Herbstlektüre

Retroflagge USA mit American Potpourri Schrift

Ahhh der November. Grau in Grau, feucht und ätzend. Um der alljährlichen Novemberdepression etwas entgegenzusetzen, gibt es von mir heute einige Lektüretipps. Ich habe beschlossen die folgenden Romane im heutigen American Potpourri eher kurz zusammenzufassen, statt jeweils einzelne Rezensionen zu schreiben, obwohl jedes Buch eine solche verdient gehabt hätte.

Americana

  1. Donald Ray Pollock – The Heavenly Table (dt. Die himmlische Tafel, 2016)

Alles ist dreckig. Es starrt nur so vor Dreck und zwar überall im Ohio des Jahres 1917. Ins dortige Ross County ziehen die drei Outlaw-Brüder Cane, Cob & Chimney Jewett aus dem heimatlichen Georgia, um ihrem großen Vorbild nachzueifern, dem Groschenroman-Helden Bloody Bill Bucket. Raubend, mordend und brandschatzend verfolgen wir die drei auf ihrem Trip zum großen Geld. Allerlei skurrile Figuren und Schauplätze, sowie ein fantastischer Blick ins ländliche Amerika, begleiten uns entlang des Weges. Pollock, auch hierzulande durch das nicht minder großartige Knockemstiff bekannt geworden, schafft eine sehr schöne Balance aus tiefschwarzem Humor und dem ernsthaften Sittengemälde einer verrohten Gesellschaft. Die himmlische Tafel ist ein unbedingt lesenswerter Roman über das dörfliche Amerika kurz vor deren Eintritt in den Ersten Weltkrieg und zudem ein Lehrstück über die unentrinnbare Wirkmächtigkeit des Frontier-Mythos.

2. Hari Kunzru – White Tears (dt. White Tears, 2017)

Ein fantastisches Buch, soviel vorweg. Zwei weiße, hipstereske Musikproduzenten in New York versuchen sich an Authentizität. So unterschiedlich beide sind, eint sie doch das Ziel den ursprünglichen Sound des amerikanischen Blues – auf dessen Bedeutung ich an dieser Stelle schon einmal hinwies – wiederzuerwecken. Dabei stoßen sie auf den verschollenen Song eines Musikers, von dem man nicht weiß, ob es ihn überhaupt jemals gegeben hat. Und von da an gerät hier alles ziemlich aus den Fugen. Es bedarf eines zunehmend wahnwitzigen Roadtrips durch das ländliche Mississippi, um dem düsteren Geheimnis auf die Spur zu kommen. Kunzru hat ein sensationelles Buch über Amerikas unbewältigte Gewaltgeschichte geschrieben, einen Roman über die kulturelle Aneignung afro-amerikanischen Kulturgutes. Eine Geistergeschichte, eine Road Novel und ein Musikbuch in Einem. Man hört Bluesgrößen wie Mississippi Fred McDowell bei der Lektüre förmlich mitsingen. Eines der besten Bücher, die ich seit längerem gelesen habe.

dav

Spione und Frauen

3. Viet Thanh Nguyen – The Sympathizer (dt. Der Sympathisant, 2017)

Das nächste kleine Meisterwerk. Eine Gruppe südvietnamesischer Exilanten versucht nach dem Fall von Saigon in den USA ein neues Leben zu beginnen. Unter ihnen ein als Erzähler fungierender, namenloser Doppelagent, der heimlich für das kommunistische Regime arbeitet. Nguyen gelingt zum Einen ein Porträt der amerikanischen Gesellschaft und Kulturlandschaft aus einer „Außenseiterperspektive“. Der Protagonist wird z.B. zufällig Teil der Produktionscrew für einen großen Vietnamkriegsfilm und soll in dieser Funktion sicherstellen, dass die vietnamesische Perspektive adäquat abgebildet wird. Das ist großartig, teilweise ernsthaft witzig, aber auch immer spannend geschrieben, muss doch der Spion immer mit seiner Enttarnung rechnen. Der mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Roman, versucht sich erfolgreich daran, die Erinnerung an den Vietnamkrieg aus ihrer reinen Amerikazentriertheit zu befreien und schafft es ganz nebenbei auch noch, sowohl eine Sozialsatire als auch ein richtig guter Spionagethriller zu sein. Keine kleine Leistung von Herrn Nguyen.

4. Stephen & Owen King – The Sleeping Beauties (dt. The Sleeping Beauties, 2017)

Man kann die vermutlich aufkommende Kritik hier direkt vorwegnehmen. Ja, Stephen King hat diese Versuchsanordnung schon oft benutzt. Eine kleine Stadt irgendwo in the middle of nowhere befällt etwas horrorartiges. Was passiert im small town America in einem Ausnahmezustand? Nichts Gutes vermutlich. Ja, die hier im Mittelpunkt stehenden Gender-Stereotype sind – um es vorsichtig zu formulieren – nicht gerade grazil gezeichnet. Und es stimmt auch, Stephen King hat sicherlich schon bessere Bücher geschrieben. Trotzdem fand ich The Sleeping Beauties lesenswert. Wie würde eine Welt ohne Frauen aussehen, ist die Frage die den Roman umtreibt. Diese werden nämlich, wenn Sie einschlafen, von einem spinnennetzartigen Kokon überzogen. Weckt man sie auf, reagieren sie, nun ja, unangenehm. So bleibt für die Frauen der Kampf gegen den Schlaf, für die Männer der gegeneinander. Das ein großer Teil der Handlung in einem Frauengefängnis spielt, fand ich einen netten erzählerischen Twist. Das gemeinsam mit seinem Sohn Owen verfasste Werk ist was es ist – ein King. Wer Stephen King mag, wird auch The Sleeping Beauties mögen. Wer noch nie etwas von ihm gelesen hat, sollte evt. einen anderen Einstieg wie ES oder The Stand wählen.

dav

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4 Gedanken zu “Herbstlektüre

  1. Ein kleiner Hinweis zu White Tears, dem Blues und der Vorgeschichte des Rock & Roll bzw. des amerikanischen Pop: Auf Arte ist noch eine sehr erhellende Doku einsehbar, die recht plausibel aufzeigt, dass es sich nicht nur um eine Aneignung schwarzer Musik handelte, sondern dass die ganze Angelegenheit eine weitere Vorgeschichte hat (https://www.arte.tv/de/videos/051059-000-A/rumble-das-rote-herz-des-rock/). Nicht zuletzt an Link Wray, dessen großartiger Song ‚Rumble‘ dem einen oder anderen vom Tarantino Soundtrack bekannt sein wird, werden die indigenen Ursprünge des amerikanischen Blues und Rock verdeutlicht.

    Die ‚Mutter‘ aller verzerrten Gitarrensongs, die von Jimmy Page über Pete Townshend bis zu Iggy Pop alle geprägt hat (siehe hierzu den großartigen Ausschnitt aus ‚It Might get Loud‘: https://www.youtube.com/watch?v=LnyY3rJoaZ4&list=RDLnyY3rJoaZ4&t=38), ist nicht nur ’schwarzer‘, sondern eben auch ‚roter‘ Herkunft. Nach der Doku hört man jedenfalls vieles nochmals neu. So etwa Jimi Hendrix, der auch zum Teil Cherokee-Wurzeln hatte. Das hat nichts mit Ethnizität, mit vermeintlichem ‚Blut‘ zu tun, sondern mit der Musik und der Kultur, die zu Hause gepflegt wurde. Rumble on…

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