„The Alcoholic Republic“: Vom Trinken I

Im Jahr 1830 konsumierte jeder Amerikaner durchschnittlich 26,8 Liter reinen Alkohol pro Jahr. Das ist eine enorme Menge und sorgte schon bei vielen besorgten Zeitgenossen für Unruhe. Insbesondere die frühe Frauenbewegung, die im Alkoholmissbrauch vieler Ehemänner zu Recht eine ständige Bedrohung vieler Frauen und Kinder sah. Aber auch die antikatholisch motivierten Gegner von Immigrationswellen aus Irland und Deutschland, witterten bei den Neuankömmlingen nur eine weitere Horde sehr trinkfreudiger Barbaren. Aus diesen Interessengruppen formierte sich zwischen 1830-1860 die so genannte Temperenzbewegung, die zunächst tatsächlich nur versuchte über Broschüren und Veranstaltungen auf die Gefahren und Übel des Alkoholkonsums hinzuweisen. Das Ziel bestand meistens im Wortsinne in einer Mäßigung. Es gab aber auch radikalere Elemente. Insbesondere in den stark von den diskursbestimmenden White Anglo Saxon Protestants (WASPs) geprägten, neuenglischen Bundesstaaten, gab es schon früh Stimmen, die ein generelles Alkoholverbot befürworteten. Das manifestierte sich dann 1851 im Maine Law, einem Gesetz in dem der namengebende Bundesstaat den Verkauf alkoholischer Getränke – außer zu medizinischen Zwecken – untersagte. Bis 1855 folgten zwölf weitere Bundesstaaten dem Beispiel aus Maine.

Während des Bürgerkrieges verbot zwar die US Navy 1862 die Ausgabe der täglichen Ration Rum an die Seeleute, ansonsten verblasste aber das Interesse am Kampf gegen den Alkohol zunehmend. Das änderte sich dann ab den späten 1870er Jahren wieder. Mit der Eroberung und Erschließung des amerikanischen Westens entstanden dort stark männerdominierte Gesellschaften. Durch sie gelangte der Alkoholmissbrauch und seine oft gewalttätigen Folgen erneut auf die Tagesordnung. Wieder waren es die Frauen, die federführend an der Kampagne beteiligt waren.

File:Woman's Christian Temperance Union Cartoon.jpg
Cartoon der Anti-Saloon League

Organisationen wie die Anti-Saloon League und die Women´s Christian Temperance Union versuchten in den Folgejahrzehnten über politische Lobbyarbeit und die Gewinnung prominenter Unterstützer ihr Ziel durchzusetzen. Das bestand darin Alkoholkonsum auf Bundesebene mittels eines Verfassungszusatzes zu verbieten. Wichtige Befürworter fanden sich einmal in kirchlichen Kreisen, die die Anti-Salonn League auch bei rabiaterem Vorgehen, wie dem Niederbrennen von Bars, gewähren ließen. Andererseits fanden sich viele Großindustrielle wie Andrew Carnegie bereit, dem Anliegen der Alkoholgegnerinnen zusätzliches Gewicht zu verleihen. Sie erhofften sich durch ein Trinkverbot eine höhere Leistungsfähigkeit ihrer Arbeiter. Das Ganze hatte also auch immer sowohl eine fremdenfeindliche, wie eine displinierende Stoßrichtung.

Jedenfalls brauchten die Reformerinnen zwar einen langen Atem, aber am 16. Januar 1919 wurde das 18. Amendment zur Verfassung verabschiedet. Das Zeitalter der Prohibition hatte begonnen. Nächste Woche wird es an dieser Stelle darum gehen, Euch zu beschreiben, warum dieses gewaltige Umerziehungsexperiment letztlich ziemlich kläglich scheiterte und wie es mit den heutigen Trinkgewohnheiten aussieht.

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2 Gedanken zu “„The Alcoholic Republic“: Vom Trinken I

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