Slightly OT – Cixin Liu: Die drei Sonnen

Ich beschränke mich hier ja bekanntlich auf amerikanische Themen, Filme und Autoren. Trotzdem werde ich heute mal mit einer Buchbesprechung einen kleinen Abstecher nach China machen. Ich bekomme aber noch einen Bogen geschlagen. Ich bin nämlich auf die Romane von Cixin Liu gestoßen, weil ich im New Yorker las, dass diese zu den Lieblingsbüchern von Barack Obama zählen. Und da dachte ich, der Mann ist schlau, dass will ich auch lesen 😉

Der Titel dieser Rezension ist auch direkt etwas missverständlich, weil es sich hier um eine Trilogie handelt, wovon Die drei Sonnen (in der englischen Übersetzung The Three Body Problem) der erste Band ist. Der zweite Band heißt Der dunkle Wald (The Dark Forest), den Dritten – Death´s End – gibt es glaube ich momentan nur auf Englisch. Man kann die Bücher meines Erachtens nach auch nicht einzeln lesen, also z.B. mit dem Dritten einsteigen, weil doch zu viele Personen und Handlungsstränge aufeinander aufbauen.

Dann noch eines vorweg: ich bin eigentlich überhaupt kein Science Fiction Fan, wenn es um Literatur geht. Ich kann Euch aber jetzt schon versprechen, dass auch Leute die dieses Genre nicht mögen, Cixin Liu eine Chance geben können.

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Also worum gehts? Ye Wenjie verliert in den Schrecken der chinesischen Kulturrevolution nicht nur ihren Vater, sondern auch direkt den Glauben an die Menschlichkeit. Deshalb beschließt sie im Rahmen eines geheimen Armeeprojekts auf ein extrem starkes Funksignal aus dem All zu antworten, das von einer offensichtlich feindselig gestimmten außerirdischen Zivilisation stammt. Diese Antwort wird denn auch erhört und mit dem netten Hinweis „You´re bugs“ eine Invasion der Erde angekündigt, die in 400 Jahren stattfinden wird. Letzten Endes geht es in den ersten beiden Bänden darum, was ein solches Wissen mit der menschlichen Zivilisation und unseren Zeitvorstellungen macht. Die Menschheit versucht, hin- und hergerissen zwischen Panik und Fortschrittsoptimismus, die Bedrohung mit Hilfe unterschiedlicher Programme doch noch abzuwenden und steht dabei immer wieder vor schier unlösbaren wissenschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Das Ganze sorgt in den menschlichen Gesellschaften für ungeheure Zerreißproben – wer dürfte im Fall der Fälle von der Erde fliehen, wer nicht? Wer soll durch künstlichen Tiefschlaf weit in die Zukunft reisen, um dort weiterzuhelfen? Denn auch die technologischen Möglichkeiten der Zukunft sind,  nun ja – etwas eingeschränkt. Mehr geht hier nicht ohne Spoiler.

Cixin Liu ist kein großer Stilist, aber er hat eine ungeheuer große Fantasie, die einen auch die technischen Feinheiten in Physik und Raumfahrttechnik sowohl glauben als auch verstehen lässt. Neben der durchweg spannenden und unterhaltsamen „Rahmenhandlung“, die eine große Fülle an Protagonisten trägt und sich natürlich auch über gewaltige Zeitläufte erstreckt, gelingt Cixin Liu aber noch mehr. Insbesondere im letzten Band zerschmettert er unsere Vorstellungen von Zeit und Raum und wirft – das fand ich vor allem aus meiner Historikerperspektive sehr spannend – dadurch unbequeme Fragen auf. Was, wenn unsere Vorstellung von Zeitlichkeit, nicht nur nicht die einzige im Universum ist, sondern Zeit im Prinzip überhaupt nicht existiert? Wenn der Raum wie wir ihn wahrnehmen, nicht nur wie die Zeit eine gesellschaftliche Konstruktion ist, sondern reine Illusion? Wenn man darüber anfängt ernsthaft nachzudenken, dann blickt man sehr schnell in ein großes, existenzielles Schwarzes Loch. Und das man das tut, gehört zu den großen Leistungen dieser Romantrilogie. Viel mehr kann man von einem Buch nicht erwarten.

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