Ein paar Worte zu Thanksgiving

Retroflagge USA mit American Potpourri Schrift

Grob 45 Millionen Truthähne werden morgen auf Amerikas Esstischen landen. Genau, es ist Thanksgiving, das amerikanische Erntedankfest und mit Weihnachten der wichtigste Familienfeiertag in den USA. Ähnlich wie Halloween will ich Euch dieses Festchen kurz vorstellen.

Eine kurze Thanksgiving-Geschichte

Angeblich hat es sich so abgespielt. Im Jahre 1620 landete eine Gruppe von 102 Religionsflüchtlingen auf der Mayflower an der Küste des heutigen Massachussetts – die berühmten Pilgrim Fathers. Ursprünglich wollten die Guten deutlich weiter südlich, nämlich an der Mündung des Hudson River im heutigen New York State, ankommen. Diese kleine Navigationspanne sollte unangenehme Konsequenzen haben, ist es doch in Massachussetts deutlich kälter als am Hudson. Weil nun auch noch der Winter des Jahres 1620 ein überaus harter war, verblieben die Pilger sicherheitshalber an Bord ihres Schiffes, wo sie an Skorbut und anderen Krankheiten litten und letztlich nur die Hälfte diesen ersten Winter überlebte.

Ohne die Hilfe der benachbarten Wampanoag-Indianer hätten es die Pilgerväter wohl nicht geschafft eine dauerhafte Siedlung zu errichten, was sie 1621 taten und ihr den Namen Plymouth gaben. Um das Überleben und die erfolgreiche Ernte im ersten Jahr zu feiern, lud nun der Gouverneur der jungen Kolonie, William Bradford, die indigenen Helfer zu einem Dankesfest ein – das erste Thanksgiving. Es ist allerdings sehr umstritten, ob das Ganze in dieser Frühphase auch wirklich so bezeichnet wurde. Auch der Speiseplan ist kaum bekannt, es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass Truthähne darauf standen und noch weit unwahrscheinlicher, dass es irgendwelche Kuchen gab, hatten die Armen doch weder Öfen noch ausreichend Zucker.

The_First_Thanksgiving_cph.3g04961.jpg
Ham wir uns nicht alle lieb, am ersten Thanksgiving?

Die weitere Entwicklung

In den Folgejahrzehnten etablierte sich zwar die religiös motivierte Tradition eines Erntedankfestes vor allem in den neuenglischen Kolonien, es ist aber umstritten wie regelmäßig dieses Fest auch wirklich begangen wurde. Auch die Proklamation des ersten Präsidenten George Washington, ein Dankesfest für den siegreichen Unabhängigkeitskrieg und die erfolgreiche Ratifizierung der Verfassung 1789 abzuhalten, sorgte nicht für die Etablierung eines formelles Feiertages. Es dauerte bis 1817, ehe New York der erste von mehreren Staaten des Nordostens wurde, die Thanksgiving als offiziellen Feiertag einführte, der allerdings in den verschiedenen Staaten an unterschiedlichen Tagen gefeiert wurde. Im amerikanischen Süden blieb die Tradition generell unbedeutend.

Das alles war der Journalistin und Dichterin Sarah Josepha Hale („Mary had a little lamb“) zu wenig. Ab 1827 begann sie Präsidenten, Senatoren und Abgeordnete mit Petitionen und Bittschriften zur Einrichtung eines nationalen Thanksgiving-Feiertages zu bombardieren. Es ist unklar, ob Abraham Lincoln 1863, nach 36 Jahren, dem Ganzen aus purer Genervtheit oder ehrlicher Überzeugung, nachgab. Jedenfalls legte Honest Abe einen nationalen Feiertag fest, der zunächst immer am letzten Donnerstag im November gefeiert werden sollte. Das wurde von Franklin D. Roosevelt 1941 dann auf den jeweils vierten Donnerstag verlegt und so ist es bis heute geblieben.

Traditionen und Kontroversen

Nach dem Bürgerkrieg begann sich das Feiern von Thanksgiving schließlich auch im Süden etwas stärker zu verbreiten, wurde aber im Laufe des 20. Jahrhunderts, wie so vieles andere auch, immer stärker säkular überformt. So veranstaltete 1924 das Kaufhaus Macys eine erste Thanksgiving-Parade in New York, die es bis heute gibt und viele Nachahmer gefunden hat – auch wenn die New Yorker Parade mit jährlich 2,5-3 Millionen Besuchern mit Abstand die Größte geblieben ist. Auch die Tradition, dass der Präsident Truthähne begnadigt, fällt wohl an den Beginn des 20. Jahrhunderts.

Macy's_Day_Parade_Stars
Die alljährliche Thanksgiving Parade von Macys

Kontrovers diskutiert wird, inwiefern die Pilgerväter wirklich die ersten in Nordamerika waren, die ein derartiges Dankesfest veranstalteten. Manche Historiker sehen bereits ähnliche Festivitäten in der spanischen Siedlung St. Augustine in Florida im Jahre 1565 als Thanksgiving-Vorläufer. Das passt aber natürlich eher schlecht in die protestantische Traditionslinie. Den heftigsten Streit aber gibt es – völlig zurecht – über die romantisierende Inszenierung der Beziehung zwischen den Pilgervätern und ihren indianischen Lebensrettern. Hier werde so getan, als sei das ein recht betuliches Miteinander gewesen, was die früh ausbrechenden, gewalttätigen Konflikte und eingeschleppten Krankheiten, denen Millionen zum Opfer fielen, geflissentlich unter den reich gedeckten Esszimmerteppich kehrt. Deshalb gibt es seit den 1970er Jahren an Thanksgiving auch regelmäßig Protestkundgebungen verschiedener Native American Rights Gruppen.

Puh, so, am Freitag gibts dann das, worum es an Thanksgiving letzten Endes geht: was zu Essen.

 

Advertisements

6 Gedanken zu “Ein paar Worte zu Thanksgiving

  1. Ich habe vor einigen Jahren mal in Amerika Thanksgiving gefeiert und war überrascht wie schön ich dieses Fest fand. Das Haus war schon weihnachtlich geschmückt, zig Freunde und Familienmitglieder zu Besuch, lecker Essen und eine wahnsinnig entspannte Atmosphäre. Jeder legte sich mal ein bißchen hin, dann wurde wieder gesungen oder Spiele gespielt… Eigentlich wie Weihnachten, nur ohne Geschenke und Frust. 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Gabs auch das obligatorische Football-Spiel der Detroit Lions? 😁 Nein, ich ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das ein schönes und entspanntes Fest ist. Ich selbst kam leider noch nicht in den Genuss, wurde nur schon häufiger eingeladen, war aber nie vor Ort. Habe nur mal vor Jahren hierzulande ein Thanksgiving Menü gekocht.

      Gefällt mir

    1. Sehr gerne 🙂 Geht mir ansonsten auch so, wäre da gerne mal dabei, hat bei mir trotz Einladungen leider nie geklappt. Was das Essen angeht: haha, ja da wohl hierzulande kaum jemand an Thanksgiving kocht, wird das auch eher etwas, was man mal zu Weihnachten machen könnte 😉

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s