Ken Burns & Lynn Novick – The Vietnam War, Part I

Retroflagge USA mit American Potpourri Schrift

Ich hatte ja vergangene Woche schon einmal darauf hingewiesen, dass es die lange erwartete Vietnam-Dokumentation von Ken Burns & Lynn Novick in der Arte-Mediathek zu sehen gibt. Ich habe mir jetzt die neunteilige Serie einmal angesehen und es scheint mir sinnvoll dazu eine Besprechung zu schreiben. Da dies zudem ein sehr umfangreiches Thema ist, werde ich das auf zwei Beiträge verteilen. Heute werde ich versuchen, den Film vom historischen Inhalt her einzuordnen. Nächste Woche wird es darum gehen, das Ganze in die bisherige, auch populärkulturelle Verarbeitung des Vietnamkrieges einzubetten.

Eine Warnung vorweg

Zunächst aber eine kleine Warnung. Bei der Version die man bei Arte sehen kann, handelt es sich leider nicht um die amerikanische Originalversion. Wir müssen uns hierzulande zumindest vorerst mit einer deutlich gekürzten Version zufriedengeben. Die Dokumentation, die bei PBS ausgestrahlt wird, hat zehn Folgen und 18 Stunden Laufzeit, während es hier neun Folgen von je einer Stunde zu sehen gibt. Ich selbst harre in der Sache noch der DVD-Veröffentlichung. Ich würde aber sagen, dass es zunächst absolut ausreichend ist, sich die geschnittene Variante anzuschauen, denn auch sie, so viel vorweg, erfüllt bereits die hohen Erwartungen.

Multi-Perspektivität

Die Serie ist grundsätzlich chronologisch aufgebaut. Sie beginnt mit der französischen Kolonialherrschaft und endet mit dem „Abzug“ – man könnte es auch Evakuierung nennen – der letzten amerikanischen Truppen 1975. Auszeichnen tut das Narrativ eine auf unterschiedlichen Ebenen vorzufindende Multi-Perspektivität. Zunächst wird durchgängig versucht sowohl die amerikanische wie die vietnamesische Perspektive abzubilden. Hierzu wurde eine ziemlich beeindruckende Riege an Zeitzeugen aus beiden Ländern befragt und vor allem auf die in hiesigen Geschichtsdokus so gerne bemühten und meist ziemlich drögen, Einschätzungen irgendwelcher „Experten“ verzichtet.

Der erste Helikopterkrieg – Quelle: By James K. F. Dung, SFC, Photographer – This media is available in the holdings of the National Archives and Records Administration, cataloged under the National Archives Identifier (NAID) 530610.

Dann versucht The Vietnam War sehr konsequent die Verschränkung von innen und außen. Die Ereignisse in Vietnam werden immer gespiegelt mit Entwicklungen in den USA selbst. Das betrifft selbstverständlich hauptsächlich die zunehmende Anti-Kriegsbewegung, aber auch innenpolitische Haltungen und Zwänge werden, wenn auch sehr knapp, immer wieder eingeflochten. Last but not least versuchen Burns und Novick auch noch, sowohl die Perspektive hochrangiger Entscheidungsträger in Politik und Militär darzustellen, als auch die Sicht auf den Krieg normaler Soldaten, Aktivisten oder Journalisten einzubeziehen. Durch diese Methode entsteht ein ungeheuer vielschichtiges Bild dieses für die beteiligten Läder so traumatischen Konfliktes. Man lernt die Frustration der einfachen grunts kennen und kann sogar nachvollziehen, dass diese häufig dem Anti-Kriegsprotest zutiefst ablehnend gegenüberstanden. Der ganze Zynismus von drei Präsidenten und zahlreichen Ministern wird durch teilweise unveröffentlichte Tonaufnahmen vor einem ausgebreitet.

Unterhaltsam und spannend

The Vietnam War erzählt also auf dem aktuellen Stand der Forschung in einer bislang noch nicht dagewesenen Differenziertheit. Die Serie zeichnet aber noch etwas anderes aus. Es gelingt über die Einbindung von Protagonisten, die über einen längeren Zeitraum immer wieder auftauchen, eine Bindung des Zuschauers herzustellen. Man möchte irgendwann wissen, wie es mit dem häufig vorkommenden Karl Marlantes, Autor eines sehr guten Vietnam-Buches, oder dem immer noch stolzen Vietcong-Kämpfer weitergeht. Ich will weiterverfolgen, wie sich die politischen und militärischen Rechtfertigungsstrategien eines Robert McNamara oder Lyndon B. Johnson weiterentwickeln. Zudem ist die ganze Serie durchweg spektakulär inszeniert und mit einem sehr guten Soundtrack unterlegt. Den Vorwurf der Ästhetisierung kann man hier natürlich machen, ich halte davon aber nichts. Es gibt keine Kriegsdarstellung ohne Ästhetisierung. Wie sich The Vietnam War in die bisherige populärkulturelle Verarbeitung einordnen lässt und inwiefern genau dadurch bekannte Bilder und Stereotype des Krieges durch die Dokumentation evoziert werden, darum wird es nächste Woche gehen. Anfangen das anzuschauen, sollt Ihr alle trotzdem schon mal und sehr gerne dann auch Eure Meinung kundtun!

 

 

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6 Gedanken zu “Ken Burns & Lynn Novick – The Vietnam War, Part I

  1. also ich habe bisher nur die erste folge gesehen und auch wenn ich die vielschichtigkeit schätze, glaube ich dennoch das ist für jemanden der keinen plan von diesem krieg bisher hat(te), echt zu vielschichtig ist. will sagen: für kleine adhsler wie mich ist es schwer den finger von der vorspultaste zu lassen oder gleich wegzuzappen.
    vielleicht gelingt es mir mit zunehmendem alter besser und dann geh ich das gesamtwerk sicher gerne nochmal an! 🙂

    (alleine deine zusammenfassung schafft schon mal einen besseren überblick auf was man sich einstellen kann, das kannst du ja echt immer sehr gut – grosse brocken klein machen ;))

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    1. Ich finde eben, dass das im Vergleich zu allem, was man hierzulande so als Geschichtsdokus vorgesetzt bekommt, eine komplett andere Hausnummer ist. Sicher, es ist keine einfache Berieselungskost, aber dafür, dass das eben mal zeigt, wie komplex Geschichte ist, fand ich das auch sehr unterhaltsam inszeniert. Mag aber auch sein, dass dass da wieder der Historiker mit mir durchgeht 😁

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  2. I love the film of napalm in the morning…
    Ich habe den Eindruck, dass Dein Philoamerikanismus Dein Urteil ein wenig trübt. Ich fand das zwar auch gut investierte Glotzzeit, informativ und bestes PBS-Fernsehen: Burns ist sicherlich ein guter Dokumentarfilm-Manager, wie sein über zwölfstündiger, großartiger Jazz-Film belegt. Doch ‚Vietnam War‘ geht – jenseits der Tatsache, dass er vom Sound besserer Bands schöpfen konnte – filmisch nicht über das ganz klassische Format à la Guido Knopp hinaus. Ebensowenig wie bei Knopp und dem von ihm verwendeten Propagandamaterial der Nazis, werden die Bilder dekonstruiert. Sie werden ausschließlich von Zeitzeugen kommentiert und/oder ergänzt. Und so wird man auch nur durch den jüngerschen Eros des Krieges in den Bann gezogen. Hier sind es halt Hueys anstatt Flieger und Tiger.

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    1. Wie gesagt, man kann dem Ganzen eine Kriegs-Ästhetisierung vorwerfen. Das halte ich aber für eine wohlfeile Kritik, weil jede retrospektive Beschäftigung mit Krieg so etwas mit einer wie auch immer gearteten Ästhetik versieht. Das aber jetzt mit Knopp´schem Banalitäten TV zu vergleichen finde ich tatsächlich fast frech. Das ist auf einer inhaltlichen Ebene auf einem ganz anderen Level und ich finde es gut, dass man auf die Einbeziehung von irgendwelchen Experten verzichtet. Dass das auch aus einer geschichtswissenschaftlichen Perspektive akzeptiert wird, kann man daran sehen, dass z.B. das Journal of American History regelmäßige Besprechungen von anerkannten Leuten bringt, die das alles in alle gelungen finden. Was die musikalische Untermalung angeht: wenn Du Dir die Tracklists von Radio Vietnam mal querliest, dann scheint mir das sehr repräsentativ zu sein. Dazu gehören eben nicht nur die linken Hippiebands, sondern auch reaktionärer Country von einem Merle Haggard. Und dass ich dann Jefferson Airplane „cooler“ finde als irgendwelche Heimatkacke-es-war-edelweiß-Wehrmachtsmucke, gut ja, das stimmt.

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