Annie Proulx – Aus hartem Holz

So, bevor nächste Woche hier eine neue kleine Serie im Stil der kürzlich beendeten über den Süden startet, hab ich mal wieder was gelesen. Barkskins (dt. Aus hartem Holz, Luchterhand 2016) der kanadisch-amerikanischen Autorin Annie Proulx, bekannt geworden vor allem durch den Roman Schiffsmeldungen (1993) und die auch recht erfolgreich verfilmte Kurzgeschichte Brokeback Mountain.

Koloniale Zerstörungswut und frühe Globalisierung

Aus hartem Holz ist ein überbordendes Familienepos, das die Zerstörung der Wälder dieser Erde in den letzten 300 Jahren thematisiert. Beginnen tut die Geschichte mit zwei Indentured Servants – eine Art zeitlich begrenzter Leibeigenschaft – in Neu-Frankreich. René Sel und Charles Duquet werden nach ihrer Ankunft 1693 von ihrem Herrn damit beauftragt, die Wälder seines Besitzes großflächig zu roden. Während der Eine sich mehr schlecht als recht mit dieser Rolle arrangiert, sich in die koloniale Gesellschaft integriert und nach Ablauf der Indentur eine Indianerin heiratet, strebt der Andere nach Höherem. Charles Duquet möchte sein eigenes Holzimperium begründen und reist zu diesem Zweck in mehreren Etappen um die Welt. Insbesondere in China versucht er die nötigen Kontakte und Netzwerke zu knüpfen – er wird damit Erfolg haben. Dieser Handlungsstrang zeigt sehr schön, dass Globalisierung nichts Neues ist, sondern auch in der Frühen Neuzeit Handelskontakte und inter-kulturelle Beziehungen gang und gäbe waren. Auch die in der Kolonialzeit völlig normale Durchmischung der Kulturen, wird anhand von René Sel und seiner Söhne, die ihren Beitrag zur Zerstörung der Wälder Nordamerikas leisten werden, gut recherchiert und anschaulich erzählt.

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Aus hartem Holz heißt das Ganze in der Übersetzung

Lehrstück über den amerikanischen Kapitalismus

Im weiteren Verlauf werden mehr und mehr Figuren der Handlung hinzugefügt, so dass es bisweilen schwer fällt sich im Proulx´schen Personendickicht noch zurechzufinden. Im Anhang gibt es deswegen zwei Stammbäume, die man auch immer mal wieder zu Rate zieht. Mitte des 18. Jahrhunderts zieht das Duquet´sche Holzimperium wegen der besseren Geschäftsmöglichkeiten in die englischen Kolonien, die wenig später zu den Vereinigten Staaten werden. Zunächst nach Boston, dann über Detroit nach Chicago. Dieser Abschnitt ist ein schönes Lehrstück über den amerikanischen Kapitalismus. Es gibt in diesem System keine Rücksicht. Weder für die natürlichen Ressourcen noch für Menschen. Während es die halb-indianischen Nachfahren von René Sel zunehmend schwer haben, sich in der amerikanischen Gesellschaft zurechtzufinden, müssen die Duquets sich neue Räume in Neuseeland erschließen, derart rücksichtslos wurden die vorhandenen Baumbestände ausgebeutet. Das ist gut gemacht und dabei hätte es Frau Proulx auch besser belassen.

Von allem etwas viel

Die weitere Erzählung im Verlaufe des 20. Jahrhunderts gerät nun nämlich mehr und mehr zu einer Enttäuschung. Holz verliert an Bedeutung und stellt das Firmenimperium vor große Herausforderungen. Figuren kommen und gehen, sterben und werden ersetzt. Es fehlen die Identifikationsfiguren. Auch die Hauptbotschaft des Romans, die verheerenden Auswirkungen menschlicher Gier auf die Umwelt, verliert durch die ständige Wiederholung an Wucht. Aus hartem Holz ist in der ersten Hälfte eine gelungene Erzählung über die Kolonisation Nordamerikas, frühe Globalisierung und den amerikanischen Kapitalismus. Danach gilt leider das Prinzip vom weniger, das mehr gewesen wäre.

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