„The S-Word“ – Vom Sozialismus in den USA II

Nachdem es letzte Woche um Manifestationen des Sozialismus auf einer eher unpolitischen, gesellschaftlichen und kulturellen Ebene ging, soll heute einmal kurz darauf geschaut werden, welchen konkreten politischen Einfluß Sozialismus in den USA hatte und hat.

Der Journalist John Nichols, dessen Buch über Sozialismus ich den Beitragstitel hier entlehnt habe, sieht sozialistisches Gedankengut in den USA als sehr viel einflußreicher an, als ihm das gemeinhin zugestanden wird. In ein ähnliches Horn bläst der Historiker Michael Kazin in seinem Standardwerk American Dreamers: How the Left Changed a Nation. Beide Autoren legen ihren Fokus neben den utopischen Kommunenexperimenten auf den Zeitraum zwischen ca. 1910 und 1950, mit einem speziellen Augenmerk auf die Jahre zwischen 1910 und den späten 1930er Jahren. Hier hatte die von Eugene V. Debs gegründete Socialist Party ohne jeden Zweifel ihre größten Erfolge. In dieser Zeit stellten sie zwei Abgeordnete im House of Representatives und – was bedeutend wichtiger war – zahlreiche Abgeordnete auf Staatenebene und Hunderte Bürgermeister. Insbesondere letzteres sorgte auch für den größten politischen Einfluß der Sozialisten. Auf der kommunalen Ebene feierte die Socialist Party of America ihre größten Erfolge, das schlagendste Beispiel dafür ist Milwaukee in Wisconsin. Dort wurden zwischen 1912 und 1960 drei sozialistische Bürgermeister gewählt, alleine Daniel Hoan amtierte von 1916-1940. Diese setzten eine kommunale Wasser- und Stromversorgung durch, verbesserten Sanitätsstandards in Fabriken, stärkten die Rechte von Afro-Amerikanern und legten zahlreiche Projekte im sozialen Wohnungsbau auf Kiel.

Milwaukee – jahrzehntelang die Hochburg des amerikanischen Sozialismus (Quelle: By Towpilot – Own work, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2675402)

Auf einer nationalen Ebene blieb der Einfluß sozialistischer Ideen indes eng begrenzt, weshalb ich die Interpretation von Nichols und Kazin auch nicht teile. Zwar finden sich manche Vorschläge im New Deal Franklin D. Roosevelts wieder, allerdings waren die Hauptaspekte des New Deal nicht von sozialistischen, sondern von so genannten progressiven Ideen inspiriert. Die zentrale politische Programmatik des Sozialismus war auch einem FDR deutlich zu radikal. Auch die sozialistisch geprägte Studentenbewegung – die Students for a Democratic Society – im weiteren Umfeld dessen was gemeinhin unter 68er firmiert, schaffte es nie Majoritäten hinter sich zu versammeln und einen dauerhaft prägenden Einfluß zu entwickeln. Warum ist das so?

Zum einen wurden in den USA Sozialismus und Kommunismus von deren Gegnern meistens synonym behandelt. Und da Letzterer gelinde gesagt nicht gerade zu den populären Ideen der Mehrheitsgesellschaft gehörte (und immer noch gehört) war es für Sozialisten meist nicht nur sehr schwierig sich Gehör zu verschaffen, sondern auch nicht ganz ungefährlich. Im tiefen Süden konnte man als offen agierender Gewerkschaftsfunktionär gerne auch mal am nächsten Baum enden, und spätestens nach der Oktoberrevolution 1917 galt jedwede sozialistische Aktivität als Un-Amerikanisch und Vaterlandsverrat. Das musste auch Eugene V. Debs höchstselbst erfahren, der 1918 zu 10 Jahren Haft verurteilt wurde, von denen er knapp 2 Jahre tatsächlich verbüßte, ehe er begnadigt wurde. Derlei Repressalien machten den Aufbau einer schlagkräftigen sozialistischen Organisation schwer und auch wenig attraktiv.

Der zweite Grund liegt aber tiefer. Selbst zu seinen Hochzeiten blieb der Einfluß des Sozialismus in den USA wie erwähnt begrenzt. Das lag (und liegt wahrscheinlich bis heute) daran, dass er einer grundsätzlichen Basis amerikanischer Ideologie widersprach – der Freiheit des Individuums. Für die amerikanische Mehrheitsgesellschaft ist der Einzelne und dessen persönliche Freiheit das höchste Gut und Fundament der Gesellschaft und dem stehen viele sozialistische Bestrebungen entgegen – die latente Religionsskepsis vieler Sozialisten sei hier dann auch noch erwähnt. Von dem her konnte es dem Sozialismus schlicht nie gelingen, eine Mehrheit der Gesellschaft ernsthaft von seinen Vorstellungen zu überzeugen.

Es bleibt nun abzuwarten, inwiefern Bernie Sanders und seine meist jungen Anhänger einer amerikanischen Spielart des Sozialismus neues Leben einhauchen können. Die Euphorie ist nach wie vor groß, aber ich habe was einen durchschlagenden Erfolg angeht, meine Zweifel. Dafür ist die amerikanische Gesellschaft strukturell zu libertär-konservativ geprägt.

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2 Gedanken zu “„The S-Word“ – Vom Sozialismus in den USA II

  1. Und wie erging es dem sozialistischen Bürgermeister in Milwaukee während der Mc-Carty-Ära? Oder galt er als gewählter Vertreter als „unantastbar“ bzw. wurde dann trotz „Red Scare“ zwischen Sozialismus und Kommunismus unterschieden?

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  2. Nein unterscheiden wurde da gar nicht mehr, aber Frank Zeidler war in Milwaukee ungeheuer populär und hatte auch mächtige Freunde. Deshalb war Milwaukee generell kein McCarthy-Territorium, obwohl er auch aus Wiscosnin kam. Vermutlich war er für McCarthy selbst einfach auch zu unbedeutend, der hat sich ja lieber mit den ganz großen Namen angelegt. Und für die allgemeinen Auswüchse des McCarthyism gab es in Milwaukee einfach keinen Nährboden.

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