Großideologien Faschismus und Kommunismus. Auch auf der politischen Ebene nahm man nach dem 2. Weltkrieg eine Organisation wie die EG/EU selten enthusiastisch auf (hier bildet Barack Obama eher eine Ausnahme), sondern mit einer Mischung aus wohlwollender Skepsis hin zu offener Ablehnung, da man den europäischen Zusammenschluß auch als ökonomische Konkurrenz wahrnahm, der zudem als langsam, statisch oder utopisch und damit als wenig dynamisch oder gar verträumter Idealismus galt – Donald Rumsfelds Einlassungen zum „Old Europe“ oder Victoria Nulands „Fuck the EU“ können als beredte Beispiele dieser ablehnenden Haltung dienen.

Unterhält man sich heute mit Amerikanern über Europa, dann fallen zwei Dinge auf. Erstens hat sich in gewisser Hinsicht diese Ambivalenz erhalten. Einerseits gehört ein ausgiebiger Europaaufenthalt mit klassischen Zielen wie Venedig, Florenz oder Paris zum guten Ton und hat sich eine Stadt wie Berlin zu einer preisgünstigen Hipsteralternative zu Brooklyn oder Portland gemausert. German Bratwurst, Pasta, Baguette und französische Hochküche gehören zu bestimmten positiv besetzten Klischeebildern von Europa, die auch heute noch überall verbreitet sind. Andererseits ist es selbst in liberalen Kreisen  – in konservativen oder trumpistischen Zirkeln gelten viele europäische Ordnungsmodelle ohnehin als das schlechthinniglich Böse – nicht unüblich, viele europäische Länder als „sozialistisch“ zu begreifen. Insbesondere die sozialdemokratisch geprägten Wirtschaftsordnungen der skandinavischen Länder, der französische Zentralismus, aber auch der ausgeprägte deutsche Sozialstaat sind hier dann Beispiele für Dinge, die man als un-amerikanisch ablehnt.

Die zweite Auffälligkeit fand ich die stark nationale Wahrnehmung von Europa. Die EU spielt hier so gut wie keine Rolle (und wenn überhaupt dann meistens mit eher skeptischem Unterton), man spricht fast immer über einzelne Länder und deren vermeintliche Besonderheiten: Deutschland – zuverlässig, pünktlich, awesome products, neben Großbritannien das einzige politisch ernstzunehmende Land, aber auch angsterfüllt und zögerlich; Frankreich – Wein, Weib und Gesang, Schweden – mehr oder weniger kommunistisch, Niederlande – soccer und sonst nicht so viel, Italien – amazing landscapes, cities and food, aber auch wie die ganzen anderen südeuropäischen Länder so eine Art failed state. Die europäische Einigung – oder vielmehr was davon übrig ist – spielt also in den USA keine große Rolle, auf der gesellschaftlichen Wahrnehmungsebene ist Europa hier eine Ansammlung von Nationalstaaten geblieben.

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2 Gedanken zu “„Entfernte Verwandtschaft?“ – Amerikanische Blicke auf Europa

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