“Exterminate all rational thought” – Über die Beats

“I don’t know, I don’t care, and it doesn’t make any difference.” (Jack Kerouac)

“Sometimes I sits and thinks. Other times I sits and drinks, but mostly I just sits.” (Neal Cassady)

“I don’t think there is any truth. There are only points of view. ” (Allen Ginsberg)

„I sure as hell wouldn’t want to live in a society where the only people allowed guns are the police and the military.“ (William S. Burroughs)

 

Wer von Euch geneigten Lesern hat On the Road von Jack Kerouac gelesen? Hat Euch das Buch irgendwie bewegt, ein Gefühl ausgelöst? Als ich mit dem Roman erstmalig in Berührung kam, wollte ich das sofort selber machen. Einfach kreuz und quer, ohne Ziel, durch die Staaten brausen. Zudem war ich davon überzeugt das Buch eines überzeugten Linken, quasi die Bibel der Counterculture in Händen zu halten. Es dauerte lange, bis mir klar wurde, dass es sich hier um ein Missverständnis handelt. Aber wer waren die Beats und wieso ist zumindest in Teilen falsch, sie für Vordenker und Ikonen des letzte Woche thematisierten Summer of Love zu halten?

Anfänge

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten die USA einen bis dahin beispiellosen wirtschaftlichen Boom. Es entstand das, was der Ökonom John Kenneth Galbraith 1958 als Affluent Society – Gesellschaft im Überfluss – bezeichnen sollte. Kühlschränke, Wäschetrockner und das ein oder andere zusätzliche Automobil, zogen in die immer gleich aussehenden, wie Pilze aus dem Boden schießenden, Vorstädte. Materialismus und Konformität schienen das ganze Land mit einem Schleier der Langeweile zu überziehen.

Im Umfeld der Columbia University freundeten sich Ende der 1940er Jahre eine Gruppe junger Leute an, die das alles ziemlich zum Kotzen fanden. Im New Yorker Greenwich Village trafen sich die wichtigsten Vertreter der Beat Generation und wollten den festgefahrenen Geschlechterrollen und den bürgerlichen Vorstellungen eines organisierten Erwerbslebens entfliehen. Ich werde mich hier auf die vier zentralen Protagonisten dieser kulturellen Ausdrucksform beschränken: William S. Burroughs, Jack Kerouac, Allen Ginsberg und Neal Cassady.

Bildergebnis für kerouac on the road map
Die Reiseroute von Kerouacs On the Road

Cassady diente für die jungen Literaten als eine Art Muse, sein unvermittelter, spontaner Sprech- und Schreibstil und seine Attitüde des Anything-Goes wurde insbesondere für Kerouac und Ginsberg zu einer zentralen Inspirationsquelle. Die zahllosen Roadtrips,  die wechselnden, auch bi-sexuellen Beziehungen und insbesondere bei William Burroughs auch die Drogen, sollten sowohl die Mehrheitsgesellschaft provozieren, als auch als Vorbild für den eigenen literarischen Stil dienen.

Ein künstlerisches Programm, kein politisches

Während Allen Ginsberg nach Veröffentlichung seines skandalumwitterten Gedichts Howl, tatsächlich linken Idealen und Vorstellungen anhing und dies auch im Laufe der 60er Jahre tat (er distanzierte sich ab den 70er Jahren aufgrund deren zunehmender Gewaltbereitschaft von der Linken), schlugen seine Freunde einen anderen Weg ein. Kerouac tippte wahnhaft sein Manuskript für On the Road, das dann 1957 mit Verspätung veröffentlicht wurde. Als das Werk dann in den 1960er Jahren zu einer Art Programmschrift für die Neue Linke wurde, verwahrte sich Kerouac gegen derlei Vereinnahmungsversuche. Er wurde, zunehmend vom Alkohol zerfressen, zu einem rabiaten Anti-Kommunisten und Vietnamkriegsbefürworter.

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Schriftrolle von On the Road

Mexiko City, 1951. Der bekennende Waffennarr William S. Burroughs versucht im Morphiumrausch mit seiner Frau die berühmte Apfelszene aus Wilhelm Tell nachzustellen. Das Opiat hatte allerdings seine Zielgenauigkeit derart beeinflusst, dass er statt den Apfel zu treffen, seiner Frau das Gesicht wegschoss. Das Ganze wurde zwar als Unfall deklariert, er musste aber Mexiko verlassen. Es folgte eine mehrjährige Odyssee durch Nordafrika und Europa, in deren Verlauf Burroughs seinen Erstling Junkie, sowie sein Hauptwerk Naked Lunch verfasste. Letzteres sorgte nach Erscheinen für einen veritablen Skandal und wurde sogar kurzfristig verboten.

Kerouac und Burroughs, wie auch Cassady, verfolgten also kein politisches Programm oder Ziel. Sie sind weit eher einer spezifisch amerikanischen Form des Libertären zuzuordnen. Es geht bei Ihnen um Individualismus, um die Überwindung bestehender Moralvorstellungen und tief verwurzelte Staatsskepsis, aber nicht um gesellschaftliche Veränderung. Das macht das literarische Vermächtnis nicht weniger bedeutungsvoll, aber es ist trotzdem zu bedenken.

Lektüre und Augenfutter

Ich würde Euch zum Abschluß noch einige, meiner Meinung nach empfehlenswerte Werke mit geben, wenn Ihr etwas tiefer in die Beat Literatur einsteigen wollt.

Verpflichtend natürlich die jeweiligen Ursprungsfassungen von On the Road – das ich auch zu meinen persönlichen Great American Novels zähle – und Naked Lunch. Von Kerouac empfiehlt sich dann noch Big Sur und das gemeinsam mit Burroughs verfasste And the Hippos Were Boiled In Their Tanks (dt. Und die Nilpferde kochten in ihren Becken). Einen sehr schönen Blick hinter die Kulissen der Beats bieten die Memoiren von Carolyn Cassady, Ehefrau von Neal Cassady und Geliebte von Kerouac, Off the Road.

Eine exzellente Dokumentation über den womöglich faszinierendsten Vertreter der Beats, William S. Burroughs, findet ihr unter folgendem Link, hier der Trailer. Wer die Zeit erübrigen kann, es lohnt sich.

 

Und ganz kurz zum Schluß noch, die Ken Burns Vietnam-Dokumentation, auf die ich in der montäglichen Media Outline hinwies, gibt es in der Arte-Mediathek zu sehen!

 

 

 

 

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4 Gedanken zu ““Exterminate all rational thought” – Über die Beats

  1. Da ich es ja zu anstrengend finde, englischsprachige Romane im Original zul lesen – ja, ich weiß, angeblich kein Vergleich und so, trotzdem 😉 – , habe ich damals die gerade erschienene und frisch übersetzte Ur-Fassung gelesen (bei Rowohlt). Ich fand, das Buch entwickelt schon einen erstaunlichen „Drive“. Andererseits ist es vermutlich auch eines der Bücher, über die man schon soviel gehört hat, dass man dann auch genau das darin findet, was angeblich so mythenumwoben ist. Wie auch immer: Ich könnte es gleich nochmal lesen!

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  2. In etwa das Gefühl, das du bei Kerouac beschreibst, hatte ich, als ich meinen ersten amerikanischen Roman im Original gelesen hatte: Hemingway, A Farewell to Arms. Und bei Hemingway bin ich dann auch weitgehend geblieben. In den Weltkriegen kämpfen, Großwild jagen, in Pariser Cafés herumhängen klang alles sehr spannend. Später, wenn man dann lernt, dass bei Hemingway vieles eher Angeberei als authentische Erfahrung war, wird das etwas schwieriger, aber trotzdem lese ich ihn noch immer gerne.

    Vielleicht hatte ich deshalb so Probleme mit On the Road, weil er sich darin ja so explizit von Hemingway (und den anderen amerikanischen Expats) abgrenzt, die sich offenbar gar nicht für ihr eigenes Land interessieren, sondern lieber in Europa Stierkämpfe gucken. Jedenfalls bin ich mit Kerouac bislang nur etwa bis zur Mitte gekommen. Vielleicht lese ich es dann jetzt doch noch zuende. (Leider habe ich nur eine Ausgabe, die nicht auf der originalen Schriftrolle basiert.)

    Immerhin hat mir Kerouac ein ausführlicheres Gespräch mit einer Fremden in der Münchener U-Bahn beschert: Eine Amerikanerin war ganz angetan davon, dass heute noch jemand On the Road liest, und sprach mich darauf an. Hoffentlich kriegt sie jetzt nicht mit, dass ich auf halber Strecke aufgegeben habe…

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    1. Ich würde Dir echt empfehlen es mal zu Ende zu lesen. Ich finde schon, dass das ziemlich gut ein gewisses Lebensgefühl transportiert, dass man relativ schnell als “links“ einsortiert. Und das auch mit dem Wissen, dass das bei Kerouac nicht zutraf, trotzdem funktioniert. Der Vorteil an der Ursprungsfassung ist schlicht die etwas rohere, ungeschliffenere Sprache und die namentliche Nennung von Cassady alias Dean Moriarty. Ist aber kein Beinbruch einfach die Normalversion zu lesen…

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