„The Heimat Abroad“ – Über die Deutschen in den USA

Retroflagge USA mit American Potpourri Schrift

5 643 893. Dies ist die Zahl der in die USA eingewanderten Deutschen von 1820-1924. Und diese Zahl ist vermutlich sogar recht niedrig kalkuliert, ist es doch insbesondere vor der Reichsgründung 1871 gar nicht so einfach zu bestimmen, wer eigentlich Deutscher war. Würde man z.B. nur die Sprache als Kriterium nehmen, läge die Anzahl sicherlich noch deutlich höher, denn nach 1871 wurden z.B. deutschsprachige Einwanderer aus Österreich-Ungarn oder der Schweiz von den amerikanischen Behörden nicht als Deutsche klassifiziert. Hin wie her bildeten Deutsche im 19. Jahrhundert konstant die größte Immigrantengruppe in den Vereinigten Staaten, eine Stadt wie New York war zeitweise die größte deutschsprachige Metropole nach Berlin und Wien (heute haben 14,4% der amerikanischen Bevölkerung deutsche Vorfahren). Aber warum kamen sie dorthin und was betrieben sie dort so?

Von Push- und Pull Faktoren

Schon in der Kolonialzeit gab es deutsche Auswanderung aus religiösen Gründen. Mennoniten, Pietisten und Angehörige verwandter evangelischer Freikirchen ließen sich im 18. Jahrhundert dann häufig in dem als besonders tolerant geltenden Pennsylvania nieder. Eine weitere Welle religiöser Auswanderung setzte mit Bismarcks Kulturkampf in den 1880er Jahren ein, allerdings mussten die meisten deutschen Katholiken dann feststellen, dass die katholische Kirche auch in den USA nicht gerade zu den populärsten Einrichtungen gehörte.

In der Folge der gescheiterten Revolution von 1848 und dann nochmals aufgrund der Sozialistenhetze im Kaiserreich gab es auch politische Gründe für die Emigration. Der prominenteste 48er, Carl Schurz, brachte es in den USA zum General der Nordstaaten im Bürgerkrieg, Senator und Innenminister. Viele Sozialisten wiederum nahmen schnell führende Positionen in der jungen amerikanischen Gewerkschaftsbewegung ein, oder bewegten sich als Aktivisten in den anarchistischen Zirkeln der Zeit. Im Unterschied zu den Iren zeigten sich die Deutschen aber nicht wirklich an politischer Einflußnahme oder Gestaltungswillen interessiert. Darüberhinaus bildeten Push-Faktoren wie religiöse oder politische Verfolgung nie den Hauptgrund für die deutsche Auswanderung. Die überwältigende Mehrheit der Deutschen kam aus ökonomischen Gründen in die USA. Man versprach sich dort schlicht und ergreifend bessere Möglichkeiten seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Vor dem Bürgerkrieg 1861 waren die meisten Deutschen kleine Landbesitzer aus Süddeutschland, die auch in der neuen Heimat der Landwirtschaft treu blieben. Sie ließen sich überwiegend in Staaten des Mittleren Westens, wie Ohio, Michigan, Illinois oder Wisconsin nieder.

Bundesarchiv Bild 137-050127, USA, Deutsche Einwandererfamilie.jpg
Deutsche Farmerfamilie in Wisconsin, Quelle: By Bundesarchiv, Bild 137-050127 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5337521

Nach dem Bürgerkieg veränderte sich die soziale Zusammensetzung der deutschen Auswanderer. Mehr und mehr arme Bauern und landlose Arbeiter aus dem Nordosten des Kaiserreiches machten sich jetzt auf den Weg. Diese ließen sich als Farmer dann meistens weiter im Westen, wie in North und South Dakota nieder, aber auch in Texas bildete sich eine substanzielle deutsche Community. Viele Angehörige dieser zweiten deutschen Einwandererwelle zog es aber auch in die Städte des Mittleren Westens. In diesem Zeitraum entstand das so genannte German Triangle, zwischen Cincinnati, Milwaukee und St. Louis. Generell bildeten die Deutschen keine Ausnahme darin, sich in bereits etablierten Auswandererclustern niederzulassen. Man blieb häufig unter sich.

German American „Kultur“

„Wherever three Germans congregated in the United States one opened a saloon, so that the other two might have a place to argue.“ Mit diesen Worten beschwerte sich ein Beobachter 1860 über die mitgebrachte Trink- und Debattenkultur der Deutschen. Aber der Kulturimport hörte nicht mit der Eröffnung von beer gardens und Kneipen auf. Eigene Zeitungen wie die Volkszeitung in Cincinnati oder der Deutsche Pionier sorgten für beständige Neuigkeiten aus der alten Heimat. Schnell etablierte sich zudem ein weitverzweigtes Vereinswesen. Turn- und Sängervereine, Karnevalsgesellschaften und Schützenklubs bestimmten die ethnischen Enklaven.

Der deutsche Turnverein in St. Louis

Am bemerkenswertesten in dieser Hinsicht, ist aber sicherlich das sehr lange Festhalten an der deutschen Sprache. Die Immigranten legten großen Wert darauf, Deutsch nicht nur als Verkehrssprache in der eigenen Community zu erhalten, sondern in den Schulen unterrichten zu lassen. Dabei wurden sie bis in die 1880er Jahre sogar von den amerikanischen Schulbehörden unterstützt, die in manchen Staaten wie Pennsylvania oder Ohio dabei halfen gar komplett deutschsprachige Schulen einzurichten. Dies änderte sich mit den zunehmenden Amerikanisierungskampagnen im Zuge der Masseneinwanderung Ende des 19. Jahrhunderts. Nun wurde seitens der offiziellen Stellen immer massiver versucht, die Präsenz des Deutschunterrichts (und der anderer Sprachen) zurückzudrängen. Derlei Dinge landeten häufig vor Gericht, in zwei Fällen sogar vor dem Supreme Court und es gelang den Deutschen durchaus hier Erfolge zu erzielen. Doch spätestens mit der anti-deutschen Hysterie während des Ersten Weltkrieges, in der Hamburger zu freedom burgers, Hot Dogs zu liberty sausages und Sauerkraut zu liberty cabbage umgetauft wurden, konnten sich die Deutschen dem zunehmenden Assimilationsdruck nicht mehr entziehen. Es begann nun die verspätete, nahezu komplette, Integration in die amerikanische Mehrheitsgesellschaft, die man ab den 1930er Jahren als abgeschlossen bezeichnen kann. Nichtsdestotrotz haben deutsche Einwanderer auf unterschiedlichen Ebenen zahllose Spuren in der amerikanischen Gesellschaft und Kultur hinterlassen. Oktoberfeste und Karnevalsumzüge, deutsche Restaurants und deutsches Bier, gibt es auch heute noch in vielen Ecken der USA zu bestaunen.

 

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