The Grateful Dead – die Band des Summer of Love und meine American Beauty

Unverhofft kommt oft. Es wurden hier ja auch schon mal häufigere Gastbeiträge gewünscht. So there you go. Ich freue mich sehr die kurze Hippie-Serie heute mit einem Gastbeitrag meines guten Freundes Gennaro zu verlängern. Er wird einen ganz persönlichen Blick auf einen DER Soundtrack-Lieferanten des Summer of Love werfen. Ich wünsche Euch ganz viel Spaß!

The Dead

Zahlreiche Blumenkinder, die in den Parks der Bay Area die Lehren Timothy Learys in farbige Realität umgesetzt hatten, waren schon längst im Kugelhagel der Tet-Offensive verreckt, vielleicht auch im Sumpf des brown acid untergangen, vor dem in Woodstock gewarnt wurde, als die Grateful Dead im November 1970 ihr Album American Beauty veröffentlichten.

Der heute wohl etwas bekanntere, 1999 in den Kinos laufende, gleichnamige Film mit Kevin Spacey hatte mit dem Album die auf dem Filmplakat sichtbare, gleichnamige Rose gemeinsam. Auf dem Cover ist die Rose von einem furchtbaren Holzpanel umrahmt. Vielleicht sollte es das Country-Gefühl evozieren, dem die Band – nebst vielen anderen Americana-Einflüssen, vom Blues und Folk über dem Bluegrass bis zu Dylan – keineswegs abhold, ja, geradezu verpflichtet war.

Dead

Mehr als Kiffermusik

Man sollte sich davon ebenso wenig abschrecken lassen, wie von dem vielfach geäußerten Vorurteil, es handle sich um Kiffermusik. Letzteres stimmt zwar, doch man bleibe nicht dabei stehen. Hört man genauer hin, so wird offenbar, dass die Dead nicht nur einen ungeheuren musikalischen Sog zu entfalten vermögen, sondern ein ganz eigenes Great American Songbook zu bieten haben. Hier wird eine in der Hippie-Kultur der west coast wurzelnde Variante oder besser: eigentümliche Interpretation der großen amerikanischen Mythen erzählt. Jedenfalls hat kaum eine Band den sunshine daydream, der den summer of love antrieb, sowie das, was aus ihm wurde, treffender besungen als die Dead. Und das taten sie seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre bis zu den 2015 mit den überlebenden Mitgliedern der Band veranstalteten Fare Thee Well-Konzerten. Eine wahrhaft dauerhafte Institution der counterculture.

„Sweet blossom come on under the willow / We can have high times if you’ll abide

We can discover the wonders of nature / Rolling in the rushes down by the riverside

She’s got everything delightful / She’s got everything I need / Takes the wheel when I’m seeing double / Pays my ticket when I speed […] I’ll walk you in the morning sunshine / Sunshine daydream / Walk you in the sunshine“

 

Von Alben und Songs

Sugar Magnolia (siehe nebst der Album-Version etwa Dick’s Picks 2 vom 31.10.71 im Ohio Theater, Columbus, OH: https://open.spotify.com/track/34cl1teQE4OTUK00JhU6LF).

American Beauty ist, um es vorwegzunehmen, nicht zwingend das beste Grateful Dead-Album, doch es bietet den gefälligsten Einstieg ins musikalische Universum der Dead, deren Diskographie laut Wikipedia etwa immerhin 140 Alben aufweist. Unter den Studio-Alben ragt das 1975 veröffentlichte Blues for Allah heraus. Und Puristen werden nicht ganz zu Unrecht einwenden, das 1967 erschienene Album Grateful Dead sei ein geeigneterer Repräsentant der paradigmatischen Band des summer of love. Mir ist es zu ‚poppig‘, zu bubble gum. Ohnehin sind es die Live-Aufnahmen, welche die größere Aufmerksamkeit verdienen. Sie dürften aber auch in erheblicherem Maße an den Nerven der NovizInnen kratzen. Live nimmt jedenfalls der drogeninduzierten Geist der Band und ihrer Anhänger, der Deadheads, an fahrt auf: Vom Suff und Kiff über Pilze und LSD bis zu Kokain und Heroin vermögen die Dead zumindest einmal die ganze ‚klassische‘ Drogisten-Palette glaubwürdig klangmäßig abzudecken. Da gibt es zum einen die offiziellen Live-Alben: Etwa das meisterhafte Live Dead von 1969, das von der Dead-Hymne Dark Star oder dem Reverend Gary Davis entlehnten Traditional Death Don’t Have no Mercy getragen wird; oder das 1992 veröffentlichte Album Two from the Vault, das ein Konzert aus dem Jahr 1968 einfängt, auf dem gerade die bluesig-soulige Direktheit des Dead-Keyboarders und Sängers Ron ‚Pigpen’ McKernan besonders zur Geltung kommt. Und es gibt zum anderen die von der Band lange vor der neoliberalen Variante der Share-economy beförderten, inoffiziellen Konzertaufnahmen. Seit Jahrzehnten unter Deadheads getauscht, gesammelt, kommentiert, sind sie es, die besondere Wertschätzung verdienen. Einst noch als Kassetten wie der entsprechende Joint von Hand zu Hand gereicht (siehe hierzu folgenden Link), sind sie nunmehr auf zahlreichen online Portalen herunterladbar (etwa hier). Doch genug davon, wenngleich man, ist man einmal angefixt worden, eigentlich nicht genug davon kriegen kann. Denn welche Version von St. Stephen, Doin’ that Rag, Help on the Way, It Must Have Been the Roses oder der Cover Hard to Handle, It’s a Man’s World, Smokestack Lightning oder insbesondere Not Fade Away ist denn wirklich die beste? Eine von vielen Schneisen durch das Dickicht der Live-Auftritte schlug 2013 ein Autor des Rolling Stone. Doch zurück zur American Beauty, denn allein das eigene Hörerlebnis vermag, immer wieder neue akustische Pfade freizulegen.

„For this is all a dream we dreamed / One afternoon long ago“

 Box of Rain (siehe nebst der Album-Version etwa Live at Winterland, vom 31.12.72: https://open.spotify.com/track/5c2B0bkIJ6A3Wv6abnjMuu). War 1970 der amerikanische Traum an sich an sein Ende gelangt oder nur jener der Blumenkinder? Was auch immer die Grateful Dead gemeint haben mögen: Für den long strange trip – wie es in Truckin’, dem letzten Song des Albums, heißt – ins amerikanische Traumland des summer of love können an dieser Stelle allein eigene Reminiszenzen und Assoziationen bemüht werden.

Lauscht man dem Text, so scheint es, als handle Box of Rain von Richtungs- und Orientierungslosigkeit, im Rausch, im Leben und von der Frage, ob einem jemand dabei helfe ans andere Ende zu gelangen. Das ist Hippie-Kitsch in Reinkultur. Wer indes in jungen Jahren schon einmal neben einer Lache seiner eigenen Kotze aufgewacht ist, ohne zu wissen wer, wo, was und vor allem wann er ist, wird den Zeilen durchaus etwas abgewinnen können. Es handelt sich um eine Stand by Me-Version für Drogisten, aber nicht ausschließlich.

Reminiszenzen

Wenn ich mich recht erinnere, schenkte ich meiner damaligen Freundin gegen Ende der Schulzeit eine box of rain, eine metallene Dose, die nebst anderem auf jeden Fall eine ribbon for your hair enthielt. Sicher, das sind jugendliche oder postadoleszente Klischees, vor deren klebriger Bonbonsüßigkeit man sich nunmehr ebenso schämt, wie etwa für die einstige Begeisterung für Hesses Steppenwolf. Es waren ja die neunziger Jahre und somit erscheint die ganze Geste als ein großer Anachronismus, eine Art Reenactement, als bloße Aktualisierung eines längst Vergangenen summer of love. Doch als ich die American Beauty eben wieder auflegte, und Box of Rain ertönte, kroch aus dem Hintergrund die Frage auf, ob diese eine metallene box of rain vielleicht noch in irgendeinem feuchten Keller vor sich hin rostet, oder ob sie bereits vor Jahrzehnten weggeworfen wurde. Attics of my Life eben, wie sie das vorletzte Stück der B-Seite thematisiert.

„Got two reasons why I cry / Away each lonely night / The first one’s named sweet Anne Marie / And she’s my heart’s delight / Second one is prison, baby /The sheriff’s on my trail / and if he catches up with me / I’ll spend my life in jail“

 Friend of the Devil (siehe nebst der Album-Version etwa Dick’s Picks 8, Harpur College, Binghampton, NY vom 2.5.1970: https://open.spotify.com/track/0sx2tw5yTY4gHPZ61ovAhs). Titel und Refrain von Friend of the Devil erinnern zunächst einmal an ein Motiv, das die nicht zuletzt um Robert Johnson kreisende Blues-Legende wachruft, dem Pakt mit dem Teufel.

Doch Friend of the Devil versammelt darüber hinaus eine Vielzahl uramerikanischer Topoi, der Protagonist ist on the road, vor allem ist er aber ein outlaw (http://www.dead.net/features/greatest-stories-ever-told/greatest-stories-ever-told-friend-devil). Man hat es mit einem Folk-Song zu tun, der von der Flucht vor dem Gesetz, der Vielweiberei – er spielt in Utah – von Höllenhunden, levees und Sheriffs handelt.

Als ich mit wohl zwölf oder dreizehn Jahren in einem Plattenladen auf Long Island namens Tracks on Wax das Best of-Album Skeletons from the Closet kaufte, das fortan in Dauerschleife im Walkman lief, war Friend of the Devil mein Lieblingslied. Vielleicht lag das auch daran, dass die Typen, die einem die Grateful Dead empfohlen hatten, eine Aura des Verruchten, ja, wenn man so will, des ‚Teuflischen‘ umgab. Freundete man sich mit ihnen an, begab man sich auf gefährliche Pfade. Da war zum einen ein Mitschüler namens David – nicht Marcus, das sollte erst später kommen – Garvey. Er hatte das Blues for Allah-T-Shirt seines älteren Bruders geerbt und trug es, so schien es, täglich. Mit seinen kaum vierzehn Jahren wirkte er auf mich, dem Jüngeren, wie ein bereits Eingeweihter, schien er doch alle teils unheimlichen Geheimnisse und Riten der High-School, von denen ich selbst noch nichts verstand, zu kennen. Und da war ein großer, breitschultriger Kerl namens Bill, der sehr bald zur Clique der Footballer überlaufen sollte. Damals gehörte er aber noch eher zu den dirtbags und outsidern – bedauerlicherweise ist die Sitcom-Soziologie realitätsnäher und -prägender, als man glauben möchte –, und er zeigte mir damals nicht nur, wie das Dead-Emblem Steal your Face zu zeichnen oder in die Schultische einzuritzen war. Er wusste auch aus dem Bollen Gras, den er stets bei sich trug, eine Tüte zu drehen. Eines abends entführten wir den Lincoln des Vaters eines weiteren Freundes, ein ziemliches Schlachtschiff von einem Auto, aus dessen Garage, und brachen zu einer Spritztour nach Downtown auf – alle vier noch weit vom Führerscheinalter entfernt und keineswegs nur deswegen nicht fahrfähig. Ich glaube kaum, dass wir Friend of the Devil bei dieser Fahrt tatsächlich hörten, doch dessen Sound wird auf immer und ewig mit diesem Abend jugendlichen Leichtsinns und mit meinen damaligen ‚teuflischen‘ Freunden verbunden sein.

 

 

 

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “The Grateful Dead – die Band des Summer of Love und meine American Beauty

  1. Deine Box of Rain, lieber Gennaro, ist bestimmt noch auf irgendeinem Dachboden verwahrt. Sowas wirft niemand weg, der ein Herz hat. – Ansonsten ist mir, apropos Reenactment, jetzt erst aufgefallen, wie sehr die Ästhetik der 90er in bestimmten Dingen der der frühen 70er ähnelt: Lederwesten mit aufgenähten, großflächigen Rosen hatte ich bisher meist mit Guns’n’Roses verbunden.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s